»Können wir gesundheitsbewusstes Verhalten einfach erlernen?«, haben wir Dr. Emily Finne gefragt. Die Psychologin und Gesundheitswissenschaftlerin arbeitet in der Forschung am Institut für Sozialmedizin und Epidemiologie der Universität zu Lübeck.
Viele Menschen wissen, was gesund wäre, handeln aber anders. Warum?
Das liegt vor allem daran, dass die weniger gesunde Alternative oft kurzfristig angenehmer und für uns heute in der Regel auch leichter umzusetzen ist. Gesundheit ist ein langfristiges, eher vernunftbasiertes Ziel. Viele unserer Alltagsentscheidungen entstehen aber eher situativ aus Gewohnheiten. Um die Absicht zu gesundheitsbewusstem Verhalten zu bilden, müssen Menschen vom Nutzen überzeugt sein und wissen, wie sie sich gesundheitsförderlich verhalten können. Dennoch werden gute Absichten oft nicht dauerhaft umgesetzt. Helfen kann es, systematisch zu planen und festzulegen, wann und wie man handeln möchte und wie man mit Hindernissen umgeht (z. B. wenn die Laufrunde wegen Regens ausfällt). Es erfordert dennoch viel Selbstkontrolle, sich Tag für Tag gegen ›unvernünftige‹ Impulse durchzusetzen. Die mentalen Ressourcen, die uns dafür zur Verfügung stehen, sind begrenzt, wir brauchen sie im Alltag auch für andere Aufgaben. Erst wenn es gelingt, gesundes Verhalten zu einer selbstverständlichen Gewohnheit werden zu lassen, ist das Problem gelöst.
Wie können wir negative Gewohnheiten durchbrechen?
Gewohnheiten sind an bestimmte Situationen gebunden. Veränderungen im Alltag oder in der Umwelt erleichtern es, sie zu durchbrechen. Man kann auch gezielt die Auslöser für ein ungünstiges Verhalten aus der Umgebung entfernen oder problematische Situationen mindestens zeitweise vermeiden. Hilfreich ist es, sich bewusst zu machen, welche Funktion das derzeitige Verhalten für die eigenen Bedürfnisse hat. Diese Bedürfnisse sollten durch das ›neue‹ Verhalten erfüllt werden und dieses sollte spürbar positive Auswirkungen haben. Gewohnheitsänderungen sollte man nicht in hohen Belastungsphasen angehen.
Warum sind Appelle oder Warnungen oft kontraproduktiv?
An Ängste zu appellieren, z. B. durch drastische Motive auf Zigarettenschachteln, kann das Leugnen von Risiken begünstigen, vor allem wenn nicht gleichzeitig konkrete Handlungsoptionen aufgezeigt werden, die gesundheitliche Risiken senken. Bei Jugendlichen schreckt dies zudem seltener ab, weil die gesundheitlichen Schäden durch Rauchen weit entfernt scheinen, während die soziale Anerkennung unter Gleichaltrigen mehr zählt.
Wo sehen Sie die Grenze zwischen individueller Verantwortung und strukturellen Bedingungen beim Erlernen von Gesundheitsverhalten?
Diese Grenze ist schwer zu ziehen. Niemand ist allein ein hilfloses Opfer der Bedingungen. Niemand hat andererseits ein Interesse, seiner Gesundheit bewusst zu schaden. Ich denke, dass wir uns auch deshalb nicht ideal verhalten, weil es Widersprüche zwischen gesellschaftlichen Zielen, Werten und der optimalen Gesundheit gibt. Wenn der Druck zunimmt, alles z. B. immer schneller gehen muss, wenn ungesundes Verhalten im Alltag naheliegender ist, kann man nicht erwarten, dass alle Menschen sich gesund verhalten.
Positives Gesundheitsverhalten könnte stärker unterstützt werden, indem man Rahmenbedingungen so verändert, dass gesundheitsförderliche Entscheidungen erleichtert werden.
Welche Strategien bieten Forschung und Praxis, um Gesundheitsverhalten zu fördern?
Psychologische Strategien – oft aus der kognitiven Verhaltenstherapie – können bei Veränderungen unterstützen, z. B. in Präventions- oder Selbstlernprogrammen. Wissenschaftliche Belege zu nachhaltigen Effekten sind aber eher rar. Realistische, kleine Schritte, die sich gut in den Alltag integrieren lassen und Erfolgserlebnisse schaffen, sind langfristig vielversprechender als kurzfristige Intensivprogramme. Mit sozialer Unterstützung und durch verhältnisorientierte Maßnahmen, die an den Rahmenbedingungen ansetzen, ließe sich da deutlich mehr erreichen.