Echter Fortschritt durch Künstliche Intelligenz

Von Dr. Silke Heller-Jung Lesezeit 4 Minuten
Spielzeug-Roboter und Roboterhand mit Stethoskop

Künstliche Intelligenz (KI) hat das Potenzial, die Gesundheitsversorgung grundlegend zu verändern. Umso wichtiger ist es, beizeiten die richtigen Weichen zu stellen.

»Hallo! Ich bin Pia, Ihre Pflege-Informations-Assistentin!« Seit Mai dieses Jahres beantwortet die KI-basierte virtuelle Ansprechpartnerin im Internetauftritt des Medizinischen Dienstes rund um die Uhr Fragen zur Antragstellung oder zur Einstufung in einen Pflegegrad. Auch beim Lungenkrebs-Screening für Menschen mit starkem Zigarettenkonsum, das seit April 2026 Kassenleistung ist, ist KI mit an Bord: Die zugehörige Verordnung verpflichtet die Untersuchenden dazu, die Ergebnisse der Computertomografie »zunächst ohne und anschließend unter Nutzung einer Software zur computerassistierten Detektion« auszuwerten.

Das Anwendungsspektrum für Künstliche Intelligenz in der Gesundheitsversorgung ist groß. Die Erwartungen, die damit verbunden werden, sind es auch. Richtig eingesetzt – so die Hoffnung – könnte KI dazu beitragen, Prozesse effizienter zu gestalten, die Behandlungsqualität zu verbessern und medizinische Innovationen zu fördern. Um dieses Potenzial auszuschöpfen, hat die Bundesregierung bereits im Jahr 2018 eine KI-Strategie aufgelegt. Allein zwischen 2020 und 2025 förderte das Gesundheitsministerium die Entwicklung und Erprobung diverser KI-Anwendungen in der Medizin mit insgesamt rund 180 Mio. Euro.

Kosten senken mit KI

Mittlerweile ist die KI längst im Versorgungsalltag angekommen – z. B. in etwa jeder siebten Arztpraxis. Bei einer Befragung von mehr als 600 Medizinerinnen und Medizinern, die der Digitalverband Bitkom im vergangenen Jahr gemeinsam mit dem Hartmannbund durchführte, gaben 15% der Ärztinnen und Ärzte in Praxen oder medizinischen Versorgungszentren an, dass KI in ihrem beruflichen Umfeld zur Unterstützung der Diagnosestellung und/oder in der Praxisverwaltung verwendet werde. In Krankenhäusern hat sich der KIEinsatz der Umfrage zufolge seit 2022 verdoppelt: 18% der Befragten in Kliniken sagten, dass KI beispielsweise zur Auswertung bildgebender Verfahren verwendet werde. Krankenhäuser nutzen KI-Anwendungen darüber hinaus auch zur automatischen Kodierung von Diagnosen und Behandlungen, für die Abrechnung, den Einkauf, die Bettenplanung oder das Entlassmanagement. Krankenkassen setzen KI zur schnelleren Genehmigung von beantragten Leistungen und für automatische Abrechnungsprüfungen ein. Die Wirtschaftsprüfungsgesellschaft Deloitte hat errechnet, dass die Kassen durch effizientere Abläufe, unter anderem dank KI-Unterstützung, jährlich bis zu 13 Mrd. Euro sparen könnten. Insgesamt, so schätzt David Matusiewicz, Professor für Medizinmanagement an der privaten FOM Hochschule, summiere sich das Einsparpotenzial durch KI im Gesundheitssystem auf bis zu 48 Mrd. Euro – pro Jahr. Das Problem des Fachkräftemangels im Gesundheitssystem könnte durch den Einsatz von KI ebenfalls abgemildert werden – etwa, indem sie die Beschäftigten bei Routineaufgaben unterstützt.

Arzt und Algorithmus Hand in Hand

Auch im Hinblick auf die medizinische und pflegerische Versorgung der Patientinnen und Patienten richten sich viele Hoffnungen auf den Einsatz von KI: Sie habe das Potenzial, Leben zu retten und die öffentliche Gesundheit und Sicherheit zu verbessern, hieß es 2024 in einem Bericht der OECD, der Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung. Hautveränderungen einschätzen, Röntgenbilder auswerten, Therapien für seltene Erkrankungen entwickeln oder Krankheiten frühzeitig erkennen – etliche Augaben, für die bisher viel Erfahrung und Zeit erforderlich war, können mit KI-Unterstützung deutlich schneller erledigt werden, vor allem dort, wo große Datenmengen verarbeitet werden müssen. Das Wissenschaftliche Institut der AOK erforscht derzeit, ob sich durch die KI-gestützte Analyse von Abrechnungsdaten Gesundheitsrisiken oder schwere Krankheitsverläufe vorhersagen lassen. Auch bei der Entwicklung innovativer Medikamente kann der KI eine Schlüsselrolle zukommen.

Die Bundesregierung will diese vielfältigen Möglichkeiten künftig noch intensiver nutzen. Im Januar dieses Jahres stellte Bundesgesundheitsministerin Nina Warken die Weiterentwicklung der Digitalisierungsstrategie vor. Demnach soll KI künftig gezielt dort eingesetzt werden, wo sie die Behandlungsqualität erhöht, bei der medizinischen und pflegerischen Dokumentation entlastet, die Kommunikation erleichtert oder den Zugang zu validierten Gesundheitsinformationen verbessert. KI-Anwendungen sollen in sicheren Testumgebungen erprobt und ihre Wirksamkeit bewertet werden. Um die Fachkräfte zu entlasten, soll die KI-gestützte Dokumentation zum Standard werden und bis 2028 in mindestens 70% der Gesundheitsund Pflegeeinrichtungen implementiert sein. Krankenkassen dürfen zu Forschungszwecken Versicherungsdaten auswerten. Der im Mai vorgelegte Referentenentwurf für das Gesetz für Daten und digitale Innovarion im Gesundheitswesen (GeDIG) sieht vor, dass diese Erlaubnis auch auf die Entwicklung von KI-Modellen für die Forschung ausgedehnt werden soll.

Zwischen Euphorie und Skepsis

Patientinnen und Patienten stehen dem Einsatz von KI im Gesundheitssystem mehrheitlich (71%) positiv gegenüber, ergab eine repräsentative Befragung im Auftrag des Digitalverbandes Bitkom. Auch die Ärzteschaft ist der neuen Technologie gegenüber aufgeschlossen: 78% der Ärztinnen und Ärzte sehen in einer Umfrage in der KI eine riesige Chance für die Medizin. In die Begeisterung mischt sich gleichwohl auch Skep­sis. 76% der befragten Mediziner sprechen sich gleichzeitig für eine strenge Regulierung von KI im medizinischen Kontext aus. Und auch die Patientinnen und Patienten haben trotz aller Begeisterung Angst vor einem möglichen Datenmissbrauch, einem Verlust an mensch­­licher Zuwendung und vor durch KI mitverursachten Fehlentscheidungen.

KI – aber sicher

Die Deutsche Gesellschaft für künstliche Intelligenz in der Medizin e.V. betont, die KI dürfe medizinische Entscheidungen des Menschen unterstützen, aber nicht ersetzen. Das Universitätsklinikum Leipzig geht noch einen Schritt weiter und hat klinikintern ein eigenes KI-basiertes System entwickelt. Es unterstützt Diagnoseund Therapieentscheidungen im Klinikalltag durch Datenauswertungen in Echtzeit und hilft z. B. bei der Früherkennung von akutem Nierenversagen. »Je größer der Einfluss digitaler Systeme auf Diagnose und Therapie wird, desto wichtiger ist es, dass medizinische Verantwortung und Gestaltungsmacht im klinischen Umfeld verbleiben«, erklärt Dr.Robert Jacob, der Kaufmännische Vorstand.

Der Einsatz von KI wirft eine Reihe von ethischen und rechtlichen Fragen auf: Wie werden sensible Patientendaten geschützt? Wer haftet für Fehlentscheidungen? Damit die Interaktion zwischen Mensch und Maschine funktioniert, muss nicht nur das medizinische und pflegerische Personal geschult und die KI-Anwendung passgenau in die Arbeitsabläufe integriert werden. Unabdingbar sind auch Maßnahmen, die gewährleisten, dass die in der Medizin verwendeten KISysteme sicher und vertrauenswürdig sind.

Für den Erfolg und die Akzeptanz der KI in der Gesundheitsversorgung sind ethische Leitplanken und verlässliche rechtliche Rahmenbedingungen eine zwingende Voraussetzung. Mit dem 2024 implementierten ›AI Act‹ hat die Europäische Union einen verbindlichen rechtlichen Rahmen für die Entwicklung, den Einsatz und die Nutzung von Künstlicher Intelligenz in der EU abgesteckt. Er sieht umso strengere Vorgaben vor, je höher das mit der KI-Nutzung verbundene Risiko für die Gesundheit, die Sicherheit oder die Grundrechte ist. Auch die Ärztin und Medizinethikerin Alena Buyx, ehemalige Vorsitzende des Deutschen Ethikrates und nach eigener Aussage ein ›Riesenfan‹ der KI-Technologie, mahnt einen verantwortungsvollen Umgang damit an. In einem Podcast betonte sie vor Kurzem: »Wir sind in der Medizin in einem Bereich, wo wir wirklich aufpassen müssen, weil es bei uns um Menschen geht.«

Titelbilder vergangener Ausgaben

forum-Archiv

Hier finden Sie ältere Magazin-Ausgaben als PDF zum Download.