Hohe Kosten und Überdiagnostik: Mehr risikoangepasste Screenings könnten Nachteile von Früherkennungsprogrammen verringern.
Während der Coronapandemie gab es einen Tiefpunkt. Doch aktuell nehmen wieder mehr Menschen in Deutschland Früherkennungsuntersuchungen in Anspruch. An der Spitze stehen Screenings auf Gebärmutterhalskrebs: Nach den Zahlen des Früherkennungsmonitors 2025 beteiligten sich im Jahr 2024 knapp 14,7 Mio. Frauen daran. Rund 7,6 Mio. Frauen und Männer gingen zum Hautkrebsscreening. 4,4 Mio. Männer nutzten die Möglichkeit für die Prostatafrüherkennung. Fast 3 Mio. der gesetzlich versicherten Frauen gingen zur Mammographie. Die allgemeine Gesundheitsuntersuchung (früher Check-up 35) erreichte etwa 9,5 Mio. Frauen und Männer.
Auch wegen einer möglichen Überdiagnostik und niedriger Teilnahmeraten geraten Screening-Untersuchungen immer wieder in die Kritik.
Die Kosten für die Screenings insgesamt lagen – inklusive Labor und möglicher Folgeuntersuchungen – bei knapp 1,9 Mrd. Euro, berichtet das Wissenschaftliche Institut der AOK (WIdO). Nicht zuletzt wegen der Kosten, aber auch wegen des Problems einer möglichen Überdiagnostik und niedriger Teilnahmeraten geraten Screening-Untersuchungen immer wieder in die Kritik. Wo liegen die Chancen, wo die Grenzen der Früherkennung?
Der Unterschied zwischen Vorsorge und Früherkennung
»Am Montag habe ich einen Termin zur Vorsorge.« Nicht jedem, der diesen Satz sagt, ist bekannt, dass es einen wichtigen Unterschied zwischen Vorsorge und Früherkennung gibt: Vorsorgeuntersuchungen zielen meist darauf ab, den allgemeinen Gesundheitszustand zu beurteilen und Risiken auszumachen, bevor Krankheitssymptome auftauchen. Allgemeine Checkups, Blutdruckmessungen, Urinuntersuchungen und andere Verfahren können Risikofaktoren feststellen und – z. B. durch nachfolgende Lebensstiländerungen – Krankheiten verhindern.
Bei einer Früherkennung dagegen sollen Tests und Untersuchungen Krankheiten frühzeitig erkennen, bevor sie spürbare Beschwerden verursachen. Für viele Erkrankungen gilt:
Je eher sie erkannt werden, desto höher sind die Chancen auf eine erfolgreiche Behandlung.
Dazu zählen auch Früherkennungsprogramme für Schwangere wie das Screening auf Schwangerschaftsdiabetes. Aber auch Untersuchungen von Neugeborenen, Kindern und Jugendlichen können Erkrankungen, Fehlentwicklungen und Risiken, z. B. angeborene Herzfehler, Fehlbildungen der Hüftgelenke oder Hörfehler, frühzeitig erkennen und eine rechtzeitige Behandlung initiieren.
Nur wenige Früherkennungsmaßnahmen können Erkrankungen tatsächlich verhindern oder verzögern. Die Untersuchungen auf Gebärmutterhals- oder Darmkrebs zählen dazu, weil Krebsvorstufen dabei entfernt werden können – etwa gutartige Darmpolypen im Rahmen einer Darmspiegelung oder Gewebeveränderungen am Muttermund.
Die Chancen der Früherkennung
Früherkennung und Vorsorge wirken: Eine Analyse aus den USA und Kanada schätzt, dass seit 1975 dort in 45 Jahren durch die Kombination von Vorsorge und Früherkennung etwa 4,75 Mio. Todesfälle durch Brust-, Gebärmutterhals-, Darm-, Lungen- oder Prostatakrebs verhindert werden konnten.
Die Chancen der Früherkennung werden auch an den Zahlen zum Gebärmutterhalskrebs in Deutschland deutlich: Bis 1971 war dieser Tumor hierzulande die häufigste Krebsart bei Frauen. »Im Jahr 2010 war er nur noch die zwölfthäufigste Krebsart mit einem Anteil von 2,1% an allen bösartigen Tumoren bei Frauen«, schreiben Hendrik Drähter und seine Kollegen im Früherkennungsmonitor 2025 des WIdO. Im Jahr 2023 habe der Anteil bei nur noch 2% gelegen. Neben der Früherkennung und Entfernung von Krebsvorstufen haben an den niedrigen Werten auch die Impfung gegen krebsauslösende Humane Papillomaviren (HPV) ihren Anteil.
Wann Screenings Sinn machen Früherkennungsuntersuchungen machen dann Sinn, wenn die Erkrankung schwer und häufig ist, es ein geeignetes und anerkanntes Testverfahren gibt und eine Therapie verfügbar ist, die im Frühstadium besonders gut wirkt. Es sei nun aber keineswegs so, dass »eine frühere Erkennung und Behandlung von Krankheiten immer zu besseren Erfolgen in der Behandlung führt als eine spätere Behandlung«, meint die Medizinerin, Gesundheitswissenschaftlerin und stellvertretende Leiterin des unabhängigen Instituts für Qualität und Wirtschaftlichkeit im Gesundheitswesen (IQWiG) Dr. Michaela Eikermann. Es könne auch passieren, dass man nicht insgesamt länger lebe, sondern nur länger das Wissen der Diagnose habe.
Ein grundlegendes Problem liegt in der Natur von Früherkennungsprogrammen. Direkt von den Screenings profitieren nur diejenigen, die tatsächlich von der Krankheit betroffen sind. »Die mit der Untersuchung verbundenen Risiken tragen hingegen alle Teilnehmenden«, so das Bundesamt für Strahlenschutz in seinen Informationen zum Thema Früherkennung. Umso wichtiger sei es, die Vor- und Nachteile sorgfältig wissenschaftlich abzuwägen und den möglichen Teilnehmerkreis umfassend darüber aufzuklären: »Nur dann kann die Person eine sogenannte informierte Entscheidung für oder gegen die Früherkennungsuntersuchung treffen.
« Zum Nutzen gehören die gewonnene Lebenszeit und möglicherweise weniger Spätfolgen durch die (rechtzeitige) Therapie. Zu den Risiken und Grenzen der Screenings zählen falsch-positive Diagnosen, die unnötige Ängste auslösen und weitere Untersuchungen bis hin zu Operationen anstoßen können. Es kann Überdiagnosen geben. Darunter verstehen Fachleute Krankheiten, die zu Lebzeiten nicht in Erscheinung getreten wären und keine Beschwerden ausgelöst hätten.
Genauso kann es zu falsch-negativen Testergebnissen kommen: Die Untersuchung versagt, die Betroffenen fühlen sich sicher und gesund und ignorieren womöglich Krankheitssymptome, wodurch sich die Behandlung tragisch verspäten könnte.
Risikoangepasste Screenings sollen Nutzen erhöhen
Um die Risiken von Screenings zu verringern und den Nutzen zu erhöhen, denken Fachleute zunehmend über sogenannte ›risikoangepasste‹ Screenings nach. Danach durchlaufen die Früherkennungsprogramme nicht alle Personen (einer Altersgruppe), sondern nur diejenigen mit dem höchsten Risiko. »Risikoadaptierte Screenings und Screening-Intervalle könnten die Effektivität verbessern«, sagt Prof. Dr.Thomas Kühlein, Direktor des Allgemeinmedizinischen Instituts des Universitätsklinikums Erlangen. Möglich wären etwa Screening-Intervalle in Abhängigkeit eines PSA-Basiswerts wie beim Prostatakarzinom.
In diesem Jahr tritt mit dem risikoangepassten Lungenkrebs-Screening in Deutschland das erste seiner Art in Kraft. Keines der Routine-Screenings berücksichtigt bisher das persönliche Risiko in vergleichbarem Umfang. Zur Untersuchung per NiedrigdosisComputertomografie (Low-Dose-CT) sollen nur starke (ehemalige) Raucherinnen und Raucher (die aktuell rauchen oder vor weniger als zehn Jahren aufgehört haben) zwischen 50 und 75 Jahren eingeladen werden. »Ein flächendeckendes Früherkennungsprogramm würde mehr Nach- als Vorteile haben, denn die meisten Menschen haben nur ein geringes Risiko für Lungenkrebs«, meint Prof. Dr.Michael Ghadimi, Direktor der Klinik für Allgemein-, Viszeral- und Kinderchirurgie der Universitätsmedizin Göttingen und Präsident der Deutschen Krebsgesellschaft.
Perspektivisch könnten auch Big Data und KI die Früherkennung verbessern.
Risikoangepasste Strategien könnten zukünftig mehr zum Einsatz kommen. Die Deutsche Krebshilfe fördert bis 2028 mehrere entsprechende Projekte. Es geht z. B. um die Einbeziehung genetischer Tests zur Erfassung des individuellen Krebsrisikoscores und darauf abgestimmter Screenings, Einladungen zum Mammographie-Screening unter Einbeziehung genetischer und Lebensstilfaktoren sowie um eine Risikovorhersage durch KI-basierte Auswertungen von Mammographien.
Perspektivisch könnten auch Big Data und künstliche Intelligenz (KI) die Früherkennung verbessern. Durch die Verarbeitung und Analyse riesiger Datenmengen könnten Algorithmen entwickelt werden, die individuelle Krebsrisiken genauer vorhersagen, so Ghadimi. Es sei an der Zeit, die Früherkennung von Krebs neu zu denken – und zwar so, dass mit einem zusätzlichen risikoadaptierten Ansatz genau die Menschen erreicht würden, die ein besonders hohes Krebsrisiko haben. »So kann letztlich auch die Qualität der onkologischen Versorgung verbessert werden«, hofft der Chirurg.