Wie kann Prävention gesundes Altern fördern und dazu beitragen, Pflegebedürftigkeit zu verhindern und hinauszuzögern? Beim Expertenforum Pflege des Medizinischen Dienstes Bund Ende November in Berlin wurde lebhaft diskutiert.
»Wir müssen bei den pflegebegründeten Diagnosen ansetzen«, meint Prof. Dr. Elmar Gräßel. Er leitet das Zentrum für Medizinische Versorgungsforschung an der Psychiatrischen Universitätsklinik der Friedrich-Alexander- Universität Erlangen-Nürnberg: Demenz, Polyarthrose, COPD, Herz-Kreislaufkrankheiten gehören zu diesen Diagnosen. Dabei hänge jede Diagnose mit Risikofaktoren zusammen, darunter Übergewicht / Adipositas, Luftschadstoffe, Rauchen, körperliche Inaktivität, Arterielle Hypertonie, Diabetes mellitus, hoher LDL-Cholesterinwert, Alkoholkonsum, mangelnde soziale Interaktion, die in unterschiedlichen Lebensphasen (frühe, mittlere, späte Lebensphase) beeinflussbar seien. »Ein präventiver Lebensstil ist nicht angeboren, aber doch erlernbar«, sagt Gräßel.
Mehr Mobilität und soziale Teilhabe
»Der Bedarf an medizinischer und pflegerischer Versorgung wird weiter steigen« – auch angesichts 13 Mio. älter werdender Babyboomer, weiß PD Dr. Andrea Budnick vom Institut für Medizinische Soziologie und Rehabilitationswissenschaft der Charité Universitätsmedizin Berlin. Hier setzt ›Prävention von Pflegebedürftigkeit durch Prevention Nursing‹ an. Das Modellprojekt, bei dem auch der Medizinische Dienst beteiligt ist, zielt darauf, die Selbstständigkeit von Menschen mit beginnenden kognitiven Einschränkungen zu erhalten und Pflegebedürftigkeit hinauszögern. Für Prävention und Gesundheitsförderung geschulte Fachkräfte (Prevention Nurses) sollen aufbauend auf dem individuellen Bedarf beraten und u. a. dabei helfen, Mobilität, kognitive Leistungsfähigkeit und soziale Teilhabe der Betroffenen zu fördern.
Verbesserungen für die Prävention von Pflegebedürftigkeit werde auch das Gesetz zur Befugniserweiterung und Entbürokratisierung in der Pflege mit sich bringen, ist Maria Becker, Unterabteilungsleitung 42 – Fachkräftesicherung, Recht der Heilberufe beim Bundesgesundheitsministerium, überzeugt: »Pflegefachpersonen, Pflegeberaterinnen und Pflegeberater können künftig eigenständig präventive Maßnahmen empfehlen, um ein Fortschreiten der Pflegebedürftigkeit positiv zu beeinflussen.«
Für Carola Engler, stellvertretende Vorstandsvorsitzende des Medizinischen Dienstes Bund, hat die Pflegebegutachtung eine Schlüsselposition inne und Marcel Silbernagel, Sprecher der Konferenz der Pflegeleitungen der Medizinischen Dienste, pflichtet ihr bei: »Der Medizinische Dienst ist vor Ort bei den pflegebedürftigen Menschen und in der Lage, zielgenau zu steuern und Vernetzung herzustellen«, so Engler. Hierzu brauche auch der MD Zugriff auf die elektronische Patientenakte (ePA).
Prävention größer denken
Die ePA eröffne neue Möglichkeiten, damit das Gesundheitssystem präventiver werden könne, sagt auch Oliver Blatt, Vorstandsvorsitzender des GKV-Spitzenverbandes, und appelliert: »Wir müssen Prävention größer denken, die Menschen abholen und gute Zugangswege finden«. Dabei dürfe der Fokus nicht nur auf den Kassen liegen, sondern auch auf Bund, Ländern und Kommunen.
»Wir brauchen ein gutes Zusammenspiel aller Akteure und neue Strukturen. Prävention muss u. a. in die Kitas und Schulen«, fordert Simone Borchardt MdB, gesundheitspolitische Sprecherin der CDU/ CsU-Bundestagsfraktion. Auch müssten Ärztinnen und Ärzte entlastet werden, damit mehr Prävention passieren könne.
Prävention gehöre nicht zuletzt auch ins Quartier, meint Simone Fischer MdB, Sprecherin für Pflegepolitik der Bundestagsfraktion Bündnis 90 / Die Grünen, und verweist auf bereits gute Strukturen vor Ort, z. B. für die Schulgesundheitspflege in Baden-Württemberg, deren Finanzierung jedoch unbedingt geregelt werden müsse.
Mehr Digitalisierung, mehr Gesundheitskompetenz: »Wir müssen die Rahmenbedingungen verbessern und dafür sorgen, dass möglichst viel Prävention in der Häuslichkeit stattfinden kann«, sagt Christine Vogler, Präsidentin des Deutschen Pflegerats, und fügt hinzu: »Präventive Arbeit ist pädagogische Arbeit, ist Beziehungsarbeit«.