Smartwatches, Fitnesstracker, Datenbrillen, Apps – immer mehr Menschen nutzen digitale Hilfsmittel zur Prävention: um Gesundheitsdaten zu erfassen, Fitness zu trainieren, sich gesund zu ernähren, nicht mehr zu rauchen oder sich effektiv zu entspannen.
Die Uhr am Handgelenk vibriert, auf dem Display hüpft ein Männchen auf und ab. ›Zeit für Bewegung‹ steht darunter, und die Erinnerung ist nach zweieinhalb Stunden nonstop am Schreibtisch sicher eine gute Idee. Abends nach dem Essen fällt der Blick erneut auf die Uhr: 4528 Schritte zeigt sie an – eine Zahl, mit der man ungern ins Bett geht, also fällt die Entscheidung gegen das Sofa und für eine Runde um den Block.
»Es ist inzwischen weit verbreitet, dass Menschen aktiv Verantwortung für ihr Gesundheitsverhalten übernehmen und sich digitaler Tools bedienen, um es zu überwachen und im Idealfall dann auch zu verbessern«, sagt Dr. Saskia Müllmann von der Abteilung Prävention und Evaluation am Leibniz-Institut für Präventionsforschung und Epidemiologie – BIPS. Da werden Schritte gezählt und Aktivitätsminuten aufgezeichnet, der Schlaf wird analysiert, der Menstruationszyklus überwacht, die Menge an Wassergläsern pro Tag und das Verhältnis der gegessenen Kohlenhydrate, Proteine und Fette getrackt. »Die Möglichkeiten sind riesig, hinzu kommen zahlreiche Angebote aus dem Bereich mentale Gesundheit«, sagt Müllmann.
Fitnesstracker, Apps etc. werden vor allem auf individueller Ebene angewandt, und zwar hauptsächlich von Menschen, die gesundheitsbewusst sind.
In der Fläche werden solche Tools bislang noch kaum eingesetzt. Da fehlen Müllmann zufolge zum einen Strukturen, zum anderen liegt der Fokus in unserem Gesundheitssystem eher auf dem Krankheitsmanagement. Fitnesstracker, Apps etc. werden also vor allem auf individueller Ebene angewandt, und zwar, das weiß man aus Studien, hauptsächlich von Menschen, die gesundheitsbewusst sind. So löblich es auch ist, wenn man sich um die eigene Gesundheit kümmert, so ist das Ganze doch auch mit Vorsicht zu genießen: »Das macht ja was mit einem, wenn man rund um die Uhr alles aufzeichnet und beobachtet an Körperfunktionen und Leistung, und plötzlich taucht da etwas auf, was sonst nicht so ist«, sagt Müllmann. »Es ist daher sicher sinnvoll, solche Tools ergänzend zu medizinischen Behandlungen einzusetzen, aber ob man als gesunde Person eine Überwachung sämtlicher Körperfunktionen wirklich braucht, ist fraglich.«
Versteckte Kosten
Die Forschenden am BIPS sehen häufig Zugangsprobleme zu den digitalen Tools. »Zum einen muss man sich das leisten können – die Smartwatch oder Datenbrille und das dazugehörige Smartphone, um die Daten auszulesen –, zum anderen erfordert der richtige Einsatz der Tools eine hohe digitale Kompetenz«, sagt Müllmann, »und damit werden sowieso schon benachteiligte Bevölkerungsgruppen zurückgelassen. So wird die Schere der gesundheitlichen Ungleichheit noch größer.«
Eine Sonderform unter den digitalen Tools sind die sogenannten digitalen Gesundheitsanwendungen, kurz DiGA. Diese verschreibungspflichtigen Apps sind in Studien auf ihre Wirksamkeit hin untersucht und vom Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte (BfArM) zugelassen worden. »Das ist ein großer Vorteil für Nutzerinnen und Nutzer«, sagt Müllmann, »denn viele Anwendungen, die auf dem Markt sind, wurden nicht wissenschaftlich evaluiert, man weiß also weder, ob sie wirksam sind, noch, ob dort enthaltene Informationen vielleicht sogar falsch sind.«
Man sollte sich genau anschauen, wer eine App herausgebracht hat, ob es Studien dazu gibt und auch, wie aktuell das Angebot ist.
Um frei erhältliche Anwendungen auf ihre Qualität hin einschätzen zu können, bedarf es wieder digitaler Kompetenzen. Man sollte sich genau anschauen, wer eine App überhaupt herausgebracht hat, ob es Studien oder wissenschaftliche Quellen dazu gibt und auch, wie aktuell das Angebot ist. »Wenn eine App vor fünf Jahren auf den Markt gekommen und nie upgedatet worden ist, sollte man skeptisch werden«, sagt Müllmann. Weitere Fallstricke während der Nutzung sieht die Expertin im Datenschutz – welche der erfassten Gesundheitsinformationen werden wie weitergegeben und gespeichert? – und möglicher versteckter Kosten. In einer Studie zu Flüssigkeitstrackern z. B. hätten die Teilnehmenden ihre getrunkenen Mengen eingeben und einen Pokal erhalten können, wenn sie das Tagesziel geschafft haben. Es gab jedoch sehr viele Werbeinhalte und man konnte in der kostenlosen Version nicht alle Funktionen nutzen. »Man muss sich darüber im Klaren sein, dass man auch für die kostenlosen Versionen bezahlt – mit seinen Daten«, sagt Müllmann.
Vorteil Langzeittracking
Einer, der vor allem in den Wearables einen großen Vorteil sieht, ist Prof. Dr. Dirk Westermann, Ärztlicher Direktor der Klinik für Kardiologie und Angiologie am Universitätsklinikum Freiburg. »Da ist seit fünf Jahren sehr viel in Bewegung, von dem Patientinnen und Patienten gerade im Bereich kardiovaskuläre Gesundheit profitieren«, sagt der Kardiologe. Da wäre zunächst das inzwischen sehr bekannte Activity-Tracking, das seinem Nutzer anzeigt, wie viel Schritte er im Laufe eines Tages gesammelt, wie lange er sich intensiv oder moderat bewegt hat. »Wer sich von solchen Tools motivieren lässt zu mehr Bewegung, leistet damit automatisch einen wesentlichen Beitrag für seine Herzgesundheit und kann so beispielsweise auch einer Adipositas entgegenwirken«, sagt Westermann.
Spezieller sind Ringe und Armbänder, mit denen sich der Blutdruck messen lässt. Rund fünf davon sind derzeit auf dem Markt, noch nicht alle davon von der Europäischen Arzneimittel-Agentur EMA zugelassen. »Daten aus Studien zeigen, dass die sehr zuverlässig funktionieren«, sagt Westermann. Zur Diagnosestellung eines Bluthochdrucks sind solche Devices nicht geeignet, das sollte nach wie vor ein Arzt oder eine Ärztin tun. »Wenn ich dann aber weiß, dass ich ein Bluthochdruckkandidat bin, kann so ein Langzeittracking anhand eines Tages- und Nacht-Profils sehr gut Auskunft geben, wann ich möglicherweise Spitzen habe und womit die vielleicht zusammenhängen«, sagt Westermann.
Vorhofflimmern erkennen
Eine Form des Trackings, dessen Ergebnisse Westermann und seinen Kollegen ständig ins Mailpostfach flattern, ist das EKG-Monitoring. Etwa zehn Patienten pro Tag schicken den Kardiologen die Aufzeichnungen ihrer smarten Uhren und Ringe: Irgendwas sei da auffällig – sagt der Tracker. »Für uns ist das ein enorm hoher zusätzlicher Aufwand, den wir nicht bezahlt bekommen von den Kassen«, sagt Westermann, »allerdings zeigt die Erfahrung, dass die Tracker oft recht haben. Wir bitten die Betroffenen dann, mal beim Kardiologen vorbeizuschauen.« Etwa fünf bis acht als Medizinprodukt zugelassene Tracker sind derzeit auf dem Markt, schätzt Westermann, »und die haben eine Spezifizität und Sensitivität von jeweils über 95%, das ist beeindruckend.«
Das große Plus der Technik gegenüber einem Arztbesuch ist die Zeit.
So kann eine Smartwatch z. B. Vorhofflimmern erkennen, das das Risiko für einen Schlaganfall deutlich erhöht. »Man selber merkt überhaupt nicht, dass es da im Körper diese kleinen, leisen Vorboten gibt, aber der Fitnesstracker schlägt Alarm – insofern ist es nicht übertrieben, zu sagen, dass diese Devices Leben retten können«, sagt Westermann. Das große Plus der Technik gegenüber einem Arztbesuch ist die Zeit. Denn während man als gesunder Mensch etwa alle zwei Jahre mal für 10 bis 15 Sekunden bei der Hausärztin oder beim Hausarzt ans EKG gehängt wird, zeichnen die digitalen Tools nahezu rund um die Uhr auf. »Die Wahrscheinlichkeit, dass dabei etwas auffällt, ist natürlich um ein Vielfaches höher«, sagt Westermann.
Digitale Gesundheitshelfer können eine Menge: Sie motivieren u. a. zu mehr Bewegung, liefern wertvolle Langzeitdaten und helfen sogar dabei, gefährliche Herzrhythmusstörungen frühzeitig zu erkennen. Allerdings können sie bei allen überzeugenden Fähigkeiten keine ärztliche Diagnostik oder Einordnung der Daten ersetzen. Als gezielte Unterstützung für Menschen mit einer bestimmten Erkrankung oder einem konkreten Risiko – dafür eignen sie sich gut. Für alle anderen gilt: Bewegung, Schlaf, gesundes Essen, eine ausreichende Flüssigkeitszufuhr und Nichtrauchen tun auch dann gut, wenn keine App sie misst.