Casino Vital

Von Jens Lubbadeh Lesezeit 2 Minuten
Comichaftes Bild: Eine Reihe Spielautomaten, davor die Rücken von vier grauhaarigen Menschen.

In Japan gibt es Tagesbetreuungen für Senioren im Stil von Las Vegas: mit Blackjack, Roulette und Limousinenservice. Gespielt wird nur mit Spielgeld – aber gewonnen wird: Würde.

Es ist lange her, dass ich in Las Vegas war. Aber eines hat sich eingebrannt: der Kontrast zwischen außen und innen. Außen: Bling-Bling aus Glas und Neon, Caesar’s Palace, als hätte Augustus eine Kreditkarte, das Luxor Casino, eine Pyramide mit Zimmer-Service. Drinnen: Kling-Kling. Erst muss man durch eine Armada von Geldspielautomaten, dann wartet an den Roulettetischen die Ernüchterung. Kein James Bond, keine Smokings, keine Juwelen. Sondern Hawaiihemden, Shorts, Adiletten. Sehr viele Touristen, jeder zweite gefühlt über 60. Mein Take-away aus Vegas: Ältere Menschen lieben Casinos.

Rien ne va plus. So nicht.

Das war wohl auch Kaoru Moris Erkenntnis. Der japanische Altenpfleger hatte jahrelang in der Tristesse von Senioren-Tagesbetreuungen gearbeitet. Das Programm dort glich oft dem einer Kita: Basteln, Malen, Singen, Klatschen, Essen. Den Männern war das offenbar zu doof, sie kamen häufig gar nicht erst. Mori sagte sich: Rien ne va plus. So nicht.

Das Personal trägt Weste und Krawatte

Also erfand er eine Tagesbetreuung im Casinostyle: Blackjack statt Bingo, Mahjong statt Malen, Roulette statt Rollator. Im ›Day Service Las Vegas‹ rollen Kugeln, es klimpert, klackt und blinkt. Das Personal trägt Weste und Krawatte, die Gäste werden in Limousinen vorgefahren. Wirkt erst mal übertrieben, aber darin zeigt sich der Anspruch: Hier wird niemand wie ein Kind behandelt, sondern wie ein Erwachsener.

Einziger Unterschied zu Vegas: Die Pachinko-Maschinen, eine Mischung aus Flipper und Glücksspielautomat, sind eine japanische Spezialität. Die Pachinko-Industrie dürfte es freuen. Wegen schrumpfender Gesellschaft und strengerer Regeln gegen Spielsucht haben sich ihre Umsätze in 20 Jahren halbiert. Der Kapitalismus wird erstaunlich fürsorglich, sobald er eine Zielgruppe entdeckt.

Endlich nicht mehr basteln! Endlich richtiger Nervenkitzel!

Wichtigste Regel im ›Day Service Las Vegas‹: Gezockt wird mit Spielgeld. Niemand soll hier seine Rente verballern, zudem hat etwa die Hälfte der Gäste Demenz. Alle hier kommen insbesondere wegen der Gesellschaft: Endlich nicht mehr basteln! Endlich richtiger Nervenkitzel! Weil Dauerzocken anstrengend ist, werden allerdings einmal pro Stunde die Karten aus der Hand gelegt und gemeinsam Gymnastik getrieben. Casino Royale trifft Rückenschule.

Japan ist schon dort, wo Deutschland in 15 Jahren sein wird

Dass diese Idee aus Japan kommt, wundert nicht. Das Land ist nicht nur Vorreiter bei Robotern und Toiletten mit Genitalföhn, sondern auch beim Altern. Japan ist eine super-aged Society: Ein Drittel der Bevölkerung ist über 65 Jahre alt (in Deutschland sind es 22%). 10% sind über 80 (in Deutschland 7%). 12% der älteren Japaner haben Demenz, Tendenz steigend (in Deutschland sind es rund 10%). Kurz: Japan ist schon dort, wo Deutschland in 15 Jahren sein wird. Aber definitiv mit mehr Fun.

Mittlerweile gibt es 22 ›Day Service Las Vegas‹Casinos im ganzen Land. Finanziert wird die Senioren-Zockerei von der staatlichen Versicherung, worüber sich die Familien freuen. Denn viele Menschen, die ihre Eltern zu Hause pflegen, müssen dafür ihren Job aufgeben. Pflegeurlaub gibt es zwar, aber gerade kleinere Unternehmen setzen ihn nicht immer konsequent um.

Japan zeigt noch mit einem anderen Beispiel, dass ältere und demente Menschen Teil der Gesellschaft bleiben können, ohne dass es bedrückend sein muss: Im ›Restaurant der fehlerhaften Bestellungen‹ bedienen Senioren mit Demenz. Kommt statt Wein Suppe? Fehlt das Besteck? Nicht so schlimm. Die Gäste wissen, worauf sie sich einlassen, und nehmen’s mit Humor.

Vielleicht liegt die Zukunft des Alterns in mehr Vegas-Mentalität – nicht wegen der Automaten, der Limousinen oder der Westen mit Krawatte, sondern wegen des Versprechens, dass immer noch etwas passieren kann.

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