Gesundheit selbst testen?

Von Dr. Ulrike Gebhardt Lesezeit 4 Minuten
Junge Frau führt Nasenabstrich durch.

Der Markt für Gesundheitsselbsttests boomt, aber die Qualität lässt häufig zu wünschen übrig.

Seit der Corona-Pandemie sind die meisten Menschen mit medizinischen Selbsttests vertraut. Niemand muss mehr das Haus verlassen und die Ärztin oder den Arzt fragen, um zu wissen, ob die Ursache für Husten und Fieber eine Infektion mit dem Coronavirus ist. Das Ergebnis lässt sich nach korrekter Durchführung leicht ablesen: ein Strich – nicht infiziert, zwei Striche – leider doch.

Der allgemeine Gebrauch von Coronatests und technische Verbesserungen haben dazu beigetragen, dass der Markt für Selbsttests in den vergangenen Jahren stark gewachsen ist. Wirtschaftsfachleute schätzen den Marktwert für das Jahr 2023 weltweit auf rund 15 Mrd. US-Dollar mit einer zukünftigen Wachstumsrate von jährlich fast 7 %.

Der Besuch eines Drogeriemarktes zeigt die Fülle des Angebots an Selbst- und Labortests, die mit dem Slogan ›In wenigen Schritten zum Ergebnis‹ beworben werden.

Der Besuch eines Drogeriemarktes zeigt die Fülle des Angebots an Selbst- und Labortests, die mit dem Slogan ›In wenigen Schritten zum Ergebnis‹ beworben werden. Es gibt Produkte, die anzeigen sollen, ob der Körper mit genügend Vitamin D, B12 oder Eisen versorgt ist; ob mit dem vaginalen pH-Wert alles stimmt; ob die Schilddrüse normal arbeitet, der Körper mit Schwermetallen belastet ist, der Magen mit dem Bakterium Helicobacter Pylori zu kämpfen hat oder sich im Stuhl verdächtiges Blut befindet.

Die Tests benötigen Probenmaterial wie Blut, Urin, Speichel oder Stuhl. Sie sind in der Regel einfach zu handhaben. Das Material wird auf einen Teststreifen aufgebracht oder in eine Testkassette gefüllt. Nach einer kurzen Wartezeit kann das Ergebnis abgelesen werden. Grundlage für viele Tests ist die sogenannte ELISA-Methode. Ein Verfahren, das farblich sichtbar macht, wenn Antikörper (im Testreagenz) mit der zu bestimmenden Substanz (im Testmaterial) reagieren. Bei anderen Verfahren wird daheim nur die Probe genommen und diese dann in einem geeigneten Gefäß an ein Diagnostiklabor geschickt.

Selbsttests sind oft fehleranfällig

»Selbsttests haben ein klares Potenzial, die öffentliche Gesundheit zu verbessern«, sagt Jonathan Deeks, Biostatistiker an der britischen Universität Birmingham. Damit sie jedoch nützlich und nicht schädlich sind, müssten sie nachweislich genau und einfach in der Anwendung sein.

Deeks und sein Team haben gerade 30 verschiedene Gesundheitstests zu unterschiedlichen Fragestellungen vom Vitamin-D-Spiegel über die Prostatagesundheit bis zum Darmkrebs geprüft. Obwohl alle Tests die CE-Kennzeichnung trugen, also grundsätzlich alle europäischen Sicherheits- und Leistungsanforderungen erfüllten, stuften die britischen Forschenden 60 % dieser Tests als riskant ein. Die Testanweisungen seien schlecht formuliert, das Probenahmeverfahren anfällig oder die Interpretation der Ergebnisse schwierig.

Als Beispiel führen die Wissenschaftler einen Vitamin-D-Test an. Die Blutentnahme aus der Fingerkuppe mit der beigefügten Pipette schlage häufig fehl. Eine beigefügte Farbpalette für die Auswertung des Ergebnisses sei ungenau.

Gefordert wird eine strengere Regulierung von Gesundheitstests für den Heimgebrauch, um Patientinnen und Patienten zu schützen.

Als extrem fehleranfällig schätzt das Team auch einen ›Menopause‹-Test ein, der die Menge des follikelstimulierenden Hormons im Urin misst. Ein Anstieg des FSH-Spiegels im Blut ist ein häufiges Anzeichen für den Beginn der Wechseljahre. Bei Frauen, die sich im Übergang zur Menopause, also in der Perimenopause, befinden, schwankt der FSH-Wert während des Zyklus aber (noch). Um überhaupt eine Aussage zum FSH treffen zu können, müsste der Test immer am zweiten bis zum fünften Tag des Zyklus gemacht werden. Ansonsten sind die gemessenen Werte kaum zu interpretieren.

Deeks und seine Kolleginnen fordern eine strengere Regulierung von Gesundheitstests für den Heimgebrauch, um Patientinnen und Patienten zu schützen und Missbrauch zu verhindern.

Bei Beschwerden besser in die Praxis

Die Deutsche Gesellschaft für Endokrinologie e. V. (DGE) rät ausdrücklich von der Nutzung von Selbsttests ab, da die Ergebnisse nicht valide seien. »Es kann viele Gründe geben, warum sich Betroffene bei Beschwerden nicht an Endokrinologinnen und Endokrinologen wenden, sondern sich für die kommerziellen Hormon-Selbsttests entscheiden«, sagt Alexander Mann, Facharzt für Innere Medizin, Endokrinologie und Diabetologie am Endokrinologikum Frankfurt. Womöglich sei ihnen die Wartezeit bis zu einem Arzttermin zu lang oder sie fühlten sich dort mit ihren Beschwerden nicht ernst genommen und erhofften sich von den Hormontests neue Erkenntnisse, so der Facharzt.

Doch: »Diese Selbstdiagnostik kann bei den Betroffenen zu unnötiger Sorge führen, falls die Ergebnisse falsch oder ungenau sind«, so Mann. Wie gut ein Test sei, könne die Nutzerin oder der Nutzer nicht einschätzen. Außerdem werde die Konzentration der gemessenen Hormone von verschiedenen Faktoren beeinflusst, zum Beispiel der Tageszeit: »Selbst wenn die Tests beispielsweise in einem zertifizierten Verfahren durchgeführt werden, sind Hormontests immer stark abhängig von äußeren Bedingungen.«

Die DGE empfiehlt, bei Beschwerden und dem Verdacht, dass die Ursache dafür hormonell sei, nicht auf kommerzielle Hormontests zu setzen, sondern eine Facharztpraxis aufzusuchen.

Sinnvolle Selbsttests

Es gibt Selbsttests, die Fachleute als absolut sinnvoll einschätzen – entweder, weil sie geprüft zuverlässige Ergebnisse liefern und /oder medizinisch begleitet werden. Dazu zählen Covid-19-Antigen-Tests, die das Bundesamt für Arzneimittel und Medizinprodukte (BfArM) geprüft hat. Ebenso etablierte Schwangerschaftstests, die bei einem Ausbleiben der Periode durchgeführt werden können und eine Trefferquote von mehr als 95 % haben. Dazu zählt auch das Blutzucker-Home-Monitoring für Diabetiker. Für sie gehört die Selbsttestung zum normalen Leben dazu.

»Bei einer klaren medizinischen Fragestellung, die in der Regel ärztlich begleitet ist, können Selbsttests ein hilfreiches Instrument sein: Ovulationstests können beispielsweise beim Erfüllen eines Kinderwunsches sinnvoll sein«, sagt die Medizinerin und Juristin Birgit Harbeck, Mediensprecherin der DGE. Die zunehmende Kommerzialisierung allgemeiner Hormontests für zu Hause sähe die DGE dagegen kritisch, da ihre Aussagekraft fragwürdig sei und Betroffene oftmals mit den Ergebnissen vollkommen allein gelassen würden.


Selbsttests: Darauf sollten Sie achten

Auch im Internet werden zahlreiche Selbsttests angeboten, und es werden immer mehr. Es geht um Hormone, Vitamine, Mineralstoffe, das Mikrobiom und vieles andere. Die Anbieter kommen damit offenbar dem Wunsch der Verbraucher entgegen, die eigene Gesundheit stärker selbst in die Hand zu nehmen und zu optimieren. Aus marktwirtschaftlichen Gründen stellen die Hersteller dabei viele Gründe in den Vordergrund, warum die Testung nützlich sei. Doch ist sie das wirklich?

Die Stiftung Gesundheitswissen empfiehlt jeder und jedem, sich vor der Bestellung eines Tests zu fragen:

  • Wer bietet den Test an? Wenn der Anbieter neben dem Test auch gleich die passende Behandlung anpreist, dürfen Sie skeptisch sein.
  • Was spricht dagegen, den Test bei einer Ärztin oder einem Arzt durchführen zu lassen?
  • Was versprechen Sie sich von dem Test und welche Konsequenzen ziehen Sie aus dem Ergebnis?

Für einen Gesundheitstest zu Hause raten Fachleute:

  • Kaufen Sie nur CE‑gekennzeichnete Tests oder solche mit BfArM‑Liste / Zulassung.
  • Bevorzugen Sie Tests aus Apotheken anstelle von Online-Angeboten ohne klare Qualitätsbewertung.
  • Lesen Sie die Gebrauchsanweisung sorgfältig und führen Sie den Test exakt nach Anleitung durch.
  • War der Test noch haltbar? War er richtig gelagert?
  • Beachten Sie: Wann ist der richtige Zeitpunkt für einen Test? Ein Schwangerschaftstest direkt nach dem Geschlechtsverkehr kann z. B. noch keine Schwangerschaft anzeigen.
  • Betrachten Sie das Ergebnis als Hinweis, aber nicht als Diagnose: Bei Unsicherheit sollten Sie auf jeden Fall ärztlichen Rat einholen.
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