Wie kann die Gesellschaft der Zunahme von Pflegebedürftigen zukünftig gerecht werden? Kann dem Trend durch Maßnahmen der Prävention von Pflegebedürftigkeit begegnet werden?
Die WHO hat kürzlich mit der Decade of Healthy Ageing eine unabhängige Lebensführung und Teilhabe im höheren Lebensalter als globale Priorität definiert. In Deutschland haben sich seit der Veröffentlichung der ersten Pflegestatistik im Jahr 1999 die Menschen mit einem Pflegegrad etwa verdreifacht, auf zuletzt 5,7 Mio. Ein verändertes Antragsaufkommen, der neue Pflegebedürftigkeitsbegriff im Jahr 2017 und die gestiegene Lebenserwartung sind dafür verantwortlich. Der kritische Moment, an dem der Bedarf an Pflege das Angebot durch Angehörige und berufliche Pflege sowie die Finanzierbarkeit übersteigt, sei bereits erreicht, mutmaßen Experten. Also erscheint es dringend geboten, Möglichkeiten der Vermeidung, Abmilderung oder Verkürzung der Phase der Pflegebedürftigkeit zu identifizieren, damit die verlängerte Lebenszeit nicht unweigerlich mit einen (höheren) Pflegebedarf einhergeht.
Risikofaktoren für Pflegebedürftigkeit
Die Entwicklung und das Angebot zielgerichteter Prävention macht ein gutes Verständnis der Risikofaktoren nötig. Aus der AgeCoDe-Kohortenstudie wurden Prädiktoren für die Feststellung einer Pflegebedürftigkeit nach SGB XI identifiziert. Bei Diagnose Demenz, Mobilitätsbeeinträchtigung und Lebensalter über 90 Jahre erhöhte sich die Wahrscheinlichkeit für die Feststellung von Pflegebedürftigkeit signifikant. Familienstand, Wohnsituation, sensorische und mentale Faktoren, wie Sehbeeinträchtigung und Depression, hatten einen geringeren Einfluss. Schwerhörigkeit war nicht mit einem höheren Risiko für Pflegebedürftigkeit assoziiert.
Mehrere Analysen von Routinedaten des Medizinischen Dienstes und von Daten der gesetzlichen Pflegeversicherung wurden veröffentlicht, die die soziodemografischen und gesundheitsbezogenen Merkmale von Antragstellenden auf einen Pflegegrad untersucht hatten. Die Untersuchungen sind in ihrer Aussagekraft limitiert und können nur Diagnosen und Eigenschaften von Versicherten beschreiben, die einen Antrag auf Leistungen aus der Pflegeversicherung gestellt haben. Eine hinreichende Grundlage zur Implementierung von Präventionsprogrammen ist damit nicht gegeben.
Mehr Wissen zur Pflegebedürftigkeit nötig
Es fehlt an prospektiven Studien, die die kritischen Wendepunkte bestimmen können, an denen sich Pflegebedürftigkeit manifestiert. Einer dieser neuralgischen Punkte dürfte die Entlassung älterer Menschen aus der Krankenhausbehandlung in die Häuslichkeit sein. Oft sind die persönliche Lebenssituation und Unterstützungsbedarfe nicht ausreichend berücksichtigt, die Zuständigkeiten der Nachbehandlung nicht klar geregelt. Auch sind die notwendigen Pflegeleistungen und notwendigen Nachsorgeleistungen wie Heil- und Hilfsmittel nach einem Krankenhausaufenthalt häufig nicht koordiniert organisiert. Das Entlassmanagement der Krankenhäuser ist nicht hinreichend. Auf die Rehabilitation, Anschlussheilbehandlung oder Kurzzeitpflege muss häufig gewartet werden. Die häusliche Umgebung und Angehörige sind oft wenig vorbereitet auf die Situation der Pflege und Begleitung eines gerade aus dem Krankenhaus entlassenen älteren Menschen mit besonderen Unterstützungsbedarfen nach Ereignissen wie Oberschenkelhalsbruch oder Schlaganfall. Fragmentiert, dysfunktional, weitestgehend dem Organisationstalent der Angehörigen anheimgestellt, kaum digital unterstützt und ineffizient, lautet das Fazit zur Gesundheitsversorgung älterer Menschen in Deutschland in einer 2023 veröffentlichten Studie der Universität Siegen und des Mannheimer Zentrums für europäische Sozialforschung. In internationalen Studien haben sich Programme, die auf den Übergang vom Krankenhaus in die Häuslichkeit zielen, Wiedereinweisung ins Krankenhaus und manifeste Pflegebedürftigkeit verhindern wollen, als wirksam gezeigt. In Deutschland stehen solche Ansätze bis auf wenige Ausnahmen aus oder befinden sich erst in Erprobung.
Welche präventiven Maßnahmen sind wirksam?
Die Engführung der Diskussion über Prävention von Pflegebedürftigkeit auf Verhaltensänderungen im Bereich Mobilität und Sturzrisiko, Ernährung, Suchtmittelkonsum ist nicht zielführend. In der wissenschaftlichen Literatur verdichten sich die Befunde, dass schlechtere soziökonomische Umstände im Verlauf des Lebens einen maßgeblichen Einfluss auf die Manifestation von Pflegebedürftigkeit im höheren Lebensalter haben. Der Ansatzpunkt der Prävention ist hier die Verbesserung der Verhältnisse durch Chancengleichheit für alle hinsichtlich Bildung, Einkommensmöglichkeit, Wohnbedingungen und sozialer Teilhabe.
Angebote der Prävention von Pflegebedürftigkeit, seien es medizinische, verhaltens-, verhältnis- oder lebensweltlich-orientierte, sind keinesfalls vom Nachweis ihrer Wirksamkeit, Sicherheit und Kostenwirksamkeit entledigt. Prävention hat stets auch das Potenzial zu schaden, bindet Ressourcen, hat häufig den Beigeschmack, in das Recht auf selbstbestimmte Lebensführung eingreifen zu wollen.
Eine britische Arbeitsgruppe hat vor zwei Jahren im renommierten British Medical Journal eine Synthese internationaler Studien publiziert, die Maßnahmen der Förderung der Unabhängigkeit älterer Menschen untersucht haben. Eingeschlossen waren randomisierte Studien mit zu Hause lebenden Menschen im Alter von mindestens 65 Jahren. In die Übersicht gingen 129 Studien mit fast 75.000 Teilnehmenden ein. Neunzehn Interventionskomponenten waren geprüft worden, so unter anderem kognitives Training oder Training in den Aktivitäten des täglichen Lebens, Gesundheitsedukation, Mobilitätstraining, Risikoscreenings, Medikationsüberprüfung und soziale Angebote. In einer sogenannten Netzwerkmetaanalyse wurden die Interventionen miteinander verglichen. Individuelle Versorgungsplanung mit individuell angepassten Angeboten, inbegriffen Optimierung der Medikation und regelmäßige Follow-ups erwies sich dabei als am viel versprechendsten, damit die älteren Menschen zu Hause unabhängig leben konnten.
Präventionsempfehlungen aus der Hand der Pflegenden
Das Gesetz zur Befugniserweiterung und Entbürokratisierung in der Pflege sieht vor, die Rolle professionell Pflegender in der Prävention zu erweitern. Pflegefachpersonen sollen künftig eigenständig Präventionsempfehlungen aussprechen. Es bleibt zu hoffen, dass diese auf der besten wissenschaftlichen Evidenz basieren und nicht aus wohlfeilen Maßnahmen bestehen, für die der Nachweis der Wirksamkeit und Sicherheit aussteht. Dies wäre eine Verschwendung ohnehin knapper Pflegeressource ohne das Potenzial, die Entwicklung der Pflegebedürftigkeit günstig zu beeinflussen.
Resümierend stellt sich die Vermeidung von Pflegebedürftigkeit als dringliche gesellschaftliche Frage dar, ist das Wissen über die Ansatzpunkte für präventive Interventionen bislang spärlich sowie die Evidenz zu Präventionsmaßnahmen überschaubar. Einem nichtevidenzbasiertem Aktivismus kann nur durch bessere Wissensgrundlagen begegnet werden.