Kinderklinikkonzerte: laute und leise Töne am Krankenbett

Von Peter Büttner Lesezeit 5 Minuten
Musikerin Anna Grey sitzt mit Gitarre auf dem Boden eines Klinikflurs.

Liegen Kinder im Krankenhaus, wird das Leben oft leise. Der Verein Kinderklinikkonzerte bringt für kurze Zeit Musik in Klinikräume und lässt die Kleinen, ihre Angehörigen und Mitarbeitende aufhorchen. Musiker spielen unplugged auf Fluren, an Betten, auf Intensivstationen. Und manchmal entstehen dabei magische Momente.

Es ist ein früher Herbstmorgen im September in Berlin-Buch. Vor den Backsteinhäusern des Helios-Klinikums parkt ein Nightliner-Bus, der sonst zu großen Bühnen rollt. Drinnen stimmen Musiker ihre Instrumente, fröhlich, unbeschwert, aber auch ein wenig angespannt. Denn gleich beginnt ein Tag, an dem Musik nicht nur Unterhaltung ist, sondern vor allem Begegnung.

Der Verein Kinderklinikkonzerte ist auf Tour. Seit 2015 bringt die ehrenamtliche Organisation Künstlerinnen und Künstler dorthin, wo das Leben gerade stillzustehen scheint: zu Kindern und Jugendlichen, die (häufig schwer erkrankt) in Krankenhäusern liegen. Die Musiker spielen ohne Gage und ohne großes Equipment auf Fluren, zwischen Monitoren, Infusionsständern und kleinen Kuscheltieren. Und wenn ein Kind das Bett nicht verlassen kann, wird eben am Rand des Bettes gesungen.

Melodien zum Mitfühlen

Antje Reich ist an jenem Septembertag in Berlin-Buch Teil des Teams. Normalerweise arbeitet die 38-Jährige als Musiktherapeutin in der Suchthilfe. Heute schreibt sie in einem Blog über den Tourtag. Die Kinder-Onkologie ist die erste Station des Tages. Obwohl sich vor dem Auftritt der Künstler immer ein beklemmendes Gefühl einstellt, ist dies nach dem ersten Blick in die vorfreudigen Gesichter schnell verflogen. Weder die Kliniken noch die Kinder wissen im Vorfeld, wer für sie musiziert. Heute sind es u. a. Sängerin Mandy Capristo und die Band Kuult, die mit eingängigen Popsongs starten. Schnell wird der Raum zur Party. Manche Kinder klatschen im Takt, andere lächeln vorsichtig, ein Pfleger wippt mit dem Fuß, eine Mutter ist sichtlich gerührt. Dann setzt Anna Grey an: Die 22-Jährige spricht und singt viel über psychische Gesundheit, ist in den sozialen Medien längst ein Star (mehr als 120.000 Follower auf Instagram) und begeistert mit ihrer weichen Stimme an diesem Tag nicht nur die jungen Patienten, sondern auch Mitarbeitende und Angehörigen Die besondere Situation auf der Kinder-Onkologie-Station berührt nicht nur die Zuhörenden, sondern auch die Künstlerin. Sie muss kurz innehalten, ringt um Fassung – bevor sie einer jungen Mutter ihren Respekt ausspricht. Die Mutter lächelt unter Tränen. »Diese Verbindung zu sehen, sorgte bei allen Anwesenden für den berühmten Kloß im Hals«, beschreibt Antje Reich die Szene.

Bewegende Momente

Auf der Kinder-Intensivstation werden später ganz bewusst die leisen Töne angestimmt. Ein Vater wiegt behutsam sein schwerkrankes Baby, das an viele Kabel angeschlossen ist. Die Musik ist kaum wahrnehmbar, und doch verändert sie den Raum. Das Kind lauscht scheinbar aufmerksam der Musik und bekommt eine Rassel geschenkt. Die Reaktion zaubert dem Vater ein Lächeln ins Gesicht: Der kleine Patient schüttelt sie mit einer Energie, die alle überrascht. Ein winziger Triumph. »Musik ist genau in solchen Momenten der zarte Kleber, der sich auf die geschundenen Herzen legt und der Seele erlaubt zu fliegen und die Leichtigkeit zu genießen, die sie teilweise lange nicht mehr spüren konnte«, schreibt Antje Reich fast ein bisschen pathetisch in ihrem Blog.

Die besondere Situation auf der Kinder-Onkologie-Station berührt nicht nur die Zuhörenden, sondern auch die Künstler.

Zum Abschluss des Tages kommt noch mal fröhliche Partystimmung auf: Gemeinsam mit ca. 30 Kids aus der Kinder- und Jugendpsychiatrie sorgen Mandy Capristo und Kuult für einen kräftigen musikalischen Motivationsschub: ›Ain’t no Mountain high enough‹ – was für ein passendes Bild.

Auf Tour durch Deutschland

Das Helios-Klinikum Berlin-Buch ist eine von sechs Kinderkliniken, die der Verein im September ansteuerte. 31 Ehrenamtliche begleiteten die diesjährige Tour, darunter auch Antje Reich, die die Kinderklinikkonzerte seit 2015 unterstützt. Ihr erstes Konzert waren ›Jupiter Jones‹ in Magdeburg. »Ich erinnere mich immer noch an diese Magie, dieses Gefühl, zur richtigen Zeit am richtigen Ort zu sein.« Bis heute haben die Konzerte nichts von ihrer Faszination eingebüßt: Sie erreichen und bewegen alle, die dabei sind, und sie schaffen Gemeinschaft, sorgen für Abwechslung, machen Mut und schenken Hoffnung.

Neben Berlin ging es in diesem Jahr nach Hamburg, Braunschweig, Siegen, Darmstadt und Kassel. Künstler und Künstlerinnen wie Lina, Leony, Glasperlenspiel, Esther Graf, Tonbandgerät, Gregor Hägele, Enkay, Wilhelmine, ela., Sebastian Wurth, Nevio, Mandy Capristo, Kuult und Anna Grey erreichten bei insgesamt 54 Auftritten mehr als 600 Kinder.

Konzerte, die zu den Kindern kommen

Jedes dieser Konzerte ist ein besonderer Moment. Nicole John dürfte viele erlebt haben: Gemeinsam mit ihrer Freundin Nadja Benndorf gründete sie vor zehn Jahren den Verein Kinderklinikkonzerte e. V. in Magdeburg. Den Ausschlag gab ein Einsatz, der für die heute 34-Jährige während ihrer Ausbildung zur Notfallsanitäterin kein Einzelfall war: Ein kleines Mädchen war mit dem Fahrrad verunglückt und hatte sich schwer verletzt. Nicole wurde zum Einsatz gerufen und begleitete die Kleine in eine Spezialklinik, es folgten bange Stunden. Während des Transportes fragte sie sich: Was würde in einem solchen Moment helfen? Was würde dem Kind die Zeit des langen Krankenhausaufenthaltes erleichtern?

Wenn die Kinder schon nicht auf Konzerte gehen können, dann müssen die Konzerte eben zu den Kindern kommen.

Für sie, die die Musik liebte, lag es auf der Hand – ein Konzert, laute und leise Lieder, kulturelles Leben und glücklich machendes Miteinander. Das war die Geburtsstunde der Kinderklinikkonzerte: »Wenn die Kinder schon nicht auf Konzerte gehen können, dann müssen die Konzerte eben zu den Kindern kommen.« Kurzerhand wurden eine befreundete Band aus Dresden engagiert, ein Zauberer eingeladen und die Familie zum Kuchenbacken eingespannt – die Idee war nicht nur geboren, sondern wurde 2011 in einer Dresdner Kinderklinik erstmalig umgesetzt.

Inzwischen blicken John und Benndorf auf eine lange Liste bekannter Künstler und Künstlerinnen, die sie für die gute Sache gewinnen konnten – darunter Lea, Kamrad, Elif, Wincent Weiss, Silbermond, Jupiter Jones, Johannes Oerding, Revolverheld sowie die Paten des Vereins Nico Santos und Max Giesinger. Sie alle haben Kindern, Eltern, Geschwisterkindern und Klinikmitarbeitenden einzigartige Konzertmomente geschenkt und Freude in den mitunter schwierigen Krankenhaus-Alltag gebracht.

Nachklang

Finanziert werden der Verein und die Touren über Spenden. Die Musikerinnen und Musiker engagieren sich gern und ohne Gage – wie etwa Max Giesinger: »Das Kinderklinikkonzert im UKE in Hamburg war ein absolutes Highlight für mich. Das waren krasse Momente, die mich extrem berührt haben. […] Der sterilste Raum kann während der Kinderklinikkonzerte ein kleines Paradies werden.«

Und (Tim) Kamrad sagt: »Ich werde den Tag nicht vergessen, weil es wirklich so ein Moment war, in dem ich realisiert habe, was Musik eigentlich so alles bewegen kann.«

Den 52 Künstlerinnen und Künstlern, die bislang für den Verein aufgetreten sind, sieht man bei den Konzerten die Rührung an: »Sie spüren plötzlich wieder, warum sie ursprünglich mal Musik machen wollten«, meint Nicole John. Sie sagt auch: »Musik kann so vieles.« Musik berührt, Musik bewegt – Musik kann Schmerzen überlagern und Heilung unterstützen. Dies zeigte sich u. a. bei einem Konzert in Neustadt / Holstein, als ein kleines Mädchen, das aus unerklärlichen Gründen noch nicht lief, bei der Musik von Gregor Hägele plötzlich ihre ersten Schritte machte. »Die Therapeutinnen haben geweint, das war sehr berührend«, erinnert sich Nicole John.

Das Engagement des Vereins zeigt Wirkung: Unlängst wurden Nicole John und Nadja Benndorf mit dem deutschen Publikums- und Medienpreis ›Goldene Henne‹ ausgezeichnet. Beide sind sich einig: »Es geht nicht um uns. Es geht um die Kinder. Und um die Menschen, die an Tagen, die allen zu viel abverlangen, trotzdem Liebe in den Raum tragen.«

Infos auch unter https://www.kinderklinikkonzerte.de/

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