Erst das Vergnügen, dann die Arbeit

Von Jens Lubbadeh Lesezeit 2 Minuten
Junge DJ am Mischpult, davor tanzende Menschen

Jetzt gibt es die absolut kapitalismuskompatible Variante des Feierns: Pre-Work-Partys. Die Idee: das Feiern einfach vorverlegen und mit Kaffee, Croissant und Techno in den (Arbeits-)Tag starten. Verrückt? Nein. Gesund!

Menschen sind – benannt nach zwei Vögeln, die sehr unterschiedliche Lifestyles pflegen – entweder Eulen oder Lerchen. Der frühe Vogel – und so einer bin ich – fängt bekanntlich den Wurm. Lerchen sind super kompatibel mit allem, was (frühe) Arbeit und Leistung angeht. Schule? Uni? Job? Alles kein Problem. Aber wenn die Uhr 22 Uhr schlägt, gehen bei uns die Lichter aus. Besonders schlimm war die Teenagerzeit. In meiner Heimatstadt gab es eine Disko namens ›Ausweg‹ und sie war ein regelrechtes Eulennest. Dort begann die Party erst um 1 Uhr nachts.

Damit sind wir aus allem raus, wo Eulen zur Hochform auflaufen: Essengehen, Kneipenbesuche, Partys, Tanzen. Sogar Kinoabende sind schon schwierig, jedenfalls, wenn der Film länger als zwei Stunden dauert. Man könnte sagen: Alles, was Spaß macht und über ein Stück Schwarzwälder-KirschTorte im Café oder ein Spaghetti-Eis beim Italiener hinausgeht, blieb Lerchen bislang verwehrt. Wie ungerecht, oder?

Die perfekte Party für Selbstoptimierer

Bis heute. Denn nun schlagen die Lerchen zurück. Warum nicht den Spaß einfach vorverlegen und morgens feiern? Pre-Work-Partys fangen da an, wo das Ausweg-Publikum schlafen ging: um sechs Uhr morgens. Dann wird Techno aufgelegt und getanzt. Crazy Berlin hat es schon vor zehn Jahren vorgemacht, London und New York sowieso, in Köln wurde schon seit jeher früh im Karneval gerockt – nun ist der Frühtanz (auch Morning Rave oder Daybreak Party genannt) auch in der Schwaben-Metropole Stuttgart angekommen.

Im Stadtpalais kann man beispielsweise statt eine Morgenrunde mit dem Hund zu drehen, auf dem Dancefloor stehen und zu harten Technobeats zappeln – mit Croissant in der einen und Kaffee in der anderen Hand. Wer Kaffee nicht mag, der kann auch Matcha-Tee, Smoothies oder frisch gepressten O-Saft trinken, selbstredend ohne Wodka – die morgendliche Happy Hour geht auch alkoholfrei. Denn wer möchte schon, dass nach einer alkoholschweren Pre-Work-Party plötzlich ›after work‹ für immer ist?

Je nach Veranstalter gibt es auch noch erweitertes Programm wie Yoga oder Silent Disco: Mit Kopfhörern auf den Ohren tanzt jeder still vor sich hin, ohne die schlafenden Nachbarn zu wecken. Kein Schlafmangel, kein Kater, keine Gefahr für die Leber – so sieht die perfekte Party für Selbstoptimierer aus. Und um neun sitzen alle im Büro, frisch geduscht und Zähne geputzt. Dann folgt die Happy Hour für den Arbeitgeber.

Tanzen senkt Stresshormone und beugt Demenz vor

Pre-Work-Partys mögen wie eine seltsame Idee erscheinen, gesund aber sind sie: Die Partygänger berichten von einem energetisierenden Effekt des morgendlichen Tanzens. Und diese Bewegungsart ist bekanntermaßen ein reines Cardio-Training, egal zu welcher Uhrzeit. Von der Anstrengung und vom Kalorienverbrauch her ist schneller, intensiver Techno-Tanz dem Joggen ebenbürtig.

Noch besser: Glaubt man Fachleuten, senkt Tanzen – genau wie Joggen, Radfahren und andere sportliche Aktivitäten – das Risiko, eine Demenz zu entwickeln. Es vermindert den Pegel von Stresshormonen im Körper (der sich im Büro dann ohnehin wieder einpendeln wird). Und wenn es gut läuft, hat man vielleicht sogar noch positive soziale Interaktionen mit netten Mittänzerinnen und -tänzern um sich herum. Gut jedenfalls ist, dass man als Lerche in seinem gewohnten Chronorhythmus bleibt. Denn: Jetlag ist ungesund – weswegen Eulen lieber beim After-Work-Feiern bleiben sollten.

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