Eisbaden boomt – und soll unter anderem vor Infekten schützen. Doch eine Harvard-Studie zeigt: Kälte schwächt die Immunabwehr der Nase. Was stimmt nun wirklich?
Mitte September, wenn der Rest der Republik die Badehose verstaut und sie erst wieder hervorholt, wenn es Eis in der Waffel gibt, eröffnen am Berliner Orankesee die ›Berliner Seehunde‹ die Eisbadesaison. Sonntags um 10 Uhr steigen rund 190 Sportfreunde im Alter von 12 bis (fast) 90 ins Wasser – in Badekleidung oder nackt, aber oft immerhin mit Neoprenschuhen (Schnittgefahr am Eis; irgendein Rest Vernunft muss ja bleiben). Höhepunkt der Eisbadesaison ist das Winterschwimmen im Januar, auch ›Eisfasching‹ genannt. Dann reisen Eisbader aus ganz Deutschland und sogar aus dem Ausland an, um kostümiert in den Orankesee zu steigen.
Eisbaden ist plötzlich kein spleeniger Randgruppen-Sport mehr, sondern Wellness mit Mutprobe.
Die ›Seehunde‹ gibt es seit 40 Jahren, aber seit Kurzem können sie sich vor Interessenten kaum noch retten. Eisbaden ist plötzlich kein spleeniger Randgruppen-Sport mehr, sondern Wellness mit Mutprobe: Laut einer Statista-Umfrage haben 8% der Deutschen Eisbaden ausprobiert, 17% können es sich vorstellen, der Rest bevorzugt Eis vom Italiener. Auch in England ist man verrückt nach Kälte: Die ›UK Outdoor Swimming Society‹ explodierte in den letzten 20 Jahren von 300 auf über 200000 Mitglieder. Und warum das Ganze? Eisbader schwören, die Kälte mache gute Laune, härte ab und sei gesund. Viele berichten außerdem stolz, kaum noch krank zu werden.
Social Media befeuert den Trend, Ikone des ›Abhärtens‹ ist der Niederländer Wim ›The Iceman‹ Hof, der eisern Rekorde im Eisbaden hält, eine eigene Atemtechnik propagiert, und eiskalt behauptet, seit Jahrzehnten nicht mehr krank gewesen zu sein.
Kälte senkt die Abwehrleistung der Nase
Was sagt die Wissenschaft? Fakt ist: Kaltes Wasser triggert Stress: Adrenalin und Noradrenalin werden ausgeschüttet, kurzfristig steigen Immunzellen im Blut. Gefäße verengen und weiten sich beim Aufwärmen wieder, das regelmäßige Wechselspiel soll sie trainieren – auch die Schleimhäute. Theorie: bessere Durchblutung, bessere Abwehr vor Ort, weniger Viren. Klingt gut. Aber stimmt das auch?
Kurzfristig ist Kälte für die Nase erst mal schlecht, wie Forscher der Harvard Medical School zeigten. Die Nasenschleimhaut setzt extrazelluläre Vesikel frei – kleine Kügelchen, die Viren im Schleim neutralisieren. Sinkt die Temperatur in der Nase nur um fünf Grad, halbiert sich diese Abwehrleistung nahezu. Die Nase – unsere erste Verteidigungslinie – wird bei Kälte schlechter darin, Viren abzufangen.
Kaltduscher haben weniger Krankheitstage, sind aber trotzdem nicht seltener krank.
Können wir die Nase durch Kältetraining aufrüsten? Die Studienlage ist eisig: Die niederländische Kaltduscherstudie (rund 3000 Personen, die 30 Tage warm plus 30/60/90 Sekunden kalt duschten) ergab: Ja, Kaltduscher haben weniger Krankheitstage, sind aber trotzdem nicht seltener krank. Eine Übersichtsarbeit über elf Studien kommt zu gemischten Ergebnissen und bemängelt schlechte Studienqualität und geringe Beweiskraft. Und natürlich gilt: Wer freiwillig regelmäßig im Winter badet, ist oft ohnehin gesundheitsbewusster. Oder beneidenswert verrückt. Oder so diszipliniert, dass Viren aus Respekt Abstand halten.
Eisbaden kann gefährlich werden
Und dann wäre da noch die Kleinigkeit, dass Eisbaden gefährlich sein kann: Es drohen Herzflimmern, Herzstillstand, Schlaganfall. »Vor dem Kältebaden sollten Sie sich unbedingt ärztlich durchchecken lassen«, sagt Hanns-Christian Gunga, Seniorprofessor am Zentrum für Weltraummedizin und Extreme Umwelten an der Charité in Berlin. Und allein sollte man es auf gar keinen Fall tun, das ist auch bei den Berliner Seehunden oberstes Gebot. Dass Gunga aber kein Fan des Eisbadens ist, macht er im Interview deutlich: »Wenn Sie diesen Unsinn schon machen müssen, dann gehen Sie langsam ins Wasser und tauchen Sie nicht mit dem Kopf unter.«