Ob Alkohol, Zigaretten oder ungesunde Ernährung: Prävention beginnt nicht beim Individuum, sondern mit gesundheitsförderlichen Rahmenbedingungen. Welche Erfolgsrezepte aus anderen Ländern Deutschland übernehmen könnte, zeigt ein Blick ins Ausland.
Deutschland gehört bei der Prävention im europäischen Vergleich zu den Schlusslichtern – besonders in den Bereichen Tabak, Alkohol, Ernährung und Bewegung. Das zeigt der Public Health Index (PHI), der Deutschland auf Rang 17 von 18 untersuchten Ländern einordnet. Der Index von AOK-Bundesverband und Deutschem Krebsforschungszentrum erfasst erstmals zusammen mit einem interdisziplinären Forschungsteam systematisch, in welchem Umfang europäische Staaten wissenschaftlich empfohlene Maßnahmen zur Förderung gesunder Lebensweisen umsetzen.
Der Blick ins europäische Ausland zeigt, dass wirksame Prävention möglich ist.
Der Blick ins europäische Ausland zeigt, dass wirksame Prävention möglich ist: Länder wie Großbritannien, Finnland und Frankreich setzen in zentralen Bereichen konsequenter an und liefern Ansatzpunkte, an denen sich die Politik hierzulande orientieren kann. Auch außerhalb Europas – etwa in Chile und Japan – gibt es Beispiele dafür, wie Gesundheitspolitik den Alltag spürbar gesünder machen kann.
Vereinigtes Königreich: Softdrink-Steuer
Im europäischen Vergleich steht das Vereinigte Königreich an der Spitze – getragen von einer ambitionierten Politik in den Bereichen Tabakkontrolle, Bewegung und Ernährung. Besonders anschaulich wird das an der Softdrink-Steuer: Seit 2018 gilt dort für Hersteller eine nach Zuckergehalt gestaffelte Abgabe. Für Softdrinks mit mindestens 5 Gramm Zucker pro 100 Milliliter werden 19 Pence pro Liter fällig, ab 8 Gramm sind es 26 Pence. Im europäischen Kontext zählt diese Regelung zu den am besten untersuchten Präventionsmaßnahmen. Offenbar setzte sie genau den gewünschten Impuls: Viele Anbieter passten ihre Rezepturen an, um die Abgabe zu vermeiden. So sank der Zuckergehalt der unter die ›Soft Drinks Industry Levy‹ fallenden Getränke zwischen 2015 und 2020 im Durchschnitt um 46%. Studien zufolge reduzierte sich zudem die Zuckeraufnahme aus Softdrinks in der Bevölkerung.
Prof. Dr.Peter von Philipsborn, Leiter des Lehrstuhls für Public Health Nutrition an der Universität Bayreuth und Mitglied des PHI-Forschungsteams, sieht erheblichen Nachholbedarf für Deutschland: »Fachorganisationen empfehlen unter anderem eine Mehrwertsteuerbefreiung auf Obst und Gemüse, eine Softdrink-Steuer, Werbeschranken für Ungesundes, eine verbindliche Nährwertkennzeichnung und verbindliche Qualitätsstandards für die Kita- und Schulverpflegung.«
Finnland: Alkohol unattraktiv machen
Neben Norwegen und Schweden zählt Finnland im Handlungsfeld Alkohol zu den Spitzenreitern in Europa. Auffällig ist der konsequente Ansatz, Alkoholkonsum weniger attraktiv zu machen – unter anderem über höhere Preise, eine begrenzte zeitliche Verfügbarkeit, weitreichende Werbeverbote und teils ein auf 20 Jahre angehobenes Mindestverkaufsalter. Wie wirksam der Preishebel sein kann, zeigt ein Vergleich im PHI: Während in Deutschland im Discounter ein 1,5-Liter-Tetrapak Wein für weniger als 2 Euro erhältlich ist, liegt in Finnland allein die Verbrauchsteuer auf eine 0,7-Liter-Flasche Wein bei rund 3,20 Euro. Dem häufig vorgebrachten Einwand, Steuererhöhungen seien unpopulär, widerspricht Dr.Carolin Kilian, wissenschaftliche Mitarbeiterin am Zentrum für Interdisziplinäre Suchtforschung der Universität Hamburg und an der University of Southern Denmark aus dem PHI-Forschungsteam. Eine Forsa-Umfrage der IKK Classic zeige vielmehr, »dass eine Mehrheit der Deutschen höhere Alkoholsteuern grundsätzlich befürwortet, insbesondere wenn deren Einnahmen direkt an die gesetzlichen Krankenkassen fließen würden.«
Internationale Vergleiche deuten darauf hin, dass dieser Kurs Wirkung entfaltet: Nach Angaben der Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung OECD zählt Finnland zu den Ländern mit dem geringsten Gesamtalkoholkonsum in Europa. Entsprechend liegt auch die alkoholbedingte Krankheitslast dort spürbar unter dem EU-Durchschnitt.
Frankreich: Fahrradmetropole Paris
Mit dem ›Plan Vélo‹ verfolgt Paris das Ziel, sich zu einer echten Fahrradstadt zu entwickeln. Das Programm wurde 2015 gestartet und wird seit 2021 in einer zweiten Ausbaustufe fortgeführt. Hintergrund sind vor allem der dichte Verkehr, klimapolitische Ziele, der Wunsch nach einer höheren Lebensqualität in der Stadt und das Anliegen, mehr Alltagsbewegung zu ermöglichen. Kern ist der Ausbau sicherer Radwege: 2023 umfasste das Netz über 1500 Kilometer, darunter Expressrouten für Pendelnde. Pop-up-Radwege wurden dauerhaft etabliert, die Zahl der Fahrradstellplätze wird kontinuierlich erhöht.
Die Wirkung ist messbar: Laut Institut Paris Région wurden 2024 bereits 11,2% der Wege mit dem Rad zurückgelegt – gegenüber 4,3% mit dem Auto. Seit 2010 hat sich der Radverkehr nahezu vervierfacht, das Fahrrad hat das Auto im Alltag überholt. In Frankreich ist Radverkehr längst mehr als Mobilitätspolitik. Regelmäßiges Radfahren stärkt die Gesundheit, senkt das Risiko für schwere chronische Erkrankungen und wirkt sich positiv auf das seelische Wohlbefinden aus. Der Effekt lässt sich sogar ökonomisch fassen: Schätzungen zufolge werden laut PHI dadurch jedes Jahr in Frankreich Tausende vorzeitige Todesfälle vermieden und das Gesundheitssystem um knapp 200 Mio. Euro entlastet.
Auch Dr.Peter Gelius, Assistenzprofessor für Bewegung und Lebenslauf am Institut des sciences du sport de l’Université de Lausanne (UNIL) sowie Mitglied im Expertenteam des PHI, betont die Bedeutung von Bewegung für die Gesundheit: »In Europa ließen sich laut einer Analyse der International Sport & Culture Association bis zu 500000 vorzeitige Todesfälle jährlich vermeiden, wenn sich die Menschen mehr bewegen würden.« Wäre ein Fünftel der inaktiven Europäer täglich nur 20 Minuten aktiv, ließen sich ihm zufolge schätzungsweise 16 Mrd. Euro Gesundheitskosten pro Jahr einsparen.
Auch der Blick über Europa hinaus zeigt, was Prävention leisten kann, wenn Politik konsequent an den Rahmenbedingungen ansetzt.
Chile: klare Warnhinweise
Chiles Ansatz gilt weiterhin als Vorbild für Prävention per Umfeldgestaltung: Statt nur an Willenskraft zu appellieren, macht das Land ungesunde Produkte im Supermarkt sofort erkennbar und schützt Kinder damit konsequent. Dazu gehören Warnhinweise auf der Vorderseite von Verpackungen, Einschränkung für an Kinder gerichtete Werbung sowie Verkaufsverbote entsprechender Produkte in Schulen. Studien zeigen, dass sich dadurch Einkäufe messbar in Richtung gesünderer Produkte verschieben – und dass Hersteller Rezepturen anpassen, um Warnkennzeichnungen zu vermeiden.
Japan: Routine-Check-ups
»In Japan gehört morgendliche Schulgymnastik selbstverständlich dazu. Solche Kulturveränderungen sind auch bei uns denkbar«, sagt Gelius zur Selbstverständlichkeit, mit der Japan Prävention in den Alltag integriert. Dazu gehören auch breite, standardisierte Gesundheits-Check-ups, die fest im System verankert sind – inklusive klarer Schritte, wenn Werte auffällig sind, wie ein OECD-Review beschreibt. Auch beim Rauchen ist die Richtung politisch gesetzt: Im Rahmen von ›Health Japan 21‹ soll die Erwachsenen-Rauchquote bis 2032 auf 12% sinken.
Was die erfolgreichen Länder verbindet
Die Beispiele zeigen: Prävention wirkt am stärksten, wenn sie das Lebensumfeld verändert, statt sich auf individuelle Vorsätze zu verlassen. Erfolgreiche Strategien kombinieren mehrere Instrumente und setzen bei zentralen Stellschrauben an: Preisen, Werbung, Verfügbarkeit und der Gestaltung des Alltagsraumes. Gesundheit wird damit weniger zur Privatsache, sondern zu einer Frage der politischen Gestaltung von Rahmenbedingungen.