Deutschland bietet Kindern gute Bedingungen zum Aufwachsen. Doch nicht alle haben die gleichen Chancen auf Gesundheit, Bildung und Teilhabe. Wie stark soziale Faktoren die kindliche Entwicklung prägen und wo frühe Unterstützung ansetzen kann, zeigt der Blick auf die aktuelle Lage.
Rund 412 Mio. Kinder leben laut aktuellen Zahlen von UNICEF, dem Kinderhilfswerk der Vereinten Nationen, in extremer Armut. Das entspricht 19,2% aller Kinder weltweit. Ihnen stehen weniger als drei US-Dollar pro Tag zur Verfügung. Gleichzeitig wuchs 2024 rund jedes fünfte Kind in einem von Kriegen oder Konflikten betroffenen Gebiet auf.
Unser Land vergibt Zukunftschancen.
Auf den ersten Blick sind die Voraussetzungen für ein gutes Aufwachsen der rund 14 Mio. Kinder und Jugendlichen in Deutschland dagegen deutlich besser. Doch auch hierzulande kommt der Wohlstand nicht bei allen gleichermaßen an: Nach neueren Zahlen einer europäischen Erhebung, auf die sich das Statistische Bundesamt stützt, sind 16% der unter 18-Jährigen armutsgefährdet, 23,5% sind von Armut oder sozialer Ausgrenzung bedroht.
»Unser Land vergibt Zukunftschancen« – wer heute nicht in Teilhabe, Bildung und gesundheitliche Versorgung der jüngsten Generation investiere, schade nicht nur den Kindern, sondern zahle morgen einen hohen gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Preis, sagt Christian Schneider, Geschäftsführer von UNICEF Deutschland. Dabei bezieht er sich auf eine Studie zum Kindeswohl, die das UNICEF-Forschungsinstitut Innocenti veröffentlicht hat: Unter 37 untersuchten Ländern erreicht Deutschland nur Platz 25.
Ungleiche Startbedingungen
Wohnraum, wirtschaftliche Perspektiven und Infrastruktur prägen Familien schon vor der Geburt eines Kindes: Laut einer aktuellen Auswertung des Bundesinstituts für Bevölkerungsforschung beeinflussen sie mit, ob junge Menschen ihre Kinderwünsche verwirklichen. Besonders deutlich zeigt sich soziale Ungleichheit beim Armutsrisiko von Einelternfamilien. Im vergangenen Jahr lebten rund 2,36 Mio. Minderjährige mit nur einem Elternteil zusammen. 28,9% der Menschen in solchen Haushalten waren armutsgefährdet. In Paarhaushalten mit Kindern waren es 12%.
Die soziale Lage wirkt sich auch auf die Gesundheit aus. Laut UNICEF haben 79% der Kinder aus dem wohlhabendsten Fünftel der Familien in Deutschland eine sehr gute gesundheitliche Verfassung. Im einkommensschwächsten Fünftel sind es 58%.
Wie deutlich sich soziale Unterschiede bei konkreten Erkrankungen niederschlagen, zeigt sich z. B. bei Adipositas: Rund 470000 Fünf- bis 17-Jährige wurden 2023 mit einer Adipositas-Diagnose behandelt. Nach dem Kinder- und Jugendreport der DAK-Gesundheit lag die Häufigkeit bei Kindern aus sozial benachteiligten Familien rund 36% höher. Der Präsident des Berufsverbandes der Kinder- und Jugendärzt*innen (BVKJ), Dr. Michael Hubmann, nennt den Zusammenhang zwischen Adipositas und sozialer Ungleichheit »alarmierend«. Er fordert gesundheitsfördernde Maßnahmen, die alle Kinder »unabhängig von ihrer sozialen Herkunft« erreichen.
Schwere körperliche Erkrankungen wie Krebs wiederum sind im Kindesalter vergleichsweise selten. Laut Deutschem Kinderkrebsregister wurden 2024 in Deutschland 2346 Krebserkrankungen bei Kindern und Jugendlichen unter 18 Jahren gemeldet. 85% der Betroffenen überleben heute mindestens 15 Jahre nach der Diagnose.
Seele unter Druck
Jedes vierte befragte Kind bzw. jeder vierte Jugendliche hierzulande zeigt Hinweise auf psychische Auffälligkeiten (Vorjahr 21%), hat das aktuelle Deutsche Schulbarometer der Robert Bosch Stiftung herausgefunden. Besonders betroffen sind Kinder aus einkommensschwachen Familien. Fast die Hälfte aller Befragten empfindet hohen Leistungsdruck. »Auch wenn es dem Großteil der jungen Menschen in Deutschland gut geht, ist der erneute Anstieg der psychischen Belastung ein Warnsignal, das wir nicht ignorieren dürfen«, kommentiert Dr. Anna Gronostaj, Psychologin bei der Robert Bosch Stiftung, die Ergebnisse.
Wir erleben derzeit keinen vorübergehender Trend, sondern ein strukturelles Versorgungsversagen.
Auch Kinder- und Jugendärztinnen und -ärzte beobachten die Entwicklung mit Sorge. Der BVKJ berichtet aus den Praxen von zunehmenden psychosomatischen Erkrankungen, psychischen Belastungen und Schulabsentismus. »Was wir derzeit erleben, ist kein vorübergehender Trend, sondern ein strukturelles Versorgungsversagen«, sagt Kinder- und Jugendarzt Michael Achenbach vom Ausschuss Jugendmedizin des BVKJ.
Mediennutzung mit Risiken?
Immer wieder geht es auch um den Umgang mit digitalen Medien. Mehr als ein Viertel der 10- bis 17-Jährigen weist bei der Nutzung sozialer Medien riskante oder pathologische Nutzungsmuster auf, so die DAK Mediensuchtstudie 2026. Fachleute warnen allerdings vor einfachen Antworten: »Chancen und Risiken bei der Nutzung digitaler Medien durch Kinder und Jugendliche hängen von ihrem Alter und ihrem Entwicklungsstand ab«, sagt Prof. Dr. Michael Kölch, Präsident der Deutschen Gesellschaft für Kinder- und Jugendpsychiatrie, Psychosomatik und Psychotherapie.
Auch die Jugendlichen selbst sehen das Thema differenziert: Laut Social-Media-Report 2026 der Techniker Krankenkasse befürworten 55% eine Altersgrenze für soziale Netzwerke, die meisten halten 14 Jahre für sinnvoll. Fast die Hälfte (46%) wünscht sich außerdem eine Ansprechperson an der Schule für einen gesunden Umgang mit Social Media.
Gesundheit macht Schule
Damit rückt die Schule auch als Ort der Gesundheitsförderung in den Blick. Denn Gesundheitskompetenz entsteht nicht allein in der Familie. Auch Bildungseinrichtungen tragen dazu bei, dass Kinder einen bewussten Umgang mit gesundheitsbewusstem Verhalten, mit Bewegung, Ernährung, Stress und digitalen Medien entwickeln.
Hier setzt z. B. die Initiative ›Eine starke Gesellschaft braucht gesunde Kinder‹ von BKK Dachverband, Bundesschülerinnen*konferenz, Bundeselternrat und Deutschem Pflegerat an. Sie möchte bundesweit Schulgesundheitsfachkräfte etablieren. Unterstützt wird das Bündnis vom Medizinischen Dienst Bund: »Prävention und Gesundheitsförderung sind essenziell, um Gesundheit in allen Lebensphasen zu erhalten und zu stärken. Schulgesundheitsfachkräfte setzen hier frühzeitig und unmittelbar im Lebensumfeld Schule an«, sagt Dr. Stefan Gronemeyer, Vorstandsvorsitzender des Medizinischen Dienstes Bund.
Prävention von Anfang an
Prävention beginnt nicht erst in der Schule. Früherkennung, Vorsorgeuntersuchungen, Impfungen, Beratungsangebote und frühe Hilfen sollen gesundheitliche oder familiäre Probleme möglichst früh erkennen und Unterstützung vermitteln. Jüngst hat der Gemeinsame Bundesauschuss (GBA) eine zusätzliche Früherkennungsuntersuchung für 9- bis 10-Jährige beschlossen. Mit der neuen U10 sollen unter anderem Übergewicht, körperliche Aktivität, digitaler Medienkonsum und psychische Auffälligkeiten erfasst und der Impfstatus überprüft werden. Bei Auffälligkeiten können Kinder und Eltern beraten und weitere Angebote vermittelt werden.
›Gesundes Aufwachsen von Kindern‹ ist ein Ziel der im Sommer gestarteten Präventionsoffensive der Bundesregierung, die auf frühes Handeln setzt. Schließlich ist Prävention, auch wie Oliver Blatt, Vorstandsvorsitzender des GKV-Spitzenverbandes, sie versteht, »eine gesamtgesellschaftliche Aufgabe«. Ein aktueller Gesetzentwurf setzt genau dort an: Er sieht Entwicklungschecks für Vierjährige und zusätzliche Unterstützung für Kitas in herausfordernden Lagen vor.
Ganz ungetrübt ist der Blick auf die Gesundheits- und Sozialpolitik derzeit nicht. Beispielsweise werden immer mehr Stimmen laut, die vor geplanten Kürzungen bei der Eingliederungshilfe und der Kinder- und Jugendhilfe warnen. Die BAG Selbsthilfe z. B. befürchtet, dass Sparmaßnahmen ausgerechnet jene treffen könnten, die auf Unterstützung am dringendsten angewiesen sind – Menschen mit Behinderungen, chronisch Kranke, Kinder und Jugendliche.
Wie wichtig der Schutz von Kindern ist, zeigen nicht zuletzt die alarmierenden Zahlen zur Kindeswohlgefährdung, die mit rund 79.800 Fällen im vergangenen Jahr einen neuen Höchststand erreichten. Zahlen wie diese machen deutlich: Kinderschutz lässt sich eben nicht allein mit einer Offensive verkünden, er muss auch dort ankommen, wo Familien und Kommunen ohnehin schon an ihre Grenzen stoßen.

Gesundheitskompetenz: Welche Informationsquellen nutzen Kinder und Jugendliche?
- 30% Ärztinnen und Ärzte
- 70% Eltern
- 56% Internet
- 19% Freundinnen und Freunde
- 11% Lehrkräfte
Quelle: DAK-Präventionsradar Kinder- und Jugendgesundheit in Schulen 2026