Egal wie hip, egal ob teuer oder preisgünstig: Oft bringt Kleidung aus der Herstellung Schadstoffe, Allergene und einen ökologischen Fußabdruck mit sich. Das ist ethisch und ökologisch ein Problem – und durch den Hautkontakt können sich die Schadstoffe auch direkt auf unsere Gesundheit auswirken.
Die Modeindustrie produziert heute schneller und billiger als je zuvor. Wo früher zwei Kollek tionen im Jahr auf den Markt kamen, sind es heute bis zu 24. Der Begriff ›Fast Fashion‹ steht für ein Geschäftsmodell, das auf Geschwindigkeit, niedrige Preise und kurze Nutzungsdauer setzt. Die Kehrseite: Mehr Kollektionen, kürzere Tragedauer bedeuten auch einen Anstieg in der Nutzung von Chemikalien, die bei Färbung, Veredelung und Ausrüstung von Textilien eingesetzt werden. Die Herstellung moderner Textilien kommt ohne Chemikalien nicht aus. Diese tragen dazu bei, Kleidung farbenfroh, knitterfrei oder wasserabweisend zu machen. Doch allein die Verwendung von chemischen Fasern wie Polyester oder Elastan setzt nach Schätzungen des Bundesumweltministeriums allein in Deutschland bis zu 400 Tonnen Mikropartikeln in die Umwelt frei – die gesundheitlichen Folgen sind heute noch gar nicht absehbar.
Langfristige Folgen sind unklar
Bereits eine Greenpeace-Studie aus 2011 zeigte, dass die untersuchten Fast- Fashion-Marken Chemikalien wie Weichmacher und Nonylphenolethoxylate verwendeten. In Outdoor-Textilien fanden sich zudem per- und polyfluorierte Chemikalien (PFAS). Letztere gehören zu einer Stoffgruppe von mehreren Tausend Substanzen, die wasser-, schmutz- und fettabweisend wirken. Sie machen Regenjacken dicht, Tischdecken fleckenresistent und Polsterstoffe robust. Doch keine Wirkung ohne Nebenwirkung: PFAS sind extrem langlebig, kaum abbaubar und reichern sich in Umwelt und Organismen an. Nicht ohne Grund werden sie als ›Ewigkeitschemikalien‹ bezeichnet. Auch wenn von diesen keine unmittelbar gesundheitsschädigende Auswirkung ausgeht, die langfristigen Folgen sind schwer einzuschätzen.
Der Trend zu Fast Fashion bedeutet kurze Lebenszyklen. Kleidung wird oft nur wenige Male getragen und dann entsorgt.
Einer Studie der Organisation ›Toxic-Free Future‹ zufolge enthielten rund drei Viertel aller getesteten Outdoor-Produkte PFAS. Auch deutsche Institutionen wie das Umweltbundesamt weisen auf PFAS in Textilien und Polsterstoffen hin, die für den täglichen Gebrauch bestimmt sind, und zeigen mögliche Auswirkungen auf Mensch und Umwelt auf. Fakt ist: Der Trend zu Fast Fashion bedeutet kurze Lebenszyklen. Kleidung wird oft nur wenige Male getragen und dann entsorgt. Der hohe Durchsatz verstärkt den Chemikalieneinsatz und damit die Umweltbelastung. In Deutschland landen pro Person im Schnitt rund 15 Kilogramm Textilien pro Jahr im Abfall, nur ein geringer Anteil wird für Dämmstoffe weiterverwertet. Recycling steckt noch in den Kinderschuhen.
Was macht das mit unserer Gesundheit?
Die Erforschung gesundheitlicher Risiken von PFAS ist nicht neu, aber in der Folgeabschätzung nicht immer eindeutig. PFAS stehen im Verdacht, das Immunsystem zu schwächen, Leber- und Schilddrüsenerkrankungen zu fördern, hormonell zu wirken und das Krebsrisiko zu erhöhen.
Sind PFAS in Textilien also eine drohende Gesundheitsgefahr? Die Forschung zeigt: Vor allem bei Wärme, Bewegung und Schweiß lösen sich Chemikalien aus den Stoffen und gelangen messbar in den Körper. Entscheidend sei nicht die einmalige Belastung, sondern das regelmäßige, langfristige Tragen. Neben systemischen Effekten treten auch akute Reaktionen auf: Kontaktdermatitis, also entzündliche Hautreaktionen, Juckreiz, Rötungen oder allergische Ekzeme. Gerade billige, stark gefärbte oder beschichtete Textilien stehen im Verdacht, solche Reaktionen auszulösen. Dermatologinnen und Dermatologen beobachten seit Jahren eine Zunahme entsprechender Beschwerden – ein Trend, der mit der Verbreitung von Fast Fashion zusammenfällt.
Stehen wir also vor einem größer werdenden gesundheitlichen Risiko? Suna Nicolai, Biotechnologin beim Bundesinstitut für Risikobewertung (BfR), sieht keinen Grund für Alarmismus: »Chemische Stoffe in Textilien haben zunächst den großen Vorteil, dass sie meistens entweder fest an die Faser gebunden oder in Hohlräumen eingeschlossen sind«, sagt die Expertin. Allergische Reaktionen seien eher bei ungewaschener oder bei nicht nach dem Stand der Technik hergestellter Kleidung zu sehen. »Dadurch, dass Textilien waschbar sind, nimmt eine mögliche Belastung zudem tendenziell ab.« Bekleidung vor dem ersten Tragen zu waschen, sei entsprechend einer der einfachsten Wege, den persönlichen Kontakt mit unerwünschten Stoffen zu reduzieren. Die Gesetzgebung in der Europäischen Union sei zudem gut aufgestellt und die Marktüberwachung in Deutschland basiere auf stichprobenartigen Kontrollen. Textilien aus Nicht-EU-Ländern unterliegen ebenfalls vielen dieser Regulierungen. Problem hier ist: Wer auf einschlägigen Webseiten einkaufe, sei technisch gesehen der Importeur und trage damit die Verantwortung für die Inhaltsstoffe – sowohl als Verbraucher als auch bei einem Weiterverkauf.
Verbraucherinnen und Verbraucher sollten aufmerksam sein beim Kauf und Umgang mit Kleidung.
Nicolai rät insgesamt zu einer bewussten Kaufentscheidung: »Wenn bestimmte Funktionen wie Knitterfreiheit, wasser- oder ölabweisende Eigenschaften vorhanden sind, brauche ich tendenziell mehr Hilfsstoffe. Hinweise zum Waschen mit ähnlichen Farben deuten zudem auf eine Farbstofffreisetzung hin – Verbraucherinnen und Verbraucher sollten entsprechend aufmerksam beim Kauf und Umgang mit der Kleidung sein.«
Ist Secondhand oder Reduktion die Lösung?
Unter dem Stichwort ›zirkuläre Geschäftsmodelle‹ gewinnen Leihen, Tauschen, Reparieren oder Secondhand neben dem bewussteren Konsum an Bedeutung. Letzteres hat einen offensichtlichen Vorteil: Jedes Kleidungsstück, das weitergetragen wird, spart Ressourcen, Energie und Chemikalieneinsatz für Neuproduktion. Und Schadstoffe sind durch Waschen, Tragen und Alterung bereits ausgewaschen oder abgebaut.
Doch Secondhand ist kein Allheilmittel. Belastete Textilien oder Gewebegemische bleiben problematisch, auch im zweiten Lebenszyklus. Zudem werden große Mengen Altkleider exportiert oder verbrannt, weil Qualität und Materialmix ein Recycling erschweren. Der Schlüssel liegt daher nicht allein im Weiterverkauf, sondern in einer grundsätzlichen Reduktion des Konsums und der bewussten Einkaufsentscheidung. Dabei helfen können laut Umweltbundesamt Siegel, die Umwelt und Sozialstandards garantieren. Baumwolltextilien in Bio-Qualität mit dem Label ›organic cotton‹ zählen dazu oder beispielsweise die Zertifizierung ›Textiles Vertrauen‹. Parallel arbeiten Hersteller an Alternativen zu PFAS. Das Umweltbundesamt verweist auf nicht-chemische Lösungen wie dicht gewebte Stoffe oder Schurwolle, die von Natur aus wasserabweisend sind, sowie auf Siegel wie GOTS oder Blauer Engel, die PFAS ausschließen. Einige Outdoor-Marken haben bereits angekündigt, komplett auf fluorfreie Ausrüstungen umzusteigen.
Neue Wege, bewussterer Konsum
Faser-zu-Faser-Recycling, bei dem aus einem alten ein neues Kleidungsstück entsteht, gilt als Hoffnungsträger, steckt aber technologisch noch in den Anfängen. Der Materialmix moderner Kleidung – Baumwolle mit Polyester, Elastan, Beschichtungen – erschwert die Wiederverwertung. Neue EU-Richtlinien sollen das ändern und die getrennte Sammlung sowie das Recycling fördern.
Am Ende ist das Problem weniger technischer als kultureller Natur. Fast Fashion lebt von der ständigen Erneuerung, vom schnellen Konsum, vom Reiz des Neuen. Doch der Preis ist hoch: für Arbeiterinnen in den Produktionsländern, für Umwelt und Klima; und es birgt auch Risiken für die Gesundheit von Konsumentinnen und Konsumenten.
Secondhand, Reduktion und Recycling können den Trend bremsen, wenn sie Teil eines umfassen deren Umdenkens werden. Weniger, aber bessere Kleidung, längere Nutzung, transparente Lieferketten und konsequente Chemikalienregulierung – das sind die Bausteine für eine Mode, die sicher und nachhaltig ist. Das Bewusstsein für und der richtige Umgang mit Textilien sind der Schlüssel, die jede und jeder Einzelne vom Einkauf über die Pflege bis zur Entsorgung in der Hand hat – und damit nicht zuletzt auch positiven Einfluss auf mögliche gesundheitliche Auswirkungen nehmen kann.
Die Webseite www.siegelklarheit.de bietet Orientierungshilfe beim Kauf von Textilien.