Weltweit wächst jedes fünfte Kind heute in einer Kriegs- oder Krisenregion auf, zumeist ohne ausreichende medizinische Versorgung. Hunderte große und kleine gemeinnützige Organisationen, Stiftungen und Fördervereine engagieren sich global für Kinder in Not. Sie spenden lebensnotwendige Medikamente und Medizintechnik oder sind regelmäßig mit Ärzteteams vor Ort, um medizinische Hilfe zu leisten.
Ende Mai war für Gul Ahmad der lang ersehnte Tag gekommen: Mit 18 weiteren Kindern wartete er im Düsseldorfer Flughafen, um zurück in sein Heimatland Afghanistan zu fliegen. Drei Jahre lang hatte er im ›Friedensdorf‹ am Stadtrand von Oberhausen gelebt, um sich von einer Operation in einer deutschen Klinik zu erholen. Das Ärzteteam hatte versucht, sein verletztes Bein zu retten. Am Ende musste der rechte Unterschenkel amputiert werden. Im Friedensdorf, einer Unterkunft für rund 300 Kinder, wurde Gul Ahmad gesund gepflegt. Er lernte, mit der Prothese zu gehen – wie unzählige junge Krisen- und Kriegsopfer vor ihm.
Die ersten Kinder zogen Ende 1967 ins Friedensdorf ein. Sie kamen aus Vietnam; viele von ihnen litten unter schweren Verbrennungen durch den Brandkampfstoff Napalm.
Deutsche Kliniken kooperieren
Das Gründungsjahr des Vereins war zugleich die Geburtsstunde der medizinischen Einzelfallhilfe, die bis heute unter dem Namen ›Friedensdorf International‹ fast komplett mit Spenden in Millionenhöhe finanziert wird. Der Ablauf des Hilfseinsatzes folgt einem festen Muster: Mitarbeiter aus Oberhausen schätzen vor Ort – sei es in Afghanistan, Gambia, Angola, Tadschikistan, Usbekistan oder Irak-Kurdistan – gemeinsam mit dortigen Partnerorganisationen die Verletzungen der Kinder ein. Welche Unterstützung ist sinnvoll und notwendig? In der Regel geht es um schwerwiegende Knochenentzündungen, orthopädische Fehlstellungen, urologische Krankheiten oder Narbenkontrakturen nach schweren Verbrennungen. Ist eine medizinische Behandlung im Heimatland nicht möglich, wird eine passende Spezialeinrichtung in Deutschland gesucht. Rund 200 bis 220 Krankenhäuser kooperieren bis heute mit der Hilfsorganisation und spenden regelmäßig ein bis zwei kostenfreie Behandlungen im Jahr. Nach dem Eingriff ziehen die Kinder ins Friedensdorf nach Oberhausen zur weiteren Pflege, die manchmal wie bei Gul Ahmad auch Jahre dauert. 2025 wurden 150 Kinder neu aufgenommen, 77 reisten heim.
»Dieses über Jahrzehnte gewachsene Netzwerk ist für unsere Einzelfallhilfe unverzichtbar«, betont Friedensdorf-Sprecherin Claudia Peppmüller. Seitdem die Kinder (wie alle Patienten und Patientinnen) aus Kostengründen deutlich früher nach einer Operation entlassen werden, wurde nachgerüstet. 2021 wurde ein Medizinzentrum für die medizinische Nachversorgung und kleinere Eingriffe im Friedensdorf eingerichtet.
Operationsprojekte in Kabul
Ziel sei es nicht, dauerhaft so viele Kinder wie möglich nach Deutschland zu holen, sagt Peppmüller. »Wo ein Kind gut und sicher vor Ort behandelt werden kann, sollte es nicht von den Eltern getrennt und nach Deutschland gebracht werden.« Deutliche Fortschritte gibt es in Armenien, Usbekistan oder Kirgisistan. Dort, wo es nach wie vor einen hohen medizinischen Bedarf gibt, wie in Angola und in Afghanistan, finanziert Friedensdorf International zusätzlich zur Behandlung in Deutschland seit ein paar Jahren Operationsprojekte vor Ort. Seit Kurzem gibt es nicht nur drei Kliniken in Kabul, die unterstützt werden, sondern auch eine mobile Klinik, die in schwer zugänglichen Regionen im Einsatz ist.
Herzensangelegenheit
Eine von vielen Institutionen und Vereinen, die sich für die physische und psychische Gesundheit von Kindern in Krisen- und Kriegsgebieten starkmachen, ist auch die Hilfsorganisation ›kinderherzen‹, die 1989 von Eltern herzkranker Kinder und Ärztinnen und Ärzten in Bonn als Fördergemeinschaft Deutsche Kinderherzzentren gegründet wurde. Sie ist bereits vor zehn Jahren dazu übergegangen, Kinder vorrangig in ihren Heimatländern zu behandeln. 900 herzkranke Kinder wurden seitdem bei ehrenamtlichen Einsätzen in Rumänien, Eritrea, Ghana, Burundi und in El Salvador operiert. Nur noch in Einzelfällen, z.B. im ersten Jahr des russischen Angriffskrieges in der Ukraine, wurden Kinder an deutsche Herzzentren vermittelt. Während der Klinikzeit unterstützte ›kinderherzen‹ die Familien in Deutschland finanziell und half bei der Wohnungssuche.
Wissenstransfer durch Partnerschaft
Ein Grund für die Entscheidung, Kinder in der Regel vor Ort zu behandeln und zu operieren, waren nach Angaben von Geschäftsführer Jörg Gattenlöhner die Kosten. Eine Operation am offenen Herzen kostet in Deutschland je nach Aufwand 30.000 bis 70.000 Euro pro Kind. Komplikationen erhöhen die Kosten. Für den gleichen Preis können die Teams von ›kinderherzen‹ vor Ort eine komplette Woche lang operieren und in dieser Zeit acht bis zwölf Kinder behandeln.
Aber nicht nur die Kosten spielten eine Rolle. »Der entscheidende Grund ist die Nachhaltigkeit«, sagt Gattenlöhner. Die deutschen Expertenteams von ›kinderherzen‹ arbeiten vor Ort Seite an Seite mit einheimischen Ärztinnen und Ärzten, Kardiotechnikerinnen und -technikern und Pflegekräften. Daraus entstehen langfristige Partnerschaften, und durch das kontinuierliche Training werden Wissen und Erfahrung weitervermittelt. »Ziel ist ein schrittweiser Wissenstransfer auf medizinischer und technischer Ebene, damit morgen und übermorgen viele Kinder von gut ausgebildeten einheimischen Teams operiert werden können«, sagt Gattenlöhner. Besonders stolz ist der Verein auf die weltweit erste mobile Kinderherzklinik, die seit vergangenem Jahr in Burundi im Einsatz ist. Die ›MOHKI‹ ermöglicht es, hochkomplexe Operationen am offenen Herzen direkt vor Ort durchzuführen. Ihren Piloteinsatz absolvierte MOHKI in El Salvador. ›kinderherzen‹ finanziert sich weitgehend über Spenden. Der Verzicht auf eine staatliche Förderung habe auch Vorteile, heißt es. So hätten Kürzungen in der Entwicklungshilfe keinen unmittelbaren Einfluss auf die eigene Arbeit.
SOS-Kinderdorf: Rettung in Gaza
Zu den jüngsten Hilfsorganisationen gehört ›ArcheMed – Medizinische Hilfe für Kinder in Not‹. 2010 von dem Internisten Peter Schwidtal in Soest in Nordrhein-Westfalen gegründet, konzentriert sich der Verein auf den Aufbau medizinischer Versorgungsstrukturen in unterversorgten Ländern, aktuell vor allem in Eritrea, einem der ärmsten Staaten der Welt. In der Hauptstadt Asmara wurde ein Perinatalzentrum mit einer Kinderintensivstation eingerichtet. Fachpersonal reist ein- bis zweimal im Jahr ins Land, um zu operieren und praxisnahe Schulungen anzubieten, im Gepäck ausgemusterte Betten und Geräte aus deutschen Kliniken.
Zu den großen internationalen Hilfswerken gehören neben Unicef und ›Ärzte der Welt‹ die ›SOS-Kinderdörfer‹, die seit ihrer Gründung 1949 der Grundidee folgen, Kindern ohne elterliche Fürsorge ein liebevolles und sicheres Zuhause zu bieten. Mittlerweile ist unter dem Titel ›SOS-Kinderdorf International‹ ein weltweites Netzwerk mit 40000 Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern entstanden, die in 137 Ländern aktiv sind. Der deutsche Förderverein engagiert sich unter anderem im Gazastreifen und sorgt dort mit Spenden für die psychologische und medizinische Betreuung der Kinder. 2024, wenige Monate nach dem Ausbruch des Krieges zwischen Israel und der Hamas, kam es zu einer spektakulären Rettungsaktion des SOS-Kinderdorfes in Rafah. Unter Vermittlung des deutschen Auswärtigen Amtes wurde das Lager evakuiert und 68 Waisenkinder im Alter von zwei bis 14 Jahren und ihr Betreuerteam ins Westjordanland transportiert. Mittlerweile versorgen die SOS-Kinderdörfer kranke und schwer verletzte Kinder aus dem Gazastreifen in Jordanien.
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