Sprechstunde mit Einkaufskorb

Von Peter Büttner Lesezeit 2 Minuten
Eingang zum Medical Room in der Kaufland-Filiale in Mosbach

Zwischen Obstregal und Backstation öffnet sich im Baden-Württembergischen Mosbach eine Tür zu einem anderen Angebot: ärztliche Beratung per Videoscreen in einem Lebensmittelmarkt.

In einer Kaufland-Filiale betreibt die Sana Kliniken AG mit ihrem Medizinischen Versorgungszentrum (MVZ) am Stiftsberg GmbH seit November 2025 einen 54 m² großen ›Medical Room‹. Er gilt als erster telemedizinischer Standort im deutschen Lebensmitteleinzelhandel. Das Konzept: Wer einkauft, kann zugleich eine hausärztliche Videosprechstunde wahrnehmen – unterstützt von medizinischen Fachangestellten vor Ort.

Niedrigschwellig und digital

Zunehmend mehr Ärztinnen und Ärzte bieten hierzulande telemedizinische Behandlungen an – sofern diese medizinisch vertretbar sind. Das gilt z. B. für leichte, unkomplizierte Beschwerden, für Befundbesprechungen oder Verlaufskontrollen. Voraussetzung bleibt eine sorgfältige Steuerung der Zuweisung sowie die ärztliche Indikationsstellung. Denn nicht alles lässt sich durch die Kamera beurteilen. In Mosbach läuft der Zugang digital. Vor der Terminvergabe füllen Interessierte einen Fragebogen aus, der prüft, ob eine Videosprechstunde infrage kommt. Ist dies nicht der Fall, wird an Praxen, Kliniken oder den ärztlichen Bereitschaftsdienst verwiesen. Termine sind montags bis samstags von 8 bis 19 Uhr möglich – auch zu Randzeiten, die viele Praxen nicht abdecken.

Nach Angabe und Umfrage der Betreiber stößt das Angebot auf Neugier. Viele Nutzerinnen und Nutzer sind unter 50 Jahre alt, schätzen die schnelle Terminverfügbarkeit und die Online-Buchung. Für rund jede fünfte befragte Person sei eine fehlende oder unzureichende hausärztliche Anbindung Anlass für die Terminvereinbarung gewesen. Gerade in ländlich geprägten Regionen ist das relevant: Studien prognostizieren bis 2040 einen deutlichen Hausärztemangel, bereits heute sind Tausende Arztsitze vakant.

Wenn ein Angebot den Bedarf von Verbraucherinnen und Verbrauchern deckt, ist das sicherlich eine sinnvolle Option.

Nicht nur deshalb bewertet Peter Grieble von der Verbraucherzentrale Baden-Württemberg telemedizinische Angebote positiv. Während der Coronapandemie habe sich gezeigt, 23 dass digitale Konsultationen Wege sparen und Infektionsrisiken senken können. »Wenn ein Angebot den Bedarf von Verbraucherinnen und Verbrauchern deckt, ist das sicherlich eine sinnvolle Option«, sagt er. Gleichzeitig brauche es eine klare Indikationsstellung. So sei Telemedizin kein Ersatz für jede ärztliche Präsenzversorgung. Entscheidend sei die professionelle Einschätzung, wann digitale Formate ausreichend und wann persönliche Untersuchungen erforderlich sind. Hier setzt er auf die Fachkompetenz der Ärztinnen und Ärzte sowie das bestehende Vertrauensverhältnis.

Susanne Bublitz, Vorstandsvorsitzende des Hausärzteverbandes Baden-Württemberg, betont die Notwendigkeit, telemedizinische Angebote als festen Bestandteil moderner hausärztlicher Versorgung in bestehende Strukturen einzubinden. Die Telemedizin müsse jedoch an eine konkrete Hausarztpraxis angebunden sein. Andernfalls drohten Informationsverluste, doppelte Anamnesen und Brüche in der Versorgungskette, da die ›continuity of care‹ fehlt. Zudem bestehe das Risiko einer ›Rosinenpickerei‹, bei der einfache Fälle digital behandelt und Betroffene mit komplexen Krankheitsbildern den Praxen vor Ort überlassen würden.

Die Betreiber in Mosbach verstehen ihr Modell als Ergänzung. Man wolle gerade geeignete, unkomplizierte Fälle übernehmen, um Praxen zu entlasten. Perspektivisch sehen sie weiteres Potenzial, z. B. für Blutentnahmen oder Impfungen, die derzeit im ›Medical Room‹ nicht zulässig sind.

Signalwirkung?

Die Idee, medizinische Versorgung an Orte des Alltags zu bringen, folgt einem Trend: Gesundheitsangebote sollen niedrigschwellig, flexibel und digital verfügbar sein. So verstanden gilt die Sprechstunde mit Einkaufskorb als Praxistest für die Frage, wie sich digitale Medizin in die bestehende Versorgungslandschaft integrieren lässt. Die Antwort dürfte nicht allein im Supermarktregal zu finden sein, sondern im Zusammenspiel aller Akteure im Gesundheitssystem.

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