Ambulante Behandlungszentren begleiten Kinder und Erwachsene mit Entwicklungsstörungen, Behinderungen oder chronischen Erkrankungen oft zeit ihres Lebens.
Als der Arzt Theodor Hellbrügge (1919–2014) in der Nachkriegszeit Mütterberatungen am Münchner Gesundheitsamt abhielt, begegnete er Kleinkindern, die, obwohl medizinisch zunächst unauffällig, in ihrer Entwicklung weit zurücklagen: Sie sprachen noch kein Wort, konnten nicht mit dem Löffel essen, waren auffällig ängstlich und bewegten sich nicht altersgemäß. Die Kinder hatten ihre ersten Lebensjahre in Heimen verbracht. Dort war ihnen offenbar nicht die Förderung zuteilgeworden, die eine gesunde Entwicklung brauchte.
Hellbrügge ließen diese Erlebnisse nicht mehr los. Ende der 1960er Jahre realisierte er an der Uni-Kinderpoliklinik München das erste Sozialpädiatrische Zentrum in Deutschland. Dahinter stand seine Überzeugung, dass rein medizinisch, klinische Konzepte für die Betreuung von Kindern mit Entwicklungsbeeinträchtigungen, Behinderung und /oder chronischen Erkrankungen nicht ausreichen.
Hellbrügges Konzepte der Frühdiagnostik, interdisziplinären Therapie und sozialen Integration bilden auch heute noch wichtige Grundpfeiler in der Arbeitsweise von inzwischen bundesweit 162 ambulant tätigen Sozialpädiatrischen Zentren (SPZ), die in der Sozialgesetzgebung verankert sind.
Die SPZ sind unterschiedlich ausgerichtet. Nach der Überweisung durch die kinderärztliche Praxis sind sie Anlaufstelle z. B. für Kinder mit Entwicklungsstörungen, körperlichen Beeinträchtigungen, Mehrfachbehinderungen, Intelligenzminderung, schweren neurologischen Erkrankungen, psychiatrischen oder genetisch bedingten Erkrankungen wie etwa Mukoviszidose und vielem mehr.
Enge Zusammenarbeit mit der Familie
In den Zentren arbeiten ärztliche, psychologische, therapeutische und pädagogische Fachkräfte, deren Ziel es ist, den begleiteten Kindern und Jugendlichen eine angemessene Teilhabe am gesellschaftlichen Leben zu ermöglichen. Typisch ist die enge Zusammenarbeit mit der Familie, mit Kindergarten und Schule. Dabei steht das Wohl der Kinder im Vordergrund, nicht die organmedizinisch orientierte Therapie. Die Kinder sollen angstfrei und gerne wiederkommen. Die Behandlung im SPZ kann theoretisch von der Geburt an bis zum Beginn des Erwachsenenalters erfolgen.
Eine qualifizierte ambulante Versorgung für erwachsene Menschen mit geistiger oder Mehrfachbehinderung war hierzulande lange Zeit nicht gewährleistet. Erst vor zehn Jahren schuf die damalige Bundesregierung die gesetzliche Grundlage für die Errichtung von Medizinischen Behandlungszentren für Erwachsene mit geistiger Behinderung oder schweren Mehrfachbehinderungen (MZEB).
Bereits im Jahr 2019 gab es 38 MZEB in Deutschland, aktuell sind es 69 Zentren über das Land verteilt. Vergleichbar mit den SPZ steht der einzelne Mensch mit seiner Behinderung im Mittelpunkt der ambulanten Behandlung durch das multidisziplinäre Team. Ihre Aufgaben sehen die Fachleute vor Ort aber nicht nur in der Behandlung, sondern auch in der Früherkennung von Krankheiten.
Die Anamnese braucht viel Zeit
Manche Patientin, mancher Patient kann nicht genau sagen, welche Symptome Schwierigkeiten bereiten, wo es wehtut. Um herauszufinden, wo medizinisch-therapeutisch geholfen werden sollte, muss sich die ärztliche Diagnose beispielsweise auf vielerlei Anhaltspunkte stützen: Neben körperlichen Veränderungen oder auffälligem Verhalten ist auch die sozialpsychologische Situation wichtig. Wie geht es dem Patienten gefühlsmäßig, wie im familiären Miteinander, bei der Arbeit?
Für das Erfragen der Krankengeschichte, die Anamnese, lassen sich die Fachkräfte daher viel Zeit. Die Patienten seien oft so einzigartig in ihrer Körperlichkeit, dass man mit den Standarderkenntnissen der Medizin nicht weiterkomme, sagt Riad Hammad, Psychiater am MZEB Berlin-Süd.