Wenn Menschen im Alter unter einer psychischen Erkrankung, z. B. einer Depression leiden, bleibt dies häufig unentdeckt und unbehandelt. Dafür gibt es unterschiedliche Ursachen.
Edith ist 94 Jahre und blickt auf ein ereignisreiches Leben: Sie hat den Zweiten Weltkrieg überstanden, die Wirtschaftswunderjahre erlebt. Sie hat zwei Töchter großgezogen, ihrem Mann jahrelang den Rücken freigehalten. Sie hat ihre pflegebedürftige Mutter umsorgt, eine Krebserkrankung überwunden, und vor allem hat sie nie geklagt.
Heute lebt Edith zurückgezogen in einer Zwei-Raum-Wohnung in einer Neubausiedlung, der Pflegedienst kommt zweimal am Tag, die Kinder nur zum Geburtstag und zu Weihnachten. Edith fügt sich still in die Situation: »Jammern bringt doch nichts«, sagt sie mit brüchiger Stimme, traurigem Blick und spürbarer Resignation.
In Zahlen
Die alte Dame zeigt immer öfter typische Anzeichen einer Altersdepression, bemerkt auch der Pflegedienst: Phasen der gedrückten Stimmung nehmen zu, sie wirkt antriebslos, traurig, unkonzentriert, isst weniger. Und damit ist sie keineswegs allein. Laut Weltgesundheitsorganisation (WHO) leiden weltweit ca. 14 % der Erwachsenen über 70 Jahre an einer psychischen Erkrankung. Allein 4 % der Weltbevölkerung (332 Mio. Menschen) sind von einer Depression betroffen. Dem Robert Koch-Institut zufolge wurde 2023 in Deutschland bei 16,7 % der gesetzlich versicherten Erwachsenen eine Depression diagnostiziert. 21,5 % waren 60 bis 69 Jahre alt; 19,3 % waren 70 bis 79 Jahre alt und 21,2 % waren 80 Jahre und älter.
Depressionen im Alter
Die Altersdepression gehört zu den häufigsten psychischen Erkrankungen im Alter, wird aber oft nicht erkannt, »weil man Symptome schnell verwechseln kann mit Krankheitsfaktoren, auch mit einer beginnenden Demenz«, sagt Dr. Pascal Schlechter, Psychologe und wissenschaftlicher Mitarbeiter an der Universität Münster, Arbeitseinheit Klinische Psychologie, Psychotherapie und Gesundheitspsychologie. Wenn ältere Menschen z. B. weniger essen, sich weniger gut konzentrieren können oder schlechter schlafen, wisse man nicht auf Anhieb, ob dies dem Alter geschuldet ist oder ob Symptome einer Depression dahinterstecken. Oft sei es schwierig, das eine vom anderen zu trennen. »Ärztinnen und Ärzte insbesondere, z. B. in hausärztlichen Praxen, müssen genau hinsehen, tiefer nachfragen, typische Bagatellisierungen des Patienten nicht einfach hinnehmen oder auch nicht vorschnell Antidepressiva verordnen.«
Die Altersdepression gehört zu den häufigsten psychischen Erkrankungen im Alter, wird aber oft nicht erkannt.
Studien belegen, dass wenige ältere Menschen therapiert werden, dass der Bedarf an Psychotherapie aber viel höher und überhaupt nicht gedeckt ist – »aus unterschiedlichen Gründen«, wie Schlechter sagt: »Viele Menschen wollen z. B. keine solche Therapie.« Sie gehören wie Edith einer Generation an, in der psychische Probleme stigmatisiert waren, in der man nicht darüber sprach, sondern sie einfach ignorierte. Stattdessen fällt es leichter, zu sagen, man habe Bauch- oder Kopfschmerzen, als zu sagen, ich fühl mich wirklich nicht gut. Wieder andere sind der Auffassung, dass sich eine Therapie in ihrem Alter nicht mehr lohne oder dass man Jüngeren den Therapieplatz wegnehmen würde – ungeachtet der Tatsache, dass Ältere das gleiche Anrecht auf eine Therapie hätten wie Jüngere, findet Schlechter.
Auch im fortgeschrittenen Alter seien Therapien oft Erfolg versprechend und könnten zu weniger Leid und mehr Lebensqualität beitragen.
Ursachen und Wirkung
»Wir haben im Alter ganz viele Lebensereignisse, die sich auswirken«, erklärt Schlechter: »Rollen und Funktionen ändern sich – das Ende des Berufslebens, der Eintritt in die Rente, der Verlust von Angehörigen oder Freunden. Grundsätzlich wird der soziale Part kleiner. Vielleicht muss man in eine kleinere Wohnung umziehen, vielleicht ist man körperlich eingeschränkter, weniger mobil, weniger selbstständig, dafür mehr abhängig von der Unterstützung anderer. Dann kann auch schnell Einsamkeit auftreten und sich in depressiven Symptomen widerspiegeln.« Auch Angehörige sollten Veränderungen genau beobachten und könnten z. B. auch die Hausärztin oder den Hausarzt um Rat fragen, so Schlechter.
Im Alter ändern sich Rollen und Funktionen – das Ende des Berufslebens, der Eintritt in die Rente, der Verlust von Angehörigen oder Freunden.
Einen Vorteil sieht er darin, »dass die Gesellschaft immer aufgeklärter wird und lernt, auf psychische Problemlagen zu achten.« Gleichzeitig müsse Prävention wichtiger werden, dass ältere Menschen aktiv bleiben, dass sie ihre vorhandenen Fähigkeiten in sinnstiftende Aktivitäten einbringen und sie selbst, aber auch ihr Umfeld mehr auf Ressourcen und weniger auf mögliche Defizite schauen.
Ausblick
Notwendig sei es auch, in Studium und Ausbildung angehender Ärztinnen, Ärzte, Pflegekräfte als auch Therapeutinnen und Therapeuten stärker auf psychische Erkrankungen bei älteren Menschen zu fokussieren. Symptomüberschneidungen, Wechselwirkungen mit Medikamenten – »idealerweise braucht es mehr Zusammenarbeit in multiprofessionellen Teams, um eine gute Versorgung älterer Menschen mit Depressionen zu erreichen«, so der Psychologe.
Ediths Pflegedienst hat inzwischen mit der Hausarztpraxis gesprochen – ein Untersuchungstermin steht bevor, und der Arzt hat zugesichert, mögliche Symptome einer Depression abzuklären. Und einmal in der Woche, mittwochsnachmittags, kommt jetzt eine engagierte Rentnerin aus der nahegelegenen Kirchengemeinde, die mit Edith Rommé spielt.
3 Fragen an Ulrike Elisabeth Moormann, Fachärztin für Allgemeinmedizin und Geriatrie und Fachgutachterin im Kompetenz-Centrum Geriatrie
Wie entstehen Depressionen im Alter?
Depressionen entstehen durch ein Zusammenspiel biologischer, psychologischer und sozialer Faktoren. Biologisch können Veränderungen der Botenstoffe im Gehirn, vaskuläre Prozesse oder chronische Erkrankungen eine Rolle spielen. Psychologisch belasten Verlusterlebnisse, Einsamkeit, Überforderung oder das Gefühl, nicht mehr gebraucht zu werden. Soziale Faktoren wie finanzielle Unsicherheit oder fehlende Unterstützung können das Risiko zusätzlich erhöhen. Wichtig ist: Eine Depression ist keine normale Alterserscheinung, sondern eine ernstzunehmende, aber gut behandelbare Erkrankung.
Wie wird diagnostiziert und therapiert?
Häufig bleibt eine Altersdepression unerkannt, weil Symptome wie Antriebslosigkeit, Schlafstörungen, Schmerzen oder Konzentrationsprobleme nicht als Anzeichen einer psychischen Erkrankung wahrgenommen werden. Betroffene selbst sprechen selten darüber – aus Scham oder Angst vor Stigmatisierung. Wird die Diagnose gestellt, orientiert sich die Behandlung grundsätzlich an den gleichen Prinzipien wie bei jüngeren Menschen: Medikamente, Psychotherapie, und aktivierende Maßnahmen. Im Alter müssen diese jedoch individuell angepasst werden – aufgrund von Multimorbidität, Polypharmazie und eingeschränkter körperlicher Belastbarkeit. Eine enge Zusammenarbeit zwischen Hausärzten, Fachärzten, Pflege und Angehörigen ist dabei entscheidend.
Wie lässt sich die Versorgung verbessern?
Viele ältere Menschen erhalten keine bzw. keine ausreichende Behandlung. Es mangelt an altersgerechten Therapieangeboten und vor allem an Psychotherapieangeboten. Außerdem ist die Vernetzung zwischen den Versorgungsbereichen noch nicht ausreichend. Um die Situation zu verbessern, braucht es Früherkennungsmaßnahmen, z. B. kurze geriatrische Assessments wie die ›Depression im Alter-Skala‹ (DIA-S) oder die ›Geriatrische Depressionsskala‹ (GDS-15). Auch wohnortnahe, niedrigschwellige Angebote und Schulungen für medizinisches Personal sind wichtig. Eine bessere Versorgung senkt nicht nur das Leid der Betroffenen, sondern spart auch Kosten – durch weniger Klinikaufenthalte und geringere Folgekosten.