Jahr für Jahr steigen die Ausgaben der gesetzlichen Krankenkassen für psychotherapeutische Leistungen, seit 2014 um rund 83 %. Jeder vierte Erwachsene in Deutschland ist im Laufe eines Jahres von einer psychischen Erkrankung betroffen.
Die Zeiten, als psychische Leiden tabu waren und verschämt verschwiegen wurden, sind lange vorbei. Heute sprechen Politiker wie Michael Roth (SPD) oder Sportler wie Alexander Zverev öffentlich über ihre Depressionen oder Burn-out-Erkrankung. Schulen bieten Präventionsprogramme (›Gesundheit und Optimismus‹) an, in den sozialen Medien werden Tipps zum Erkennen von Depressionen oder Angststörungen ausgetauscht. Die Entstigmatisierung ist ein wichtiger Schritt, um psychisch Kranken professionelle Hilfe zukommen zu lassen, die sie schnell und dringend brauchen. Doch gelingt dies tatsächlich?
Vielen Betroffenen fällt der Gang zum Therapeuten oder zur Therapeutin offensichtlich leichter als noch vor 25 Jahren.
Laut der Deutschen Gesellschaft für Psychiatrie und Psychotherapie, Psychosomatik und Nervenheilkunde (DGPPN) erfüllt jeder vierte Erwachsene im Zeitraum eines Jahres die Kriterien einer psychischen Erkrankung. Damit sind rund 18 Millionen Erwachsene betroffen. Häufigste Erkrankung sind Angststörungen, Depressionen und Störungen durch Alkohol- oder Medikamentenmissbrauch. Deutlich gestiegen sind die Behandlungszahlen. Die Gründe? Das Robert Koch- Institut (RKI) spricht zurückhaltend von einem veränderten ›Hilfesucheverhalten‹ im Zuge der Entstigmatisierung. Vielen Betroffenen fällt der Gang zum Therapeuten oder zur Therapeutin offensichtlich leichter als noch vor 25 Jahren. Ob Therapien heute zudem schneller als früher verordnet werden, oder ob eine psychiatrische Diagnose unter jungen Menschen ›beliebt‹ ist, weil sie den Wunsch nach mehr Aufmerksamkeit erfüllt, wird kontrovers diskutiert.
Immer mehr Jugendliche betroffen
Mit den Fallzahlen steigen die Kosten: Laut GKV-Spitzenverband wenden die Krankenkassen 4,6 Mrd. Euro im Jahr für Psychotherapien auf, 83 % mehr als vor zehn Jahren. Besonders rasant steigen die Ausgaben für psychiatrische und psychosomatische Fachabteilungen, 2023 um 11 % im Vergleich zum Vorjahr. Als alarmierend wertet die GKV, dass sich der Schwerpunkt der Finanzierung seit Jahren noch weiter in die vollstationäre Versorgung verlagert. Gegen den europaweiten Trend zur stärkeren ambulanten psychiatrischen Behandlung sei die Zahl der psychiatrischen Betten in den vergangenen Jahren in Deutschland auf zuletzt etwa 130 Betten pro 100 000 Einwohner gestiegen, bei schlechterer Personalausstattung, mit einer durchschnittlichen Verweildauer von 75,1 Tagen. Die GKV spricht von einer Über- und Fehlversorgung in der Psychiatrie.
Vor allem bei Kindern und Jugendlichen werden immer häufiger psychische Probleme diagnostiziert. Nach einer Auswertung des Barmer Instituts für Gesundheitssystemforschung (bifg) litten 2018 gut 316.000 junge Menschen zwischen 5 und 24 Jahren, vor allem Mädchen und junge Frauen, unter einer depressiven Episode. Im vergangenen Jahr waren es mehr als 409.000 Betroffene. Das entspricht einem Zuwachs um knapp 30 % binnen sechs Jahren. Die Fachleute vermuten, dass ein größeres Maß an Sensibilität in der Gesellschaft für diese Entwicklung mitverantwortlich ist. Kinder und Jugendliche würden mehr in sich hineinblicken, Gefühle artikulieren und dabei von ihren Eltern bestärkt werden. Die britische Lancet-Psychiatrie-Kommission geht noch weiter. Sie verweist in einer Expertise auf gesellschaftliche Megatrends wie den Klimawandel, den schwindenden sozialen Zusammenhalt und unregulierte soziale Medien, unter denen junge Menschen besonders litten.
Auch diese Zahlen geben zu denken: Depressionen, Belastungsreaktionen und Ängste sind nicht nur die zweithäufigste Ursache für Krankheitstage im Beruf, sie sind auch der häufigste Grund für Frühverrentungen. Der DAK Psychreport 2024 spricht von einem neuen Höchststand. Besonders betroffen seien Erzieherinnen, Sozialpädagogen, Fachkräfte in der Altenpflege und Theologinnen – also durchweg Berufsgruppen, die sich um das Wohlergehen anderer Menschen kümmern und besonders von Personalmangel betroffen sind. Die intensive Beziehungsarbeit würde häufig als psychisch belastend erlebt, schreibt auch die AOK Rheinland / Hamburg in ihrem Diagnosebericht 2023. Der Frauenanteil in diesen Branchen liegt bei mehr als 75 %.
Doch noch einmal: Bekommen Betroffene die Hilfe, die sie dringend brauchen?
Gute Versorgungslage?
Vergleicht man die Versorgungslage der europäischen Länder, so schneidet Deutschland nach Ansicht von Fachleuten gut ab. Hierzulande kümmern sich rund 14.600 Psychiaterinnen und Psychiater in Praxen und stationären Einrichtungen und 37.481 niedergelassene ärztliche und psychologische Vertragspsychotherapeuten und -psychotherapeutinnen um Betroffene. 2021 waren das 1,7 Mio. Fälle pro Quartal. Die Behandlungskapazitäten sind seit 2013 um 47 % gestiegen. Trotzdem gibt es weiterhin Klagen über zu lange Wartezeiten und zu wenig Vertragspraxen. Sind sie berechtigt? Was läuft schief?
Objektive Aussagen sind schwierig, da die Wartezeiten auf einen ambulanten psychotherapeutischen Behandlungsplatz in Deutschland z. B. nicht systematisch erfasst werden. Zahlen beruhen in der Regel auf Befragungen. Während Psychotherapeuten und -therapeutinnen in einer Umfrage von durchschnittlich vier bis sechs Monaten sprechen, ergab eine repräsentative Umfrage unter Versicherten eine durchschnittliche Wartezeit von vier bis fünf Wochen auf das erste Vorgespräch.
Die Wartezeiten auf einen ambulanten psychotherapeutischen Behandlungsplatz werden in Deutschland nicht systematisch erfasst.
Ein Grund für die unsichere Datenlage bei Umfragen: Auf der Suche nach einem freien Therapieplatz lassen sich viele Betroffene gleich auf mehrere Wartelisten setzen. Werden die Praxen befragt, sind sie in der Regel nicht informiert, wie viele auf ihrer Liste zwischenzeitlich woanders einen Platz gefunden haben. Die zentralen Terminservicestellen der Kassenärztlichen Vereinigungen, auf deren Anfragelisten die Psychotherapie ganz oben steht, konnten 2024 laut Evaluationsbericht 74 % der Vermittlungswünsche nach einer psychotherapeutischen Sprechstunde in der gesetzlich vorgeschriebenen Frist von vier Wochen und nach einer Akutbehandlung innerhalb von zwei Wochen erfüllen, allerdings mit regional großen Unterschieden.
Online-Chat statt Therapiegespräch?
Um eine langfristig flächendeckende Versorgung zu gewährleisten, hält die DGPPN weitere Reformen und einen Ausbau flexibler, koordinierter Behandlungsangebote für zwingend. Dazu gehört auch die seit 2017 neu eingeführte psychotherapeutische Sprechstunde, der eine Studie des Gemeinsamen Bundesausschusses (G-BA) positive Steuerungseffekte bescheinigt. 40 % der Patienten und Patientinnen benötigten nach einem Erstgespräch zur Abklärung der Beschwerden keine weitere ambulante Behandlung. »Nicht jedes Konzentrationsproblem ist eine ADHS, nicht jede Verstimmung eine Depression«, betont eine Sprecherin der DGPPN. »Aber nur Fachleute können Erkrankungen korrekt diagnostizieren.«
Und nicht für jeden und jede ist ein Therapieplatz das richtige Behandlungsangebot. Eine wichtige Hilfe können für die einen auch niedrigschwellige Behandlungsangebote, Selbsthilfegruppen oder internetbasierte Programme sein, während andere eher von medikamentösen oder somatischen Behandlungen oder psychosozialen Therapien profitieren.
Der Einsatz von Künstlicher Intelligenz wird allerdings unter Fachleuten kontrovers diskutiert. Die DGPPN begrüßt Therapie-Apps wie Therapiesitzungen per Video oder Online-Chats für die psychiatrisch-psychotherapeutische Versorgung. Werden sie angemessen eingesetzt, könnten sie den Umgang mit der Krankheit erleichtern und die Wartezeit bis zur Therapie überbrücken. Auch beim Einsatz von Chatbots gibt es nach Ansicht der Fachgesellschaft vielversprechende Forschungsansätze. Allerdings unter einer Einschränkung: »Die unbetreute Nutzung von Chat-GPT oder anderer Large Language Models als Therapieersatz ist nicht zu empfehlen.«
