Fast alle wichtigen Funktionen unseres Körpers werden von einem ungefähr 24-stündigen Rhythmus gesteuert. Er bestimmt, wann wir wach oder müde sind, Energie haben oder uns erholen müssen. Ein Leben gegen diesen Takt bringt Körper und Seele aus dem Gleichgewicht.
»Nach der Nachtschicht kann ich morgens oft schlecht einschlafen oder wache schon kurze Zeit später wieder auf und schleppe mich müde durch den Tag«, sagt Christian Probst, der in einem Produktionsbetrieb mit 12-Stunden-Schichten arbeitet. Der 45-Jährige ist einer von etwa 17 Mio. Menschen in Deutschland, die laut AOK und Techniker Krankenkasse (TK) in Schichtdiensten arbeiten. Ob Industrie, Hotel- oder Gastgewerbe, Verkehrsbetriebe oder Gesundheits- und Rettungswesen – rund 3,5 Mio. Menschen arbeiten regelmäßig nachts. Das stört den natürlichen Rhythmus, sind sich Fachleute aus Chronobiologie, Schlaf- und Arbeitsmedizin einig.
Taktgeber Tageslicht
»In der Evolution hat sich eine innere Uhr ausgebildet, die die Aufgabe hat, die Tag-Nacht-Rhythmen vorherzusehen, sich optimal vorzubereiten und darauf anzupassen«, erklärt der Universitätsprofessor für Chronobiologie, Dr. Achim Kramer, der an der Charité – Universitätsmedizin Berlin ein Labor für Chronobiologie geschaffen hat. »Die Chronobiologie oder zirkadiane Biologie untersucht u. a., wie unser Körper das jeden Tag über eine nicht so ganz genaue Uhr tut. Deswegen heißt es ›zirkadian‹, von lateinisch ›circa‹ für ungefähr und ›dies‹ für Tag. Das Tageslicht synchronisiert über das Gehirn unsere innere Uhr in einem ungefähr 24-stündigen Zyklus, dem zirkadianen Rhythmus.« Im Körper habe das viele Auswirkungen, z. B. wann Schlaf- und Stresshormone, Körpertemperatur, Herzfrequenz und Blutdruck sinken oder steigen, wann wir uns am besten konzentrieren können, wann wir idealerweise essen sollten und wann das Immunsystem besonders effektiv arbeitet.
Dauert eine Störung des zirkadianen Rhythmus länger an, können sich bestimmte Krankheitsrisiken erhöhen.
»Dadurch, dass Licht inzwischen eigentlich immer zur Verfügung steht, entstehen manchmal Probleme. Das betrifft z. B. Leute, die in Schichten oder abends ganz lange am Computer arbeiten, die bei Dunkelheit aufstehen und zur Arbeit gehen müssen oder Menschen mit ›sozialen Jetlag‹, die unter der Woche sehr viel früher schlafen bzw. aufwachen als am Wochenende«, weiß Kramer. Dauert eine Störung des zirkadianen Rhythmus (Chronodisruption) längere Zeit an, erhöhen sich laut Wissenschaft bestimmte Krankheitsrisiken, etwa für Infektionen, Bluthochdruck, Schlaganfall, Herzinfarkt, Stoffwechselstörungen, Typ-2-Diabetes, Krebs oder psychiatrische Störungen. »Da sind ganz viele Verbindungen klar aufgezeigt.«
Am Arbeitsplatz – im Schichtdienst
Die körperlichen und psychischen Risiken sind auch in der Arbeitsmedizin bekannt. Ist der Biorhythmus gestört und nimmt die Erschöpfung zu, steigt statistisch nachweisbar das Unfallrisiko während der (Nacht-)Schicht. Arbeitgeber sollten mit geeigneten Maßnahmen vorbeugen. Das Institut für angewandte Arbeitswissenschaft e.V. (ifaa) empfiehlt u. a. die Schichtenarten mit dem Tagesverlauf vorwärts und fortlaufend zu wechseln. Maximal drei Nachtschichten sollten aufeinander folgen, dann sollten möglichst 24 Stunden frei sein. Arbeitsperioden mit acht oder mehr Schichten in Folge seien ungünstig. Weitere Empfehlungen bietet auch die Bundesanstalt für Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin (BAuA). Grundsätzlich muss zwischen zwei Schichten immer eine gesetzlich vorgeschriebene Ruhezeit von mindestens elf Stunden liegen.
Für alle von Schichtarbeit Betroffenen empfiehlt das Werksarztzentrum Deutschland (WAZ) als bundesweiter Anbieter für Arbeitsmedizin, Arbeitssicherheit und betriebliches Gesundheitsmanagement trotz unterschiedlicher Arbeitszeiten regelmäßig mindestens sieben Stunden Schlaf, Hobbys und soziale Kontakte für die mentale Gesundheit sowie Sport, um körperlich fit und belastbar zu bleiben und weniger anfällig für Krankheiten zu sein. »Ich brauche diesen Ausgleich und fahre gerade im Sommer so oft ich kann die knapp 25 Kilometer mit dem Rennrad zur Arbeit«, sagt Probst. Unabhängig von den Arbeitsschichten sollten möglichst immer zur gleichen Tageszeit und nachts höchstens kleinere, gesunde Snacks gegessen werden.
Chronobiologie und Chronomedizin
»Nahrung ist ein guter Zeitgeber für die inneren Uhren«, weiß Kramer. Im Körper gäbe es ein ganzes System von inneren Uhren. Jede Zelle habe innere Uhren, die dafür sorgten, dass je nach Zelltyp tagsüber unterschiedliche Programme in Organen wie Herz, Niere oder Leber abliefen. Funktioniert das z. B. in der Leber nicht mehr richtig gut, könne sich eine nichtalkoholische Fettleber entwickeln. Dann könne ein zeitbeschränktes Essen im Einklang mit dem zirkadianen Rhythmus (z. B. 8–18 Uhr) die Uhren stärken, Stoffwechselprozesse optimieren. und Entzündungsprozesse reduzieren.
Für gezielte Behandlungen ist aber das Wissen um den Chronotyp wichtig: Lerche, Eule oder irgendwas dazwischen?
›Fundamente der Zirkadianen Medizin‹ heißt ein Sonderforschungsbereich, den die Deutsche Forschungsgemeinschaft (DFG) fördert. Dabei widmen sich die Charité – Universitätsmedizin Berlin und die Universität Lübeck unter anderem der Frage, wie die innere Uhr Gesundheit und Krankheit beeinflusst und wie dieses Wissen für Behandlungen nutzbar gemacht werden kann. Unterteilt in die Forschungsbereiche ›zirkadiane Immunologie‹, ›Energie-Stoffwechsel‹ und ›Neuropsychiatrie‹ werden unter anderem neue diagnostische Verfahren, therapeutische Ansätze und präventive Maßnahmen entwickelt, die den individuellen zirkadianen Rhythmus von Patientinnen und Patienten berücksichtigen.
Eule oder Lerche?
Ein stärkerer Fokus auf die innere Uhr, die bei jedem anders tickt, könnte nach den wissenschaftlichen Erkenntnissen der Chronobiologie dazu führen, dass bestimmte Krankheiten (z. B. Herz-Kreislauf-Erkrankungen, Typ-2-Diabetes, Depressionen oder Krebs) unter Umständen gar nicht erst entstehen oder langsamer voranschreiten. Therapien können davon ebenfalls profitieren. Würde z. B. Chemotherapie an den individuellen Biorhythmus angepasst und zu einem klar definierten Zeitpunkt durchgeführt, könne dies die Wirksamkeit von Therapien steigern, Nebenwirkungen verringern und die Überlebenswahrscheinlichkeit erhöhen. Speziell entwickelte Medikamente, die gezielt molekulare Komponenten der inneren Uhren beeinflussen, um z. B. Tumorzellen zu zerstören oder Stoffwechselstörungen zu korrigieren, sind ein weiterer Ansatz.
Für alle gezielten Behandlungen ist aber das Wissen um den Chronotyp wichtig: »Lerche, Eule oder irgendwas dazwischen? Oder ist die innere Uhr gar ganz durcheinander?« Das kann nicht nur beim Wechsel von Schicht- und Nachtarbeit passieren, sondern auch nach Langstreckenflügen (Jetlag), jahreszeitlich bedingter Zeitumstellung oder dauerhaft unregelmäßigen Schlafenszeiten. »Das muss erst mal mit bestimmten Methoden festgestellt werden«, so Kramer.
Behandlung nach individuellem Biorhythmus Eine solche diagnostische Methode übernimmt die TK seit November für ihre versicherten Patientinnen mit Gebärmutterhalskrebs. Der als Medizinprodukt zugelassene TimeTeller-Test beruht auf einer Speichelanalyse und hilft beim präzisen Bestimmen der individuellen inneren Uhr. Die betroffenen Patientinnen erhalten gezielte Empfehlungen zu optimalen Zeitfenstern für Licht, Aktivität, Ernährung und Schlaf. In Zusammenarbeit mit den behandelnden Ärztinnen und Ärzten werden therapierelevante Zeitfenster genutzt, um in der Behandlung mit Strahlen- oder Chemotherapie z. B. potenziell ungünstige Phasen zu vermeiden. Bisher seien die Rückmeldungen positiv, insbesondere mit Blick auf gesteigerte Selbstwirksamkeit, bessere Verträglichkeit und ein höheres Bewusstsein für biologische Rhythmen, heißt es.
Obwohl nahezu alle natürlichen Prozesse einer inneren Uhr folgen, wird dieser Aspekt in der klinischen Praxis bislang kaum systematisch miteinbezogen. Auch Kramer würde sich wünschen, »dass der Aspekt der zirkadianen Medizin bei jeder Art von Prävention, Diagnose und Therapie berücksichtigt wird«.