Gemeinsam spielen, lachen, streiten, sich bewegen – Spielplätze sind wichtig für Kinder mit und ohne Behinderung. Damit die, die dort gemeinsam spielen, früh lernen, dass Unterschiede normal sind. Doch die allermeisten Spielplätze in Deutschland ermöglichen diese inklusiven Begegnungen bisher nicht.
Mit dem Rollstuhl direkt ins Piratenschiff reinrollen, danach eine Runde im Karussell drehen. Und vielleicht wird sogar noch im halbkugelförmigen Netzgebilde ›Ozeandome‹ geklettert, viele Elemente sind vom Boden aus erreichbar. Der ist aus hochwertigem Gummibelag und wie alle Spielgeräte auf dem Spielplatz im Chemnitzer Wohnpark Lebens(T)räume mit kontrastreichen Farben gestaltet – und eine seltene Ausnahme in Deutschland.
Bestenfalls Zuschauer
Spielen zu können gehört zu den grundlegenden Rechten von Kindern. Spielplätze sollten also ein Ort sein, der allen offensteht. Doch für Kinder mit Behinderung bleibt dieser Raum in Deutschland oft verschlossen. Zu diesem Ergebnis kommt eine Studie, die das ›Forschungsinstitut für Inklusion durch Bewegung und Sport‹ (FIBS) im Auftrag der Aktion Mensch durchgeführt hat. Demnach sind rund 80% der begutachteten Spielplätze so gestaltet, dass Kinder mit Behinderung dort bestenfalls zuschauen, aber nicht mitspielen können. Nur etwa ein Fünftel der Spielplätze weist inklusive Merkmale auf – und selbst diese verfügen meist nur über ein einzelnes zugängliches Spielgerät. Ein wirklich inklusives Spielerlebnis, bei dem Kinder mit und ohne Behinderung gleichberechtigt spielen können, bieten Aktion Mensch zufolge bundesweit nur rund 4% aller Spielplätze. »Von Eltern wissen wir, dass sie Spielplätze mit ihren Kindern deshalb oft gar nicht erst besuchen«, sagt Christina Marx, Leiterin Aufklärung und Kommunikation der Aktion Mensch.
Gummi statt Hackschnitzel
Drei Aspekte machen einen Spielplatz inklusiv: seine Zugänglichkeit, die Zugänglichkeit der Geräte und ihre Vielseitigkeit. »Damit ein gemeinsames Spielen möglich ist, müssen alle Kinder den Spielplatz und die Spielgeräte auch erreichen können«, sagt Christina Marx. Wichtig ist die Beschaffenheit der Böden: Nur 2% sind befahrbar und somit z. B. für Kinder im Rollstuhl nutzbar. »Während in Deutschland Hackschnitzel, Kies oder Sand als Bodenbelag weit verbreitet sind, sind barrierefreie Flächen aus stoßdämpfendem Gummi oder aus Korkmischungen in Ländern wie England, Frankreich oder den USA die Regel«, sagt Marx. Die Spielgeräte selbst sollten idealerweise mehrere Zugangsmöglichkeiten wie Rampen, Treppen oder Seile bieten und über sinnesorientierte Elemente sowie eine kontrastreiche Farbgestaltung verfügen.
Gute Planung
»Wir können prinzipiell jedes Spielgerät inklusiv gestalten, ohne dass das automatisch mehr Aufwand oder höhere Kosten bedeutet«, sagt Sebastian Schulte, Geschäftsführer der FHS Holztechnik GmbH. Der Spiel- und Freizeitgerätehersteller aus Arnsberg gestaltet schon seit Jahren unter dem Motto ›INKLUViSION – ALLE SPIELEN ZUSAMMEN‹ inklusive Spielplätze. Das A und O, sagt Schulte, sei eine gute Planung. Schon oft habe er erlebt, dass z. B. barrierefreie Wippen und Schaukeln aufgestellt würden, die Familien dann aber nicht vom Parkplatz auf den Spielplatz kommen – weil eine Tür zu schmal, eine Rampe zu steil oder der Boden aus Sand ist.
In Duisburg baut FHS gerade am vielleicht größten inklusiven Spielgerät Deutschlands. »Wir ermöglichen dort Menschen mit Rollstuhl eine Höhenerfahrung, die bis auf zwei Meter ansteigt«, sagt Schulte, »und das mit unterschiedlich steilen Rampen, auch mal Löchern, denen man ausweichen muss.« Denn, so seine Erfahrung: Auch Rollstuhlfahrer wollen sich mal herausfordern müssen. Und Kinder mit ADHS oder Autismus z. B. brauchten geschützte Rückzugsorte, wenn ihnen alles zu viel wird.
Dass es lohnt, mehr inklusive Spielplätze anzulegen, zeigt die Studie von Aktion Mensch: Dort, wo bereits inklusive Spielplätze existieren, werden sie von Kindern mit und ohne Behinderung gut angenommen und gemeinsam genutzt.