Mehr Zeit mit den Kindern, weniger Zeit an der Bar: Wie Schwedens Politik, Vätern eine Elternzeit zu verordnen, deren Gesundheit nützt.
Schweden ist das Land, das der Welt ABBA, IKEA und Pippi Langstrumpf geschenkt hat. Was viele nicht wissen: Auch die Idee der gleichberechtigten Elternzeit kommt von dort. Bereits seit 1974, 33 (!) Jahre vor Deutschland, können frischgebackene Mütter und Väter eine Auszeit vom Job nehmen und sich ihrem Nachwuchs widmen.
Aber das Entscheidende: Seit dem Jahr 1995 sind 90 Tage der Gesamtelternzeit allein den Vätern vorbehalten. Diese Väterquote hat eine neue Spezies hervorgebracht, den Homo Paternus Baristacus, wie die (jungen, meist gutaussehenden, oftmals bebarteten, überwiegend in flauschigen Pullovern gekleideten) Männer genannt werden, die ihre Säuglinge und ihren Caffè Latte durch Stockholms, Göteborgs oder Malmös Straßen spazieren tragen. Ein erstaunlicher Nebeneffekt dieser Vätermonate: Nicht nur tun die Swedish Latte Dads ihren Kindern damit etwas Gutes. Nein, auch ihrer eigenen Gesundheit. Denn sie trinken deutlich weniger Alkohol als Väter, die keine Elternzeit nehmen, und verbessern vermutlich auch ihre psychische Gesundheit.
Krankenhauseinweisungen sanken um 34 %
Das ergab eine Studie der Universität Stockholm aus dem Jahr 2023. Helena Honkaniemi und Sol Pía Juárez, die Leiterinnen der Studie, wollten wissen, ob die 90-Tage-Väterquote auch die Gesundheit der Väter befördern würde. Dafür schauten sie sich die Daten von rund 220.000 erstmaligen Vätern von Einzelkindern an, die zwischen Januar 1992 und Dezember 1997 zur Welt kamen, also genau in der Einführungszeit der Väterquote. Wichtig hierbei: 1995 betrug die Väterquote noch 30 Tage, 2002 wurde sie auf 60 Tage und 2016 auf 90 Tage erhöht. Etwa die Hälfte der Männer wurde vor der 1995 eingeführten Väterquote Vater, die andere Hälfte wurde es danach. Letztere nahmen die Elternzeit vermehrt in Anspruch (der Anteil der Väter, die Elternzeit nahmen, stieg von 50 auf 67 %.
Um nun den Zusammenhang zwischen Elternzeit und Gesundheit zu untersuchen, mussten sich die Forscherinnen auf harte Daten konzentrieren. Weil frühere Studien bereits darauf hingedeutet hatten, dass Elternzeit den Alkoholkonsum vermindert, analysierten Honkaniemi und Juárez die Rate der Krankenhauseinweisungen infolge übermäßigen Alkoholkonsums und verglichen diese in den beiden Gruppen miteinander.
Und tatsächlich: In der Gruppe nach 1995 gab es im Zeitraum von zwei Jahren nach der Geburt einen Rückgang von 34 % bei den Krankenhauseinweisungen. Sogar 18 Jahre später war der Effekt noch messbar, schreiben Honkaniemi und Juárez. Wenn die Kinder volljährig wurden und vermutlich selbst die ersten Erfahrungen mit Alkohol sammelten, mussten ihre Väter immer noch um 20 % weniger ins Krankenhaus eingewiesen werden, weil sie zu viel getrunken hatten.
Mehr Selbstregulation, weniger Zeit zum Trinken
Das ist ein umso bedeutender Befund, weil Elternschaft selbst, kombiniert mit einer womöglich ebenso fordernden beruflichen Tätigkeit, eigentlich ein erheblicher Stressfaktor ist und das Risiko birgt, den Alkoholkonsum zu verstärken, schreiben die Forscherinnen. Wenn Väter jedoch mehr Zeit zu Hause verbringen können, würden sie eher dazu angeregt, ihr Verhalten im Beisein ihrer Kinder stärker selbst zu regulieren. Sprich: Ihre psychische Gesundheit profitiert ebenfalls. »Die Einführung von Anreizen für die Beteiligung von Vätern an der Elternzeit könnte ein wirksames Instrument im Bereich der öffentlichen Gesundheit sein, um alkoholbedingte Erkrankungen in der erwerbstätigen Bevölkerung zu reduzieren«, resümieren die Forscherinnen. Die Frauen haben es schon lange gewusst: Elternzeit ist ein Fulltime-Job. Da bleibt wenig Zeit zum Trinken. Außer Kaffee natürlich. Doch den am besten entkoffeiniert, sonst wird es ungesund.