Alkoholkonsum wird mit mehr als 200 Krankheiten in Verbindung gebracht, darunter diverse Krebsarten. Trotzdem herrscht in unserer Gesellschaft immer noch eine weitgehend unkritische Einstellung zum ›Alkoholgenuss‹. Fachgesellschaften fordern ein Umdenken.
Kein anderes Rauschmittel ist so weit verbreitet und in unserer Gesellschaft so selbstverständlich präsent wie Alkohol. Nahezu uneingeschränkt in der Werbung sichtbar, oft assoziiert mit positiven Emotionen und ausgelassener Stimmung und zudem leicht verfügbar, wird der Zugang zu Alkohol in Deutschland leicht gemacht. Jugendlichen ist es ab 14 Jahren in Begleitung ihrer Eltern erlaubt, Bier, Wein und Sekt zu trinken, ab 16 Jahren können sie diese Getränke eigenständig kaufen; für Spirituosen und Alkopops gilt die 18-Jahre-Beschränkung. In unserer Kultur ist Alkohol so alltäglich, dass Menschen, die alkoholfrei leben, gesellschaftlich häufig stigmatisiert werden.
Schädlich ab dem ersten Tropfen
Dabei steht fest: Alkohol schadet grundsätzlich der Gesundheit. Denn Alkohol ist ein Zellgift, das jedes Organ des Körpers angreifen kann. Regelmäßiges Trinken kann unterschiedliche körperliche und psychische Krankheiten begünstigen und ein Einstieg in die Abhängigkeit sein. Gefährdet ist auch, wer trinkt, um Stress, Ängste oder Einsamkeit zu verdrängen.
In Summe kostet schädlicher Alkoholkonsum die Gesellschaft jährlich 57 Mrd. Euro.
Lange Zeit galt es selbst unter Ernährungswissenschaftlern als akzeptabel, Alkohol in Maßen zu trinken: Ein Glas Wein sollte sich sogar positiv auf das Herz-Kreislauf-System und eine etwas geringere Sterblichkeitswahrscheinlichkeit auswirken. Das hat sich inzwischen geändert. »Ergebnisse der Wissenschaft zeigen zunehmend, dass es keinen gesundheitsförderlichen und keinen sicheren Alkoholkonsum gibt«, betont die Deutsche Hauptstelle für Suchtfragen (DHS). »Auch geringe Trinkmengen können zur Verursachung von körperlichen Krankheiten beitragen. Alkoholkonsum sollte von jeder Person reduziert werden, unabhängig davon, wie viel sie trinkt. Am besten ist es, keinen Alkohol zu sich zu nehmen.« Auch die Deutsche Gesellschaft für Ernährung (DGE) und das Deutsche Krebsforschungszentrum (DKFZ) schließen sich dieser Empfehlung an. Auf ein Jahr berechnet verursacht Alkohol in Deutschland knapp 62.300 Krankenhausaufenthalte wegen akuter Alkoholvergiftung (-46,5% im Zehnjahresvergleich), darunter fast 7.800 Alkoholvergiftungen bei Jugendlichen zwischen 15 und 19 Jahren (-61% im gleichen Zeitraum). Alkoholkonsum ist für jede zweite Suchtbehandlung verantwortlich, fast jede zehnte Straftat wird unter Alkoholeinfluss begangen und alle 17 Minuten ereignet sich ein Unfall im Straßenverkehr, bei dem Alkohol im Spiel ist. Rund 47.500 Menschen sterben an den Folgen ihres Alkoholkonsums. In Summe kostet schädlicher Alkoholkonsum die Gesellschaft jährlich 57 Mrd. Euro. Diese Kosten umfassen sowohl direkte medizinische Kosten als auch indirekte Kosten durch Produktivitätsverluste, vorzeitige Verrentung und Sterblichkeit. Demgegenüber belaufen sich die Einnahmen durch Alkoholsteuern nur auf 3,2 Mrd. Euro.
Alkohol und Krebs
Was oft unterschätzt wird: »Vielen Menschen ist nicht bewusst, dass Alkohol ein erheblicher Krebsrisikofaktor ist. Allein in Deutschland gehen Schätzungen zufolge jedes Jahr über 20000 Krebsneuerkrankungen und mehr als 8.000 Krebstodesfälle auf das Konto des Alkoholkonsums«, sagt Dr. Katrin Schaller, Stabsstelle Krebsprävention des Deutschen Krebsforschungszentrums (DKFZ) und Autorin des Alkoholatlas, einer Publikation des DKFZ, die umfassende Informationen über Alkoholkonsum und seine Folgen zusammenfasst. Am stärksten sei der Einfluss auf Darmkrebs, auf Krebserkrankungen des Mund- und Rachenraums, der Leber, Speiseröhre und der weiblichen Brust. »Alkohol ist in jeder Menge krebserzeugend«, heißt es im Alkoholatlas. Alkoholkonsum zähle folglich zu den wichtigen vermeidbaren Krebsrisikofaktoren. Daneben kann Alkoholkonsum die Entstehung von mehr als 200 Krankheiten begünstigen. Dazu zählen Herz-Kreislauf-Erkrankungen, Typ-2-Diabetes sowie Schädigungen des Gehirns und des Nervensystems. Vor allem riskante Alkoholmengen und Rauschtrinken (binge-drinking) sollten in jedem Fall vermieden werden, sind sich medizinische Fachgesellschaften einig.
Mehr Prävention und Aufklärung
Trotz aller Gesundheitsgefahren hat unsere Gesellschaft noch immer eine weitgehend unkritische Einstellung zum Alkoholkonsum. Auch wenn es bereits einige Präventionskampagnen und -programme gibt (Beispiele sind ›Alkohol – kenn dein Limit‹ für Jugendliche und Erwachsene, ›Klasse 2000‹ für Grundschulen oder ›IRIS‹ für Frauen und Schwangere), fordert die Deutsche Gesellschaft für Ernährung: »In Deutschland sind weitere verhältnis- sowie verhaltenspräventive Maßnahmen erforderlich, um den Alkoholkonsum, damit verbundene gesundheitliche und soziale Probleme sowie die alkoholbedingte Sterblichkeit zu reduzieren.«
In vielen anderen europäischen Ländern, darunter Frankreich, Spanien, Italien und Großbritannien, dürfen Minderjährige gar keinen Alkohol kaufen. »Je früher junge Menschen anfangen, Alkohol zu trinken, desto größer ist ihr Risiko, abhängig zu werden«, betont das DKFZ und macht sich mit mehr als 20 weiteren Gesundheits- und zivilgesellschaftlichen Organisationen im Rahmen der Initiative ›Kinder ohne Alkohol und Nikotin‹ für politische Regulationsmechanismen stark, die einen verantwortungsbewussten Umgang mit Alkohol ermöglichen. Die Initiative fordert ein umfassendes Werbeverbot von Alkohol, Warnhinweise auf alkoholischen Getränken, Verkauf ausschließlich in lizenzierten Fachgeschäften sowie ein Mindestabgabealter von 18 Jahren für alle alkoholischen Getränke. Eine große Mehrheit der Bevölkerung hierzulande befürwortet ein Mindestabgabealter von 18 Jahren (63%) sowie ein Verbot von Werbung und Sponsoring für alkoholische Getränke (64%), wie eine Umfrage des Deutschen Krebsforschungszentrums vergangenes Jahr ergab.
Wir brauchen viel mehr Aufklärung in den Schulen und natürlich auch zu Hause ein größeres Bewusstsein, wie gefährlich Alkohol für Kinder und Jugendliche sein kann.
Hendrik Streeck, Beauftragter der Bundesregierung für Sucht- und Drogenfragen: »Wir brauchen viel mehr Aufklärung in den Schulen und natürlich auch zu Hause ein größeres Bewusstsein, wie gefährlich Alkohol für Kinder und Jugendliche sein kann. Da ist noch viel zu tun. Auch in der Politik können wir unseren Beitrag leisten. Es ist richtig, dass wir endlich offen darüber sprechen, ob Regelungen wie das ›begleitete Trinken‹ noch zeitgemäß sind. Bier und Wein werden schließlich nicht gesünder, nur weil Erwachsene danebensitzen.« Die Gesundheitsminister der Länder sprachen sich im Sommer 2025 für eine Änderung im Jugendschutzgesetz aus, dass Jugendliche erst ab 16 Jahren Bier und Wein trinken dürfen. Bundesgesundheitsministerin Nina Warken unterstützt das Anliegen.
Das Geschäft mit der Sucht
Mit einem Pro-Kopf-Verbrauch von 10,6 Liter reinem Alkohol liegt Deutschland auf Platz 13 im europäischen Vergleich (erster Platz: Lettland mit 11,9 Litern, letzter Platz: Türkei mit 1,69 Litern). Damit ist die durchschnittlich konsumierte Alkoholmenge in Deutschland mehr als doppelt so hoch wie die durchschnittliche Trinkmenge weltweit (5,5 Liter pro Kopf und Jahr). Die Alkoholindustrie behauptet, sie vermarkte ihre Produkte nur an Personen, die diese ›verantwortungsvoll‹ konsumieren könnten. Dabei ignoriert dies die Tatsache, dass Alkohol eine Droge ist. »Stark trinkende Menschen sind eine wichtige Zielgruppe der Hersteller beim Alkoholmarketing«, heißt es im Alkoholatlas der DKFZ. »Die zehn Prozent der Bevölkerung, die am meisten trinken, sind für rund die Hälfte des gesamten Alkoholkonsums verantwortlich.« 7,9 Mio. Menschen (14,8%) zwischen 18 und 64 Jahren (oft mit hohen Bildungsabschlüssen) konsumieren Alkohol in gesundheitlich riskanter Form. Die große Mehrheit (85%) aber gab an, keinen oder höchstens risikoarme Mengen zu trinken. Gesellschaftlich zeichnet sich ein vorsichtiger Trend ab: Vergleicht man die letzten zehn Jahre, ist der Pro-Kopf-Konsum alkoholischer Getränke insgesamt (von 11,4 auf 10,6 Liter Reinalkohol) sowie der regelmäßige Alkoholkonsum bei Jugendlichen (von 11,8 auf 9,7%) zurückgegangen.