»Ist das schlimm?« – Chatbots im Gesundheitsalltag

Von Dr. Ulrike Gebhardt Lesezeit 2 Minuten
Smartphone-Display, aus dem eine Ärztin ihr Stethoskop heraushält. Gesicht und Hand bestehen aus Nullen und Einsen.

Vor- und Nachteile der Gesundheitsberatung per KI: Fachleute raten zu gezielter Aufklärung über sinnvolle Einsatzbereiche.

Ein heftiges Ziehen im Rücken, morgendlicher Schwindel, ein juckender Ausschlag am Handgelenk – bei plötzlichen Beschwerden ist das Smartphone schnell zur Hand, um die KI nach den möglichen Ursachen zu fragen: »Was könnte das sein?«, »Geht das wieder weg?«, »Muss ich damit zum Arzt?«. Laut einer repräsentativen Umfrage des Digitalverbandes Bitkom wenden sich bereits 45% der Menschen in Deutschland mit Gesundheitsfragen regelmäßig an Chatbots wie ChatGPT, Gemini oder Copilot.

Wobei, so ganz genau lässt sich die Nutzungsfreude nicht messen: »Prinzipiell explodiert die ChatbotNutzung derzeit«, sagt Elena Link, Professorin für Wissenschaftskommunikation am Institut für Publizistik an der Johannes Gutenberg-Universität Mainz. Deswegen sei es relativ schwierig zu sagen, wie weit verbreitet es tatsächlich schon ist.

Die größte Nutzergruppe sind aber offenbar junge Menschen zwischen 18 und 34 Jahren. Schätzungsweise auch jede(r) Fünfte der über-65-Jährigen setzt in Gesundheitsfragen auf die KI.

Ständig verfügbar

Ganz offensichtlich besteht ein Bedarf, den das Gesundheitssystem über klassische Wege nicht bedienen kann. Arztpraxen sind telefonisch häufig schwer zu erreichen, es gibt lange Wartezeiten, vor allem auf Facharzttermine, manche Praxen nehmen keine neuen Patientinnen und Patienten mehr auf. »Chatbots stehen eigentlich 24/7 zur Verfügung, insbesondere auch außerhalb der Sprechstundenzeiten«, weiß Felix Mühlensiepen, Leiter der Nachwuchsgruppe ›User Experience in Digital Health‹, Koordinator des Zentrums für Versorgungsforschung an der Medizinischen Hochschule Brandenburg.

Rund 70% der Anfragen bei Chatbots erfolgten außerhalb der Sprechzeiten. Chatbots böten Anonymität und senkten die Hemmschwelle insbesondere, wenn es um sensible Themen wie psychische Erkrankungen, sexuelle Gesundheit oder Sucht gehe. Weitere Vorteile sehen Fachleute darin, dass Chatbots helfen können, die Dringlichkeit von Beschwerden einzuordnen und im Idealfall die Gesundheitskompetenz der Bevölkerung verbessern.

Kein Ersatz für den Arztbesuch

Dadurch, dass Chatbots in der Regel auf Informationen, die frei im Internet verfügbar sind, zurückgreifen (nicht nur auf fachlich geprüfte, evidenzbasierte), kann die Qualität der Antworten unterschiedlich ausfallen. Zudem geht es den Konzernen hinter der KI meist weniger um die Gesundheit der ratsuchenden Person, sondern vielmehr darum, Aufmerksamkeit, Zeit und Engagement möglichst vieler Menschen zu gewinnen.

Chatbots sind mit einer professionellen medizinischen Versorgung nicht vergleichbar und sie können sie keinesfalls ersetzen. Es besteht zudem die Gefahr, sensible Gesundheitsdaten offenzulegen. Kerstin Denecke, Co-Leiterin des Instituts für Patient-centered Digital Health, Berner Fachhochschule (BFH), Schweiz, nennt weitere Risiken: Der Arzt, die Ärztin gehe auf mich als Person ein, der KI dagegen fehle die Individualisierung. Das KI-Tool kenne mich nicht: »Es kann zu gefährlichen Selbstdiagnosen führen, in die man sich dann hineinsteigern kann.« Das könne Ängste auslösen und notwendige Behandlungen verzögern.

Aus vielfältige Angeboten Sinnvolles auswählen

Aber: Chatbot ist nicht gleich Chatbot. Neben denjenigen, die große Techkonzerne entwickelt haben, gibt es inzwischen kleinere, spezialisierte, die z. B. auf die Initiative von Fachärzten oder Patientenorganisationen zurückgehen, wie SuchtGPT oder LupusGPT – Letzterer eine europaweite Initiative mit dem Ziel, ein sicheres, patientenorientiertes digitales Tool zu entwickeln, das Fragen zu dieser Autoimmunerkrankung präzise beantwortet – in einer für Patienten verständlichen Sprache.

Was macht der Mensch aus den Möglichkeiten, die die Technik bietet? Die Bevölkerung müsse besser aufgeklärt werden, fordert Elena Link – für welche Fragen welcher Chatbot gut funktioniert und bei welchen Fragen auch die KI nicht die passenden Lösungen liefert.

45 % nutzen KI-Chatbots zur Symptomrecherche. 16 % sind der Empfehlung eines Chatbots gefolgt statt der des Arztes.
© de Jong Typografie
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