Warum und wie altern wir?

Von Larissa Limbrunner Lesezeit 5 Minuten
Nebeneinander: Auge einer jüngeren Frau und eines älteren Mannes

Mit jeder Stunde, Minute und Sekunde altern wir. Viele Menschen leben heute zwar länger, verbringen jedoch Jahre in Krankheit oder Einschränkung. Das hat Folgen für jeden Einzelnen, für die Gesellschaft und das Gesundheitswesen. Wie es gelingen kann, die gelebte Lebenszeit zu verlängern, damit beschäftigt sich z.B. das CECAD Exzellenzcluster für Alternsforschung der Universität Köln. Wir haben mit Institutsleiter Prof. Dr. Björn Schumacher gesprochen, welche Maßnahmen für gesundes Altern wissenschaftlich belegt sind und welche Visionen es gibt.

Jeder will alt werden, keiner will alt sein …

In den letzten 150 Jahren hat sich die Lebenserwartung verdoppelt, d.h., die große Zahl der Mitmenschen wird ein langes Leben erwarten, das allerdings aktuell im letzten Drittel von Krankheiten gezeichnet ist. Die Zahl der Älteren nimmt rasant zu und bei der Hälfte der über 65-Jährigen – das betrifft bald ein Drittel der Gesellschaft – kommt es zu Multimorbidität. Genau das ist unsere Herausforderung: gesund bis ins hohe Alter zu bleiben. Wissenschaftlich gesehen, steht deshalb die Gesundheitsspanne im Fokus und gar nicht so sehr die Lebensspanne an sich. Zudem ist es wichtig, dass wir ein positiveres Verhältnis zum Altern bekommen.

In den Medien kursieren verschiedene Begriffe: Anti-Aging, Longevity, Geroprotektion – wo steckt wie viel Wissenschaft drin?

Anti-Aging ist ein sehr alter Begriff, der sich auf alles bezieht, was gegen das Altern ist, und gerade von der Kosmetikindustrie – oft ohne jede Evidenz – sehr stark genutzt wird. Evidenzbasiert ist die Geroprotektion, das bedeutet ›vor dem Alter schützen‹. Das wollen wir wissenschaftlich erreichen: den Schutz vor altersbedingten Krankheiten. Longevity, die Langlebigkeit, wird vor allem von jüngeren Menschen und Influencern verwendet, und ist ein schöner Begriff, der das Positive betont.

Was passiert in unserem Körper beim Altern?

Im Zentrum steht unser Erbgut, die DNA, die in jeder Zelle vorhanden ist und alle Informationen liefert, z. B. ob die Zelle eine Stammzelle ist oder bestimmte Enzyme herstellen soll. Diese DNA wird allerdings ständig beschädigt. 10000-mal am Tag, jede einzelne Zelle. Deswegen muss ständig repariert werden. Unsere Reparatur ist so ausgelegt, dass sie für 30 bis 40 Jahre perfekt funktioniert – so lange braucht es, die nächste Generation heranzuziehen. Aber für die Extrajahrzehnte, die wir heute noch leben, sind wir genetisch nicht gemacht. Deswegen häufen sich mit dem Alter DNA-Schäden an, die Ursache für das Alter und altersbedingte Krankheiten sind. Dann wird z. B. die Zellteilung behindert oder Nervenzellen bauen ab. So zieht sich der unfassbar komplexe Alterungsprozess durch unseren gesamten Körper.

Also ist man ab 40 Jahren genetisch gesehen alt?

Viele denken, wir altern, wenn wir alt sind. Dabei ist Altern ein lebenslanger Prozess. Das geht schon vor der Geburt los. Mit den geroprotektiven Interventionen, also dem Schützen vor dem Altern und altersbedingten Krankheiten, müssen wir deshalb so früh wie möglich beginnen.

Wie sieht es mit der genetischen Dimension aus? Habe ich gute Karten, wenn meine Großeltern besonders alt geworden sind und lange gesund waren?

Die Genetik beeinflusst uns zu einem Drittel, das haben Studien mit eineiigen Zwillingen gezeigt. Zu zwei Dritteln sind Umwelteinflüsse verantwortlich. Unsere Gene können wir nicht ändern, aber wir haben zu großen Teilen selbst in der Hand, gesund zu bleiben.

Was können wir konkret tun, um gesund alt zu werden? Welche Maßnahmen sind wissenschaftlich belegt?

Mit unserem Lebensstil können wir wirklich viel bewirken, hier gibt es zwei Interventionen, die funktionieren. Die beste geroprotektive Intervention ist die kalorische Restriktion. Wir sollten weniger Kalorien zu uns nehmen. Das wissen wir seit 100 Jahren, es wird aber noch immer nicht umgesetzt. Warum nicht? Weil wir darauf ausgelegt sind, möglichst viel zu essen, wenn wir können. Aber wir wissen von vielen Tierarten, dass man mit verminderten Kalorien das Leben verlängern kann. Das gilt allerdings für das mittlere Alter. Im hohen Altern hingegen braucht der Körper die Kalorien. Die zweite Intervention ist der Sport. Mit diesen beiden Interventionen kann man seinen Lebensstil positiv beeinflussen.

Prof. Dr. Björn Schumacher
© P. Schumacher

Ein weiterer Punkt ist, chronische Krankheitszustände wie Bluthochdruck, starkes Übergewicht oder Diabetes Typ 2 zu behandeln. Denn diese chronischen Krankheiten bringen viele andere Krankheitsrisiken mit sich. Es gibt mittlerweile die ersten geroprotektiven Medikamente, die verschiedene andere Krankheitsrisiken vermindern können. Genau das ist das Konzept: Dass ich mit einem Medikament nicht nur eine Krankheit behandle, sondern auch weitere Krankheiten verhindere. Was wir noch nicht wirklich wissen ist, ob das nur bei chronisch Erkrankten wirkt, oder könnte das auch normalen Menschen helfen, gesünder zu sein? Aber zumindest das Prinzip der Geroprotektion, des Schutzes vor altersbedingten Krankheiten, ist damit erbracht.

Die kalorische Restriktion, die Sie empfehlen, klingt anstrengend und unbequem ...

Entscheidend ist, dass man eine Ernährungsumstellung langfristig umsetzen kann. Es nützt nichts, einmal Diät zu halten oder einmal eine Fastenwoche zu machen. Langfristig gesund leben, darum geht es. In Studien hat sich gezeigt, dass selbst eine milde kalorische Restriktion (14% weniger) über zwei Jahre Verbesserungen im Immunsystem gebracht hat. Ein gutes Beispiel ist Intervallfasten, acht Stunden über den Tag verteilt gesund – z. B. mediterran – essen und dann 16 Stunden fasten. Wir sollten immer abwägen: Passt es für mich, oder überspanne ich den Bogen? Das Gleiche gilt beim Sport.

Also müssen wir nicht alle für einen Marathon trainieren?

Sport ist wichtig, aber der Marathon passt zu den wenigsten. Man sollte sich eine Sportart suchen, die einem gefällt und bei der man sich nicht verletzt. Zu beachten ist, dass es nicht nur um Cardio geht, sondern man sich auch um die Muskeln kümmern muss. Denn im Alter kommt es unweigerlich zum Muskelabbau. Zugleich kommt die Sturzgefahr hinzu. Da ist es wichtig, dass man sich vorher Muskeln aufgebaut hat, und z. B. eine gute Beinmuskulatur vor einem Sturz schützen kann. Wenn wir über einen gesunden Lebensstil sprechen, beinhaltet das immer beides zusammen: eine gesunde Ernährung und Bewegung.

Wird es in Zukunft ein Medikament gegen das Altern geben?

Am Kölner Exzellenzcluster CECAD forschen wir daran, die molekularen und zellulären Mechanismen des Alterns aufzuklären, um neue Ansätze für Prävention, Diagnose und Behandlung altersassoziierter Erkrankungen, wie Stoffwechselerkrankungen, Diabetes, Herz Kreislauf-Erkrankungen oder Nierenversagen, zu definieren. Dabei wird auch mit Tieren gearbeitet. Ein Beispiel sind Nacktmulle, die im Vergleich zu anderen Nagern eine lange Lebensspanne von 20 bis 30 Jahren haben, und das ohne altersbedingte Krankheiten. Was ist am Stoffwechsel dieser Tiere anders, dass sie so lange leben? Das ist faszinierend herauszuarbeiten.

Aus Erkenntnissen wie diesen versprechen wir uns dann, diese ganze Komplexität der Reparatur des Erbguts verbessern zu können – für die Medikamente der Zukunft, die wirklich Altern an der Ursache adressieren, damit wir sehr viel länger gesund sein können.

Also geht es darum, das Altern von Krankheit oder Pflegebedürftigkeit zu entkoppeln …

Die eigentliche Vision ist, dass wir bis ins hohe Alter gesund sind. Im Moment gehen wir davon aus, dass der Mensch eine maximale Lebensspanne von 120 Jahren hat. Es läuft vielleicht auf einen Durchschnitt von 100 hinaus, der erreichbar ist. Das Altern vollkommen aufzulösen, ist eine Phantasievorstellung. Aber wo wir hinkommen können, ist, die Gesundheitsspanne zu verlängern, bzw. die Krankheitsspanne am Ende des Lebens, die aktuell durchschnittlich über zehn Jahre ist, zu komprimieren. Das ist unser primäres Ziel.

Wir haben über viele Dinge gesprochen, die uns helfen können, gesund zu altern. Gibt es etwas, das wir vermeiden sollten?

Rauchen ist der Nummer-1-Faktor für altersbedingte Krankheiten – noch viel schlimmer als Alkohol. Zum Rauchen gehört auch das Vaping, das gerade unter jungen Menschen wieder zum Trend wird. Deswegen: Rauchen gar nicht erst anfangen oder aufhören.

Wie wollen Sie alt werden?

Möglichst gesund [lacht]. Deswegen mache ich Sport und 16:8-Intervallfasten, das lässt sich gut in meinem Alltag umsetzen.

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