Macht das Handy krank?

Von Dorothee Buschhaus Lesezeit 5 Minuten
Grafik: Handy mit Viren wird gereinigt.

Wischen, tippen, telefonieren: 46- bis 68-mal am Tag schalten wir im Durchschnitt unser Smartphone an. Handys gehören zu den am häufigsten genutzten Alltagsgegenständen und sind oft mit Bakterien und Keimen belastet. Ob und wann diese krank machen, haben wir Markus Egert, Professor für Mikrobiologie und Hygiene an der Hochschule Furtwangen, gefragt. Er gilt als Deutschlands führender Forscher auf dem Gebiet der Haushaltshygiene.

Professor Egert, es kursieren Gerüchte, Displays von Handys seien verkeimter als Toilettensitze. Sind das unseriöse Behauptungen, oder können Sie das aus wissenschaftlicher Sicht bestätigen?

Das kann stimmen, liegt aber auch daran, dass Toilettensitze oft sehr sauber sind. Auf ihnen findet man zwischen 1 und 10, vielleicht auch mal 100 Keime pro Quadratzentimeter. Auf menschlichen Händen und damit auch auf Handys findet man ähnlich viele Keime. Handys sind damit, wie auch Toilettensitze, definitiv keine Keimschleudern. Sie sind sehr glatt und trocken und werden (unbewusst) mehrmals täglich an irgendetwas abgewischt. Zudem gibt es auf einem Handy für Mikroben nicht viel zu fressen. Alles in allem also ein eher ungemütlicher Lebensraum.

Mehr als 2600-mal pro Tag tippen wir in der Regel auf unser Smartphone. Bei jedem Kontakt kommen wir mit Keimen, Bakterien, Erregern in Berührung. Sind die Keime auf dem Smartphone-Display nicht dieselben, die wir bereits auf den Händen haben?

Das Handy ist mikrobiologisch eine Verlängerung der menschlichen Hand. Es gibt tolle molekularbiologische Studien, die zeigen, dass die Handymikrobiota nahezu ein Abbild der sehr persönlichen Handmikrobiota ist.

Welche Mikroorganismen lassen sich am häufigsten nachweisen und wo kommen sie her?

Am häufigsten findet man Hautbakterien wie Staphylokokken oder Mikrokokken. Daneben Schleimhautbakterien, wie Streptokokken aus dem MundRachen-Raum und typische Umweltbakterien wie Pseudomonaden aus Wasser oder Bazillen aus Staub und Erdboden. Schließlich findet man leider auch Fäkalbakterien wie Escherichia oder Enterokokken, was an mangelnder Händehgyiene liegt.

Welche Faktoren beeinflussen die Keimbelastung?

Darüber, von welchen Umwelt- und/oder Verhaltensfaktoren die Mikrobiota auf Handys beeinflusst wird, ist nur wenig bekannt. Sicher spielen dieselben Faktoren eine große Rolle, die auch die Menge und Vielfalt der Handmikrobiota steuern, also z. B. Geschlecht, die Frequenz von Handwäsche und Desinfektion oder auch die Benutzung von Kosmetika. Wir konnten in einer kleinen (unveröffentlichten) Studie zeigen, dass Handys von Männern signifikant mehr Keime enthielten als die von Frauen. Die Benutzung von Handpflegeprodukten führte interessanterweise zu weniger Keimen, vermutlich weil glatte, gepflegte Haut weniger schuppt und damit auch weniger Keime abgibt. Auf Handys mit Schutzfolien war die Keimbelastung höher, vielleicht weil sie leichter zerkratzen und eine größere Oberfläche haben. Faktoren wie Marke und Alter des Handys oder die Benutzung während des Essens hatten keinen Einfluss.

Ich sollte mal ein ›Paper‹ begutachten, in dem behauptet wurde, dass auch die Stärke der Handystrahlung die Keimbesiedlung beeinflusst. Zumindest damals war das nicht sehr schlüssig und ich habe das Paper abgelehnt.

Prof. Dr. Markus Egert
© HFU

Wenn es eine hohe mikrobielle Belastung gibt, ist das gleichzusetzen mit einem hohen Infektionsrisiko, oder anders ausgedrückt: Wann macht das Handy tatsächlich krank?

Mir ist kein publizierter Fall bekannt, dass jemals ein Mensch durch sein Handy eine Infektionskrankheit bekommen hat. Das ist aber auch schwer nachzuweisen. Berichte aus dem Internet über ›Handy-Akne‹ sind allerdings eindeutig ein Mythos. Wenn man an der Stelle im Gesicht Pickel bekommt, an der man das Handy an die Haut drückt, liegt das eher an der mechanischen Reizung als an der Anzahl der Keime. Die Gesichtshaut enthält millionenfach mehr natürliche Bakterien pro Fläche als ein Handy. Im privaten Bereich ist da also eher Entspannung angesagt.

Vorsicht ist immer geboten, wenn ein Handy von mehreren Personen und in Umgebungen benutzt wird, in denen es mehr Krankheitserreger gibt.

Die Menge an Keimen auf dem Handy ist auch weniger bedeutsam als die Qualität der Keime. Vorsicht ist immer geboten, wenn ein Handy von mehreren Personen und in Umgebungen benutzt wird, in denen es mehr Krankheitserreger gibt, z. B. im Krankenhaus, in Arztpraxen, Altenheimen oder auch im Lebensmittelbereich. Nimmt ein Arzt im Krankenhaus z. B. das Handy als Uhrersatz beim Pulsmessen und berührt nacheinander mit seinen Händen verschiedene Patienten und sein Handy, können über das Handy Krankheitserreger von Patient zu Patient übertragen werden. Im schlimmsten Fall z. B. antibiotikaresistente Staphylokokken wie MRSA.

Werden Handys zu Hause beim Kochen benutzt, können Bakterien von rohem Fleisch nicht nur auf Händen und Handtüchern landen, sondern auch auf dem Handy. Vergisst man das Reinigen, können u.U. auch hier Magen-Darm-Erreger ihren Weg in den Mund finden und krank machen.

Gibt es signifikante Unterschiede zu anderen belasteten Oberflächen von Alltagsgegenständen wie Haltegriffe in Bus und Bahn, Einkaufswagen, Türklinken oder Spülschwämmen?

Alle häufig angefassten Oberflächen ähneln sich in Menge und Art ihrer Keimbelastung. Es dominieren immer Haut- und Umweltbakterien. Wir haben kürzlich eine Studie zur Keimbelastung von Bestellbildschirmen in Fast-Food-Restaurants gemacht. Diese war qualitativ wie quantitativ der Handymikrobiota sehr ähnlich. Der viel zitierte Spülschwamm ist allerdings ganz anders, selbst wenn er regelmäßig angefasst wird. Er ist beständig feucht, enthält viele Nährstoffe und hat eine riesige Oberfläche. Hier können sich Keime explosionsartig vermehren.

Was kann man tun, um Keime, Bakterien, Erreger auf Displays und ähnlichen Oberflächen effektiv zu reduzieren?

Das Wichtigste ist natürlich, und das sagt ein Hygieniker immer, Händewaschen. Saubere Hände führen zu sauberen Handys. Zum desinfizierenden Reinigen reicht ein feuchtes Reinigungstuch, wie es z. B. für Brillen genutzt wird. Das reduziert nach unseren Erfahrungen die Keimzahl noch mal um 90 bis 99%. Auch im medizinischen Bereich ist Händehygiene die wichtigste Maßnahme. Leider sind Handys, Tablets und ähnliche Geräte mit Touchscreens nicht sterilisierbar. In Kliniken werden solche Oberflächen daher manchmal in (Einweg-)Folien gehüllt, die anschließend weggeworfen werden können. Ganz wichtig bei allen Reinigungsmaßnahmen: immer die Herstellerempfehlungen berücksichtigen.

Gibt es Personengruppen, für die Handy-Hygiene besonders relevant ist?

Menschen, die im Krankenhaus oder ähnlichen Umgebungen arbeiten, sollten nach dem Dienst nicht nur die Hände, sondern auch das Handy reinigen, um sich keine Krankenhauskeime mit nach Hause zu nehmen. Menschen mit geschwächtem Immunsystem (Alte, akut und/oder chronisch Kranke, Schwangere) sind grundsätzlich anfälliger für Infektionskrankheiten und sollten auch besser auf Oberflächenhygiene achten. Bevor man der Oma im Krankenhaus Fotos auf dem Handy zeigt, ist es also sinnvoll, dieses erst mal zu reinigen (genauso wie man sich Hände wäscht).

Sind antibakterielle Schutzfolien auf Handys und Tablets Erfolg versprechend?

Ich halte davon nichts. Die Wirkung, z. B. von Silberionen oder anderen antimikrobiellen Wirkstoffen in einer Schutzfolie, kann ja dann auch auf meine Hände durchschlagen. Zudem belasten solche Stoffe die Umwelt und sind auch teuer. Feuchte Reinigungstücher halte ich insbesondere für den Hausgebrauch für absolut ausreichend.

Sind andere Länder weiter in Sachen Handy-Hygiene? (z. B. Japan mit Säuberungspapier fürs Smartphone am Flughafen)

Einen internationalen Überblick habe ich leider nicht. Wenn es an öffentlichen Stellen aber Reinigungsmaterial für Handys oder ähnliche Oberflächen gibt, finde ich das gut. Nicht unbedingt aus infektiologischer Sicht, aber beim Warten am Flughafen die Fingerabdrücke vom eigenen Display entfernen zu können ist doch eine prima Sache.

Nehmen wir das Thema (Haushalts-)Hygiene generell nicht ernst genug?

Haushaltshygiene ist ein riesiger Markt, für den die Deutschen jedes Jahr Milliarden ausgeben. Nur der Fokus liegt meiner Meinung nach zu oft auf den falschen Stellen. Viel wichtiger als z. B. das Handy oder auch die Toilette sind zu Hause der Kühlschrank und seine Oberflächen, denn hier werden Lebensmittel gelagert, die direkt in meinen Körper gelangen.

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