Patientinnen und Patienten erwarten zu Recht hohe Sicherheitsstandards, wenn sie in der ärztlichen Praxis oder im Krankenhaus behandelt werden. Behandlungsfehler und daraus resultierende Gesundheitsschäden gilt es in jedem Fall zu verhindern, denn sie verursachen nicht nur großes menschliches Leid, sondern haben auch erhebliche ökonomische Auswirkungen.
12.304 fachärztliche Gutachten zu vermuteten Behandlungsfehlern hat der Medizinische Dienst im Jahr 2024 bundesweit erstellt. Dabei haben die Gutachterinnen und Gutachter 3.731 Behandlungsfehler festgestellt; in 2.825 Fällen konnte ein Schaden kausal mit dem Fehler in Verbindung gebracht werden.
Diese Zahlen klingen hoch, doch sie zeigen nur einen kleinen Ausschnitt des tatsächlichen Problems. »Zahlreiche wissenschaftliche Studien, die immer wieder zu ähnlichen Ergebnissen kommen, gehen davon aus, dass es in etwa zwischen einem und fünf Prozent aller stationären Behandlungen zu Fehlern und zu vermeidbaren Schäden kommt«, sagt Dr. Stefan Gronemeyer, Vorstandsvorsitzender des Medizinischen Dienstes Bund, anlässlich der Veröffentlichung der Jahresstatistik der Behandlungsfehlerbegutachtung der Medizinischen Dienste.
Hohe Dunkelziffer
Zehntausende Menschen werden jedes Jahr im Gesundheitssystem geschädigt – obwohl viele Behandlungsfehler verhindert werden könnten. Die Dunkelziffer ist groß, weil viele Vorfälle nicht erkannt, dokumentiert oder gemeldet werden.
Die Dunkelziffer ist groß, weil viele Vorfälle nicht erkannt, dokumentiert oder gemeldet werden.
Dabei geht es nicht um unvermeidbare Nebenwirkungen, die manchmal trotz bester Behandlung auftreten können. Es geht um vermeidbare Fehler, also um Situationen, in denen etwas schiefläuft, das bei besserer Organisation, klarer Kommunikation und mehr Sicherheitsbewusstsein hätte verhindert werden können. Fehler entstehen häufig dort, wo Sicherheitsstrukturen fehlen, Teamarbeit und Absprachen nicht gut funktionieren oder Zeit- und Kostendruck die Qualität der Behandlung beeinflussen. Das zeigt: Patientensicherheit liegt nicht allein im Verantwortungsbereich Einzelner, sondern hängt auch von der Struktur und der Organisation der Einrichtungen des Gesundheitswesens ab.
Internationale Daten
Auch internationale Organisationen wie die Weltgesundheitsorganisation (WHO) und die Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) beschäftigen sich intensiv mit dem Thema Patientensicherheit. Laut WHO treten in modernen Gesundheitssystemen – also auch in Deutschland – in mindestens 5 % aller Krankenhausaufenthalte vermeidbare Schäden auf. Das bedeutet: Bei etwa jedem zwanzigsten Krankenhausaufenthalt passiert etwas, das der Patientin oder dem Patienten schadet, obwohl es hätte verhindert werden können.
Gesundheitsökonomische Auswirkungen
»Unsichere Versorgung hat nicht nur Folgen für die geschädigten Patientinnen und Patienten. Sie hat auch massive gesundheitsökonomische Auswirkungen. Denn wenn Patientinnen und Patienten durch Behandlungsfehler geschädigt werden, dann sind weitere Eingriffe, Operationen und Nachbehandlungen erforderlich«, so Gronemeyer.
Die Behandlung von vermeidbaren Schäden kostet viel Geld – Geld, das dann an anderer Stelle fehlt, z. B. für Prävention, gute Pflege oder bessere Arbeitsbedingungen im Krankenhaus. Würde mehr Geld in Sicherheitsmaßnahmen investiert, könnten langfristig hohe Folgekosten gespart werden: durch kürzere Krankenhausaufenthalte, weniger Medikamente, weniger Pflegebedürftigkeit und weniger Arbeitsausfälle. Was bedeuten die internationalen Zahlen für Deutschland? Die OECD hat in mehreren aufeinander aufbauenden Untersuchungen zu ökonomischen Schäden durch unsichere Versorgung (›The Economics of Patient Safety‹) herausgefunden, dass im Schnitt etwa 15 % der Krankenhauskosten direkt durch die Folgen unsicherer oder fehlerhafter Behandlungen entstehen.
Prof. Dr. Reinhard Busse, Professor für Management im Gesundheitswesen an der Technischen Universität Berlin und renommierter Gesundheitsökonom, hat nachgerechnet, was die internationalen Zahlen für Deutschland bedeuten, und festgestellt: »Überträgt man diese Zahl auf Deutschland, ergibt das mehr als 15 Mrd. Euro pro Jahr. Rechnet man die gesamte Gesundheitsversorgung ein – also auch Pflege und Rehabilitation –, liegen die Kosten bei etwa 9 % der gesamten Gesundheitsausgaben. Das entspricht etwa 1 % des Bruttoinlandsprodukts (BIP). Und 1 % des BIP sind auf Deutschland gerechnet rund 40 Mrd. Euro.« Zum Vergleich: 2023 betrugen die gesamten Gesundheitsausgaben in Deutschland etwa 501 Mrd. Euro, also rund 12 % des BIP.
Wirtschaftliche Folgen
Diese Zahlen zeigen, dass die wirtschaftlichen Folgen von Behandlungsfehlern größer sind als bei vielen anderen Gesundheitsrisiken. Trotzdem fließt nur ein kleiner Teil der finanziellen Mittel in die Vorbeugung solcher Fehler. Stattdessen werden jedes Jahr Milliarden dafür ausgegeben, die entstandenen Schäden zu beheben – während Investitionen in Sicherheit und Prävention oft als Zusatzkosten gesehen werden.
Die wirtschaftlichen Folgen von Behandlungsfehlern sind größer als bei vielen anderen Gesundheitsrisiken.
Selbst wenn man nur die bestätigten Fehlerfälle betrachtet, sind die finanziellen Folgen beträchtlich. Denn es geht nicht nur um die Kosten, die aus der Behandlung des Fehlers selbst entstehen, sondern auch um die Folgekosten durch längere Arbeitsunfähigkeiten, dauerhafte Behinderungen oder Todesfälle. Jeder vermeidbare Fehler bedeutet also auch menschliches Leid – für die Betroffenen, ihre Familien und die Menschen, die sie pflegen.
Gegen den weltweiten Trend
Die neuesten internationalen Daten stammen aus der ›Global Burden of Disease‹-Studie. Diese Studie untersucht weltweit, wie viele Todesfälle durch medizinische Fehler oder unerwünschte Ereignisse verursacht werden. Seit 1990 ist die Zahl dieser Todesfälle weltweit um etwa ein Drittel gesunken – ein Zeichen dafür, dass viele Länder aus Fehlern lernen und ihre Systeme verbessern.
In Deutschland zeigt sich jedoch ein anderer Trend: Hier hat sich die Zahl der Todesfälle durch medizinisch verursachte Ereignisse verdoppelt. Im Jahr 2023 lag die Sterblichkeit bei 1,9 Todesfällen pro 100 000 Einwohner – das entspricht rund 1600 Menschen pro Jahr. Zum Vergleich: In der Schweiz liegt dieser Wert bei nur 0,6 pro 100 000 Einwohner.
Diese Zahlen sind alarmierend. Sie zeigen, dass Deutschland bei der Patientensicherheit deutlich hinter anderen Ländern zurückliegt. Es fehlt an einer konsequenten Sicherheitskultur, an klaren Meldewegen und an der Bereitschaft, aus Fehlern systematisch zu lernen.
Warum sich Investitionen in Sicherheit lohnen
Fest steht: Jede Investition in Prävention, bessere Kommunikation und Sicherheitsmanagement zahlt sich mehrfach aus. Denn werden Fehler vermieden, bedeutet das:
- weniger Leid für Patientinnen und Patienten,
- weniger Belastung für das Personal (Stichwort: ›Second-Victim-Phänomen‹)
- geringere Kosten für das Gesundheitssystem
- steigendes Vertrauen in Krankenhäuser und Praxen.
Patientensicherheit darf nicht als teurer Zusatz betrachtet werden. Mehr Investition in Patientensicherheit sollte vielmehr als »Investition in Qualität, Effizienz und Vertrauen verstanden werden, während das Unterlassen von Fehlervermeidung ein Vielfaches kostet«, sagt Busse.
Ein Krankenhaus, das der Implementierung und Umsetzung von Sicherheitsstandards höchste Priorität beimisst, arbeitet dagegen langfristig wirtschaftlicher, weil es weniger Komplikationen, kürzere Liegezeiten und zufriedenere Patienten gibt.
Fazit: Die ökonomischen Folgen von Behandlungsfehlern sind enorm: Milliardenbeträge fließen jedes Jahr in die Behandlung vermeidbarer Schäden. Gleichzeitig wird zu wenig in Fehlervermeidung, Ausbildung und Sicherheitsstrukturen investiert. Mehr Patientensicherheit ist also keine Frage des guten Willens, sondern eine kluge und wirtschaftlich sinnvolle Entscheidung. Jeder Euro, der in Prävention gesteckt wird, spart mehrfach Geld – und noch wichtiger: Er bewahrt Menschen vor unnötigem Leid.
Deutschland hat die Möglichkeit, aus internationalen Erfahrungen zu lernen und Patientensicherheit zu einem festen Bestandteil seiner Gesundheitsstrategie zu machen. Nur so kann erreicht werden, dass weniger Fehler passieren, weniger Menschen geschädigt werden und das Gesundheitssystem menschlicher, sicherer und effizienter wird.
Zur Jahresstatistik der Behandlungsfehlerbegutachtung der Medizinischen Dienste (PDF 1,02 MB)