Fern der Heimat im Hospiz

Von Christian Beneker Lesezeit 4 Minuten
Gruppe verschiedener Menschen umarmt sich.

Sterben fern der Heimat – das ist für Migrantinnen und Migranten in Deutschland häufig traurige Realität. Dabei wiegt die fremde Kultur des Gastlandes am Lebensende manchmal besonders schwer. Eine psychosoziale Begleitung in Hospizen oder durch ambulante Hospizdienste kann manche Situation erleichtern.

Ende der 1960er Jahre eröffnete die englische Ärztin Dr. Cicely Saunders das erste moderne Hospiz. Damit knüpfte sie an eine alte, aus dem vierten Jahrhundert stammende Tradition an. Seinerzeit entstanden am Rande der Pilgerrouten, die durch Europa führten, Unterkünfte für die Gläubigen. Erst später wurden daraus Herbergen für Sterbenskranke. Die vorurteilsfreie Gastfreundschaft und die Offenheit für Menschen aller Kulturen gehören seither gewissermaßen zur DNA der Hospizbewegung. »Die Hospize stehen jedem offen, egal aus welcher Kultur die Menschen stammen«, betont der Geschäftsführer des Deutschen Hospiz- und Palliativverbandes e. V., Benno Bolze.

Offenheit und Toleranz

Dabei nutzen Migrantinnen und Migranten in den Hospizen oft andere Angebote als die deutschstämmigen Hospizbewohnerinnen und -bewohner. Obwohl in den Hospizen soziokulturell und ethnisch ganz unterschiedliche Migranten leben, haben sie offenbar doch eines gemeinsam: »Rein psychosoziale Unterstützungsangebote, wie religiöse Begleitung oder Seelsorge, werden in eher geringem Maß in Anspruch genommen«, sagt Daniela Grammatico, Autorin des Buches Hospiz- und Palliativarbeit für Menschen mit Migrationshintergrund und leitende Koordinatorin eines ambulanten Hospizdienstes in Düsseldorf. »Das Interesse der zu Begleitenden im ambulanten Hospizdienst richtet sich vorwiegend auf sachliche Themen«, sagt sie. »Die Betroffenen suchen organisatorische Unterstützung bei medizinischen oder pflegerischen Fragen oder in sozialhilferechtlichen Dingen.«

Die Betroffenen suchen organisatorische Unterstützung bei medizinischen oder pflegerischen Fragen oder in sozialhilferechtlichen Dingen.

Grammatico berichtet von einem jungen Mann, der unter einem Hirntumor litt und bereits sterbenskrank war. »Da hat sich die Familie an den ambulanten Hospizdienst gewandt. Aber nicht, weil sie Gesprächsbedarf hatte, vielmehr suchte die Familie eine neue Wohnung, denn die aktuelle hatte Schimmel, und die Familie wollte den schwerkranken Sohn nicht zusätzlichen Gesundheitsgefahren aussetzen. Der Hospizdienst konnte tatsächlich bei der Vermittlung einer neuen Bleibe helfen. Diese Familie ist uns bis heute dankbar, dass wir uns um diese organisatorischen Dinge gekümmert haben.«

Weniger Bedürfnis nach religiöser Betreuung

Wenn es in den Familien mit Migrationshintergrund Kinder betrifft, sei die Bereitschaft, Hilfe anzunehmen, sehr viel höher, berichtet Grammatico. Offenbar ist es auch eine Frage der Zustimmung durch die Familie, ob psychosoziale Fragen angesprochen werden oder nicht.

Der Soziologe und wissenschaftliche Mitarbeiter am Palliativzentrum der Uni-Medizin Göttingen, Dr. Christian Banse, bestätigt anhand seiner Forschungsergebnisse, dass bei Sterbenden mit muslimischem Hintergrund z. B. das Bedürfnis nach religiöser Betreuung keineswegs so groß war wie gedacht. »Das gleiche Ergebnis zeigte sich bei den russischen Juden, die zwischen 1991 und 2004 als Flüchtlinge nach Deutschland gekommen sind. Viel wichtiger war ihnen die medizinische Betreuung«, sagt Banse. Oder bei einer ambulant betreuten kurdischen Bewohnerin: »Für sie war es ganz wichtig, für das Palliativteam, das regelmäßig zu ihr kam, zu kochen «, berichtet Banse. Das war wichtiger für sie als ihre palliative Versorgung.

Oft fehlen Sprachmittler

Die Konzentration aufs Praktische bedeutet nicht, dass die sterbenden Migranten und ihre Familien grundsätzlich keine psychosozialen Bedürfnisse hätten. »Sie wollen ganz selbstverständlich auch mit ihren individuellen Bedürfnissen wahrgenommen werden«, sagt Banse. Aber zu groß seien manchmal die Unterschiede in Kommunikation, Habitus, im Beisammensein und natürlich in der Sprache, um diese Bedürfnisse zu befriedigen. »Viele Hospize sind noch nicht so offen für Menschen mit anderer kultureller Geschichte«, sagt Banse. »Wir würden sagen, dass es hier noch große Probleme gibt.«

Wie soll die Tochter ihrem sterbenden arabisch sprechenden Vater sorgfältig und einfühlsam den Zustand einer Wunde angemessen beschreiben?

Nach seiner Erfahrung fehlen in vielen Hospizen Sprachmittler, die für die Kranken und ihre Familien die oft komplizierten Diagnosen korrekt übersetzen können. »Es fehlt an vielen Orten ein System professioneller Sprachmittler«, meint Banse. Stattdessen arbeiten viele Einrichtungen mit einer Art Ad-hoc- System. Dabei springt dann z. B. die 15-jährige Tochter ein oder jemand aus der Mitarbeiterschaft. »Aber gerade bei heiklen Befunden oder beim Wechsel des Behandlungsziels von kurativ auf palliativ braucht es sorgfältige und genaue Übersetzungen, die von Laien nicht immer geleistet werden können«, erklärt der Soziologe. Wie soll die Tochter ihrem sterbenden arabisch sprechenden Vater sorgfältig und einfühlsam den Zustand einer Wunde angemessen beschreiben? Das kann in der Regel nur eine ausgebildete Sprachmittlerin.

Unsicherheiten und Ängste

Auch erleben viele Migrantinnen und Migranten immer noch, dass Hospizmitarbeiterinnen und -mitarbeiter unsicher und ängstlich sind. »So haben wir festgestellt, dass die Mitarbeitenden nach schlechten Erfahrungen manchmal verallgemeinern «, sagt Banse. Kommt z. B. die Familie zu Besuch aufs Zimmer eines Hospizbewohners, in dem eigentlich viel zu wenig Platz für Besuch ist, urteilen manche Mitarbeitenden vorschnell: »So sind sie immer.«

Dagegen helfe nur, stets die individuelle Geschichte der Schwerkranken zu berücksichtigen. Längst gibt es Einrichtungen, die sich diesen individuellen Blick auf ihre migrantischen Bewohnerinnen und Bewohner explizit zum Ziel gesetzt haben. Flyer in zehn verschiedenen Sprachen sind sicher gut, genügen aber nicht. Vielmehr geht es darum, Fragen zu berücksichtigen wie: Hat der Betreffende Fluchterfahrungen gemacht? Hat er Angehörige verloren? Wurde er traumatisiert? »Allerdings haben diese Einrichtungen vorher ganz genau geguckt, ob sie überhaupt das Personal für diese Art der Arbeit haben«, ergänzt Banse.

Neben positiven Ansätzen hat der Göttinger Soziologe bei seinen Studien aber auch festgestellt, dass es immer noch Mitarbeitende gibt, die unterstellen, Migranten im Hospiz seien per se Problempatienten, weil sie aus Osteuropa oder dem arabischen Raum stammen und sich so verhalten würden, wie es das Vorurteil will. »Dabei kommen sie eben auch aus Österreich oder den USA«, weiß Banse.

»Wir lernen, mit Dingen umzugehen, die wir nicht verstehen«

Um solche Vorurteile abzubauen, schult Elisabeth Schmidt-Pabst vom ambulanten Hospizdienst des Berliner Lazarus-Hospizes im Rahmen ihres Projektes ›Am Lebensende fern der Heimat‹ ehrenamtliche Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter. Kultursensibilität sei eine »Bewusstseinskompetenz«, die sie vermitteln will, sagt sie. Es geht dabei um die Kunst »in einer Grauzone von Nichtwissen zu verharren«. Das bedeutet, in der Begegnung eher eine offene, fragende Haltung einzunehmen als eine wissende.

»So lernen wir mit Dingen umzugehen, die wir nicht verstehen«, ist Schmidt-Pabst überzeugt. »Warum kommt z. B. bei arabischstämmigen Hospizbewohnern die ganze Familie zu Besuch? Bei uns wird das als Störung erlebt. Denn man glaubt, wenn jemand krank ist, braucht er Ruhe. In anderen Kulturen dagegen übernachtet die ganze Familie in einem Zimmer. Da gibt es keinen Gedanken an wohltuende Ruhe. Nur die Anwesenheit der Familie hilft dem Kranken.« Für solche Zusammenhänge offen zu sein – das dient der Sterbebegleitung von Migrantinnen und Migranten.

Mehr Offenheit

Letztlich gehe es ihr gar nicht um kulturelle Unterschiede, meint Schmidt-Pabst. »Ich unterrichte nicht die eine Methode für Araber und die andere für Juden. Mir geht es überhaupt nicht um kulturelle Unterschiede. Sondern mir geht es um eine grundsätzliche Offenheit, um eine Menschenoffenheit.«

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