ADHS in jungen Jahren

Von Christina Sartori Lesezeit 4 Minuten
© istock / Michael Nesterov

ADHS gehört zu den am häufigsten diagnostizierten psychischen Störungen bei Kindern und Jugendlichen: Die Aufmerksamkeitsdefizit-/Hyperaktivitätsstörung ist eine neurobiologische Entwicklungsstörung, bei der die Gehirnsteuerung anders funktioniert als bei den meisten Menschen. Betroffene Kinder und Jugendliche sind oft unaufmerksam, impulsiv oder ›hyperaktiv‹.

Schätzungen zufolge sind ca. 5% der drei- bis 17-Jährigen in Deutschland von ADHS betroffen, mit oft jahrelangen individuellen, familiären und sozialen Auswirkungen: Kinder mit ADHS verhalten sich oft anders, als von ihnen erwartet wird, sie ecken oft an und benötigen viel Aufmerksamkeit. Das Syndrom wirkt sich auf viele Lebensbereiche aus: Durch die Konzentrationsschwäche fällt betroffenen Kindern und Jugendlichen häufig das Lernen schwer, einige haben Schwierigkeiten in der Sprachentwicklung oder eine Lese-RechtschreibSchwäche. Das trägt dazu bei, dass viele Kinder und Jugendliche mit ADHS Probleme in der Schule haben. Manche zeigen ein auffälliges Sozialverhalten, Ängste oder Depressionen. Kinder und Jugendliche mit ADHS geraten eher mit Gleichaltrigen in Konflikt und verhalten sich öfter regelwidrig oder auch aggressiv. Die damit verbundenen Probleme können für die Kinder und ihre Familien außerordentlich belastend sein und einen erheblichen Unterstützungsbedarf mit sich bringen.

Wie sehr der Bedarf an Unterstützung und Betreuung bei Kindern und Jugendlichen generell gestiegen ist, zeigen auch die Begutachtungszahlen des Medizinischen Dienstes. Diese beziehen sich auf alle Kinder und Jugendlichen, die auf Pflegebedürftigkeit begutachtet werden – nicht nur auf diejenigen mit ADHS: Innerhalb von zehn Jahren hat sich die Zahl aller Pflegebegutachtungen bei unter 18-Jährigen nahezu vervierfacht: von rund 53.000 im Jahr 2015 auf etwa 190.000 im Jahr 2025.

Bei zunehmend mehr Begutachteten begründen ADHS sowie andere Entwicklungsstörungen eine Pflegebedürftigkeit. Zu dem Anstieg haben vermutlich auch zwei formale Änderungen beigetragen: Zum einen werden seit der Pflegereform 2017 kognitive, psychische und psychiatrische Beeinträchtigungen bei der Feststellung der Pflegebedürftigkeit stärker berücksichtigt. Zum anderen müssen die Symptome für eine ADHS-Diagnose seit 2013 nicht mehr vor dem siebten, sondern vor dem zwölften Lebensjahr auftreten. Diese beiden Faktoren erklären den Anstieg der Zahlen jedoch nur zum Teil.

Jungen werden häufiger diagnostiziert

Kritiker befürchten, dass die Diagnose heute zu oft gestellt wird, auch weil die ADHS- Diagnosen in den vergangenen Jahren deutlich angestiegen sind: Ein Report der Krankenkasse DAK zeigt: Im Jahr 2024 gab es im Vergleich zum Vorjahr 16% mehr Diagnosen bei Kindern bis zu 17 Jahren.

Möglicherweise erhalten auch Kinder und Jugendliche die Diagnose ADHS, die vielleicht nur etwas unruhig, aber eigentlich gesund sind.

Deutlich mehr Jungen als Mädchen werden im Kindesalter mit ADHS diagnostiziert.

Doch gleichzeitig mehren sich die Anzeichen, dass derzeit gerade Mädchen mit ADHS noch übersehen werden: Deutlich mehr Jungen als Mädchen werden im Kindesalter mit ADHS diagnostiziert, obwohl Forschende davon ausgehen, dass beide Geschlechter ähnlich häufig betroffen sind. »Dies hat auch mit Stereotypen der ADHS zu tun, bei denen die Hyperaktivität und die Impulsivität im Vordergrund stehen«, stellt Prof. Dr. Alexandra Philipsen vom Universitätsklinikum Bonn fest. »Mädchen haben generell eher aufmerksamkeitsbezogene Symptome«, erläutert die Direktorin der Klinik und Poliklinik für Psychiatrie und Psychotherapie. Während Jungen eher durch Hyperaktivität und lautes, impulsives Verhalten auffallen, äußert sich ADHS bei Mädchen eher durch Verträumtheit und soziale Schwierigkeiten wie Probleme mit Freundschaften oder auch, dass sie sich zurückziehen. Da Eltern und Lehrkräfte diese Symptome nicht mit ADHS verbinden, wird es bei Mädchen häufiger übersehen.

Mehr als eine Modediagnose

In den sozialen Medien ist ADHS ein beliebtes Thema, aber nicht immer werde dort richtig darüber berichtet, kritisiert Prof. Dr.Marcel Romanos vom Universitätsklinikum Würzburg: »Ein Problem stellen gesundheitsbezogene Influencer in den sozialen Medien dar. Sie beschreiben sehr unscharfe und oftmals auch falsche Kriterien von psychischen Erkrankungen und Verhaltensstörungen, was zu einer zunehmenden Inflation von Selbstdiagnosen führt.« Allerdings gibt der Direktor der Klinik und Poliklinik für Kinderund Jugendpsychiatrie, Psychosomatik und Psychotherapie zu bedenken: »Inwiefern diese Entwicklung sich in der Zunahme von Diagnosen bei den Krankenkassen abbildet, bleibt unklar.«

Auch in der Gesellschaft gibt es jetzt eine größere Sensibilität für das Thema.

Auch in der Wissenschaft ist das Thema mittlerweile deutlich präsenter als früher. Das könnte ebenso dazu führen, dass heute deutlich mehr Menschen mit ADHS diagnostiziert werden, als früher, gibt Philipsen zu bedenken: »Wir Forschende haben zu den steigenden Diagnosezahlen beigetragen, indem wir aufklären und Vorträge halten.« Die Ärztin für Psychiatrie und Psychotherapie begrüßt das: »Letztendlich denke ich, dass auch das Bewusstsein im Kollegium inzwischen höher ist als vor 25 Jahren oder auch vor zehn Jahren – das ist eine positive Entwicklung. Auch in der Gesellschaft gibt es jetzt eine größere Sensibilität für das Thema.«

Für die Diagnose führen Ärztinnen und Ärzte oder Psychiaterinnen und Psychiater für Kinder- und Jugendliche ausführliche Gespräche mit dem Kind und den Eltern, nutzen Fragebögen, bewerten auch Informationen aus Kita oder Schule und führen Tests zur Aufmerksamkeit durch. Außerdem werden andere mögliche Ursachen für die außergewöhnlichen Verhaltensweisen ausgeschlossen. Die Diagnose im Kindesalter bedeutet in der Regel: ein Leben lang mit ADHS. Allerdings können viele Erwachsene besser mit den Herausforderungen in Alltag und Beruf umgehen, auch weil sie entsprechende Strategien entwickelt haben.

Passend zum Kind

Die richtige Behandlung hängt vom Kind und seinen Symptomen ab. Bei leichter ADHS genügt es oft, die Eltern zu schulen: Was bedeutet ADHS, wie fördere ich mein Kind, wie setze ich Grenzen? Sind die Symptome stärker ausgeprägt und kommt es häufig zu sozialen oder schulischen Problemen, kann zusätzlich eine Verhaltens- oder Familientherapie notwendig sein. Auch schulische Maßnahmen, wie Bewegungspausen oder auch Hilfen bei schriftlichen Arbeiten, können das Kind unterstützen. Wenn solche Maßnahmen nicht ausreichen und es sehr häufig zu Konflikten mit Familie, Freunden und der Umwelt kommt, können Medikamente eingesetzt werden, darunter Methylphenidat, Atomoxetin oder Dexamphetamin. Nur wenn ein Kind außerordentlich hyperaktiv ist und den Alltag kaum bewältigen kann oder wenn schwere psychische Begleiterkrankungen bestehen, kann eine kurzzeitige Behandlung in einer Klinik erwogen werden, um die Symptome abzumildern.

Einflüsse aus der Umwelt?

Einige Forschende argumentieren, dass vor allem gesellschaftliche Faktoren das Risiko für ADHS beeinflussen, wie Reizüberflutung, Bewegungsmangel, Leistungsdruck und veränderte Familienstrukturen. Diese Probleme führten zu einem Anstieg von Kindern und Jugendlichen mit ADHS. Doch dafür gibt es bisher keine wissenschaftlichen Beweise. Ähnlich ist es mit anderen Risikofaktoren wie Rauchen, Alkohol oder Drogenkonsum während der Schwangerschaft: Einzelne Studien deuten auf einen möglichen Einfluss dieser Risikofaktoren hin, doch sichere Belege fehlen bisher.

Dagegen gehen viele Fachleute davon aus, dass die genetische Veranlagung eine Rolle spielt: Kinder, deren Vater oder Mutter oder beide Eltern an ADHS erkrankt sind, haben ein höheres Risiko für ADHS. Das bedeutet aber nicht, dass dieses Kind mit Sicherheit ADHS bekommen wird. Studien deuten zudem darauf hin, dass bei Menschen mit ADHS der Transport bestimmter Botenstoffe im Gehirn verändert ist: in Regionen, die für Lernen und Gedächtnis wichtig sind. Insgesamt vermuten Forschende heute, dass eine genetische Veranlagung zusammen mit äußeren Einflüssen zu ADHS führt.

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