Immer mehr Kinder und Jugendliche fühlen sich psychisch belastet. Kann Schule dazu beitragen, ihre seelische Gesundheit zu stärken? An rund 500 Schulen hierzulande steht Glück auf dem Stundenplan.
Ein Faden, ein paar Knoten – und plötzlich wird sichtbar, was ein Kind schon alles geschafft hat. Im ›Schulfach Glück‹ steht jeder Knoten für ein bewältigtes Ereignis. Die Kinder erzählen, was passiert ist und welche Stärken ihnen geholfen haben. So lenkt eine einfache Übung den Blick auf persönliche Ressourcen.
Genau darum geht es Prof. Dr. Ernst Fritz-Schubert. Der Oberstudiendirektor entwickelte 2007 an der beruflichen Willy-Hellpach-Schule in Heidelberg das ›Schulfach Glück‹. Schülerinnen und Schüler sollen lernen, bewusster mit sich selbst, ihren Stärken, Zielen und Beziehungen umzugehen. Schubert erinnert sich: »Als Schulleiter hatte ich oft mit Schülerinnen und Schülern zu tun, die nicht zu den Gewinnern, sondern zu den Verlierern des Lebens gehörten.« Disziplinierungsmaßnahmen, so seine Erfahrung, motivierten nicht und halfen kaum, Talente und Stärken zu entwickeln. Er setzte stattdessen auf Erkenntnisse der Positiven Psychologie.
Aufblühen und Potenziale entfalten
Dass dieser Ansatz einen ernsten Hintergrund hat, zeigen aktuelle Zahlen. Nach dem Deutschen Schulbarometer 2025/26 weisen 25% der befragten Schülerinnen und Schüler psychische Auffälligkeiten auf oder liegen im Grenzbereich. 16% fühlen sich in der Schule nur wenig wohl. Für Bildungswissenschaftler Prof. Dr.Henrik Saalbach von der Universität Leipzig ist das besorgniserregend: »Schulisches Wohlbefinden ist eine zentrale Voraussetzung für die psychische Gesundheit von Kindern und Jugendlichen.« Auch der Psychologe Dr. Tobias Rahm hält es für wichtig, Wohlbefinden im Schulalltag bewusst Raum zu geben. »Davon profitieren Schülerinnen und Schüler weit über die Vermeidung psychischer Probleme hinaus. Es geht auch darum, Potenziale zu entfalten, aufzublühen und die Voraussetzungen für eine glückliche und gelingende Lebensgestaltung zu schaffen.«
Schulisches Wohlbefinden ist eine zentrale Voraussetzung für die psychische Gesundheit von Kindern und Jugendlichen.
Wie das gelingen kann, erprobte Rahm mit mehr als 500 Kindern an Braunschweiger Grundschulen. Spielerisch ging es etwa um Achtsamkeit, Stress und Angst, Selbstbewusstsein oder die Wahrnehmung von Gefühlen. Die Evaluation zeigte Hinweise auf individuell unterschiedliche Wirkungen.
Positive Beispiele im Ausland
Andere Länder haben die Förderung sozialer und emotionaler Kompetenzen längst fest in ihren Lehrplänen verankert. In Finnland gehören entsprechende überfachliche Kompetenzen zum Unterricht, darunter Selbstfürsorge, Alltagskompetenz und soziale Interaktion. Norwegen hat ›Gesundheit und Lebensbewältigung‹ als verbindliches Querschnittsthema eingeführt, bei dem es unter anderem um psychische Gesundheit, den Umgang mit Gefühlen, Beziehungen sowie Erfolg und Misserfolg geht.
Entscheidend ist, welchen Platz Emotionsregulation, Empathie, Selbstwirksamkeit und der Umgang mit Rückschlägen im Schulalltag erhalten.
Für Rahm steht fest: »Die Förderung von Wohlbefinden und psychischer Gesundheit braucht einen festen Platz in unseren Schulen – am besten mit mindestens zwei Wochenstunden in jedem Jahrgang.« Saalbach sieht dagegen vor allem den Fachunterricht als wichtigen Hebel: Wertschätzende Rückmeldungen, angemessene Anforderungen, ein respektvolles Klima und Mitbestimmung gingen mit besseren Lernleistungen und höherem Wohlbefinden einher.
Entscheidend ist nicht so sehr, ob Deutschland ein Pflichtfach ›Glück‹ braucht, sondern welchen Platz Emotionsregulation, Empathie, Selbstwirksamkeit und der Umgang mit Rückschlägen im Schulalltag erhalten. Schule ersetzt weder Therapie noch professionelle Hilfe. Sie kann aber Fähigkeiten vermitteln, die Kinder und Jugendliche stärken.