Wie hängen Gesundheit und Glück zusammen? Sind glückliche Menschen gesünder? Diese und weitere Fragen haben wir Prof. Dr. Tobias Esch gestellt. Der Allgemeinmediziner, Neuro- und Gesundheitswissenschaftler ist seit 2016 Professor und Lehrstuhlinhaber für Integrative Gesundheitsversorgung und Gesundheitsförderung an der Universität Witten / Herdecke und Bestsellerautor.
Es heißt ›Ohne Gesundheit ist alles nichts‹. Stimmt das?
Nein, denn dann würden ja alle Menschen, die nicht gesund sind, nichts mehr haben, auch nicht glücklich sein können. Und das stimmt so nicht: Wir sehen gerade bei älteren Menschen, dass trotz negativer Lebensumstände, trotz chronischer Krankheiten dennoch tiefe Zufriedenheit und Dankbarkeit möglich sind. Je älter die Menschen werden, desto mehr scheinen sie sich von dem Anspruch zu emanzipieren, gesund sein zu müssen bzw. Gesundheit als Voraussetzung für das Glück zu nehmen. Umgekehrt sehen wir, dass Menschen, die optimistisch, glücklich und zufrieden sind, nicht nur ein vermeintlich besseres Leben leben, sondern auch ein gesünderes und vor allem ein längeres Leben. Das gilt nicht in jedem Einzelfall, stimmt aber für die Statistik. Und, das zeigt auch die Forschung: Menschen, die grundsätzlich zuversichtlich eingestellt sind, können besser mit schwerwiegenden Lebensereignissen, einschneidenden Phasen, z.B. Krankheiten und Krisen, umgehen.
Was beeinflusst unser Glücksempfinden?
Neben einem gesundheitsförderlichen Lebensstil mit regelmäßiger Bewegung, ausgewogener Ernährung, ausreichend Schlaf und Stressreduktion sind es insbesondere die persönliche Einstellung, Haltung und Perspektive, die sich auf unsere Lebenszufriedenheit auswirken. So sind zufriedene Menschen oft besser in der Lage, Dinge loszulassen, die nicht mehr da sind oder die ihre Zeit gehabt haben. Sie sind dankbar und geben gern, auch ohne eine Gegenleistung zu erwarten. Sie empfinden sich weniger als Opfer denn als Gestalter. Was wir auch sehen: Besonders glückliche oder zufriedene Menschen haben oft einen expliziten oder impliziten Glauben, eine Spiritualität: Sie finden einen Sinn in ihrem Leben, eine Bedeutung.
Lassen sich solche Erkenntnisse für die Medizin und Gesundheitsförderung nutzen?
Was der heutigen Medizin fehlt, ist eine subjektive Dimension von Gesundheit und Medizin. Dabei geht es darum, die Ebene der subjektiven Bedeutsamkeit im Leben, des Sinns und der Verbundenheit stärker in die medizinische und pflegerische Betreuung miteinzubeziehen. Für jemanden, der gerade eine schwere Krankheit hat oder just davon genesen ist, ist Glück etwas anderes als für jemanden, der jung, gesund oder gerade verliebt ist. Wenn Menschen sich in ihrem Leben zu Hause fühlen, verbunden mit ihrer Welt, wenn sie neben einer kulturellen Heimat auch einen Sinn gefunden haben – dann fühlen sie sich subjektiv gesund, selbst wenn sie objektive Krankheitssymptome haben. Das Subjektive und Individuelle in uns (quasi der ›innere Arzt‹) gehört gerade in der Medizin mehr anerkannt.
Wıe kann das gelingen?
Äußerer, sprich behandelnder Arzt, und innerer Arzt sollten zusammenarbeiten, mit- und ineinander integriert. Wir sprechen dabei auch von ganzheitlicher oder Integrativer Medizin. Viele (chronische) Krankheiten lassen sich damit besser adressieren und behandeln, insbesondere solche, die mit ›chronischem Unglück‹ oder einer ›Sinnleere‹ einhergehen – wie z. B. Burnout, aber auch viele Herz-Kreislauf-, Schmerz-, Stoffwechsel- und weitere Erkrankungen. Verbundenheit und Sinn können dabei nicht nur helfen, medizinisch besser zu behandeln und etwa die Kommunikation zwischen Arzt, Patient oder Pflegekräften zu verbessern, sondern auch anzuerkennen, dass objektive und subjektive Anteile zusammen deutlich besser die Gesundheit fördern und Krankheit vermeiden können. Es geht letztlich immer um Beziehungen, innere und äußere: Begegnen sich Menschen auf Augenhöhe und erleben sie einen intensiven Moment echter Verbundenheit, kann dieser Wachstums- und Heilungspotenziale anstoßen und ist Teil jener subjektiven Dimension von Gesundheit und Medizin: Geist, Seele und Körper sind unzertrennlich.
Gibt es eine Glücksformel, die für alle Menschen gilt?
Das Grundprinzip von Glück und Zufriedenheit ist im Wesentlichen überall gleich. Das liegt darin, dass uns das Belohnungssystem im Gehirn anzeigt, wofür es sich lohnt zu leben. Lebensgeschichtlich kommen später individuelle Inhalte hinzu, die sich von Mensch zu Mensch unterscheiden, aber das Prinzip bleibt gleich. Wichtig ist: Die Motive für Glück und Zufriedenheit ändern sich über die Lebenszeit. Steht in der Jugend eher das lustbetonte Glück im Vordergrund, das Vergnügen, die Vorfreude, oft verbunden mit äußeren Ereignissen, so ist es in der mittleren Lebensphase eher die Erleichterung, wenn der Druck des Lebens eine Pause eingelegt – wenn ein Konflikt, ein Schmerz, eine Krankheit uns einen Moment lang ruhig sein lassen. Und dann gibt es vor allem, aber nicht nur, in der zweiten Lebenshälfte ein zunehmendes Gefühl von innerem Frieden, von Ankommen, von Zufriedenheit. Wenn man nicht mehr zwingend etwas von außen erwartet, sich nicht mehr etwas erkämpfen muss, sich nicht mühsam vor etwas schützen muss, sondern wenn man spürt, am richtigen Ort zur richtigen Zeit zu sein. Je nach Phase sind es unterschiedliche Dinge, die glücklich machen: abenteuerliche Projekte, Verliebtsein, bewusste Auszeiten bis hin zu Meditation, Spiritualität, das Gefühl von Verbundenheit mit etwas Höherem.
Glück ist also keine Altersfrage? Welche Unterschiede gibt es bei Frauen und Männern?
Wir sehen einen Gipfel des Glücks in der Jugend und einen noch höheren grob zwischen dem 65. und 75. Lebensjahr. Dazwischen hängt das Glück wie bei dem Buchstaben ›U‹ etwas durch. Aktuelle Daten zeigen, dass es die Jugend gegenwärtig offenbar schwerer hat als noch vorherige Generationen. Generell gilt: Den Tiefpunkt durchleben wir statistisch im Alter zwischen 40 und 50 Jahren. Das sind natürlich grobe Festlegungen, sie leiten sich aus vielen Untersuchungen und großen Datenmengen ab. Dennoch finden wir dieses Phänomen heute in praktisch allen Ländern. Auch wenn das Leben für jeden anders verläuft: Das ›U‹ ist statistisch bei Männern ausgeprägter, der Scheitelpunkt tiefer, die Brücke hängt bei ihnen mehr durch. Bei Frauen zeigt sich häufiger ein flacher ›Teller‹. Nach dem 60. bis 65. Lebensjahr werden statistische Ableitungen schwieriger, weil dann Krankheits- und Sterbeeffekte den Kurvenverlauf beeinflussen können.
Wie wichtig sind genetische Faktoren?
Die Gene wirken sich ebenso aus wie die Herkunftsfamilie, die Kultur oder das Land, in das man hineingeboren wird. Letztlich aber hat die Wissenschaft die Bedeutung der Gene immer weiter heruntergestuft. Heute gehen wir etwa von einem Drittel der Lebenszufriedenheit aus, die an unserer ›Werkseinstellung‹ liegt. Der Rest scheint gestaltbar.
Warum tun sich manche Menschen leicht und andere schwer, ihr Glück zu finden?
Dafür gibt es viele Gründe. Zusammen mit den Genen hat es z. B. damit zu tun, wie schnell Belohnungsstoffe im Gehirn gebildet und wieder abgebaut werden und wie viele Rezeptoren dafür vorhanden sind. Hier unterscheiden wir Menschen uns durchaus. Der weit größere Teil liegt jedoch daran, welche Schlüsse wir aus dem ziehen, was wir erleben. Glück ist individuell, aber in großen Teilen erlernbar. Auch wenn das Umfeld und die Lebensumstände eine Rolle spielen, zeigt die Forschung: Der Zufall oder die vorgegebenen kulturellen bzw. äußeren Einflüsse sind weit weniger entscheidend als das, was jeder für sich daraus macht.
Wir sehen aktuell schreckliche Bilder aus Kriegsgebieten, erleben Krisen und sorgen uns. Ist es gesünder, sich vor schlechten Nachrichten zu schützen?
Jein. Glück und Zufriedenheit entstehen nicht durch eine Abkehr von der Welt. Im Gegenteil: Eudaimonie – der Lebenslohn – entsteht aus gelebtem Leben und persönlichem Wachstum heraus. Dafür benötigt es auch Herausforderungen und ja, Krisen, die wir meistern. Am Ende passiert alles im Miteinander, nicht in einer Blase, einer Höhle, als Eremit. Aber: Jede schlechte Nachricht ist auch Stress. Unser Gehirn unterscheidet kaum zwischen virtuellem Stress oder solchem, der weit weg ist, und dem vor der eigenen Haustür. Wichtiger im Umgang mit Stress sind daher Dosis und Form: Ist der Stress kontrollierbar? Kann ich ihn ›abschalten‹, eine Auszeit haben? So sehr wir also mit der eigenen und der Weltlage insgesamt konfrontiert bleiben müssen, auch um letztlich ins Handeln und Wachsen zu kommen, so sehr müssen wir die Menge steuern, sie verdauen können, sonst erleiden wir ›Ohnmacht‹.