Lebensgefährlich: Legal Highs

Von Claudia Füßler Lesezeit 4 Minuten
Symbolbild: kleine Maus vor Mausefalle mit Käsestücken

Neue Psychoaktive Stoffe, kurz NPS, sind synthetisch hergestellte Designerdrogen. Sie wirken ähnlich wie andere illegale Drogen. Weil die Hersteller dafür Substanzen nutzen, die nicht ausdrücklich verboten sind, werden sie irreführend als ›Legal Highs‹ bezeichnet. Deren Nebenwirkungen und Langzeitfolgen sind bislang kaum erforscht.

Das Badesalz heißt ›Vanilla Sky‹, der Raumerfrischer ›Black Mamba‹ – beide stecken in knallbunten Fläschchen, die wie hippe Lifestyleprodukte daherkommen. Da denkt man weniger ans Drogenmilieu als vielmehr an Wellnessprodukte oder an Süßigkeiten. Das ist genauso gewünscht, sagt Sascha Milin vom Zentrum für Interdisziplinäre Suchtforschung (ZIS) der Universität Hamburg: »Die Leute, die mit solchen berauschenden Mitteln Geschäfte machen wollen, versuchen diese so zu designen und zu verkaufen, dass beim Kunden der Eindruck entsteht, bei NPS – also neuen psychoaktiven Stoffen – handele sich um harmlose Substanzen.«

Davon kann jedoch nicht die Rede sein. Entwickelt wurden NPS von Drogenhändlern mit dem Ziel, Substanzen zu kreieren, die ›high‹ machen und nicht durch die Verbote des deutschen Betäubungsmittelgesetzes (BtMG) betroffen sind – getreu dem Motto ›Was nicht verboten ist, ist legal‹. Das BtMG verbietet Besitz, Erwerb und Handel unter anderem von Heroin, Kokain, LSD, Ecstasy und Amphetaminen.

»Sobald man ein wenig an der Strukturformel des Moleküls einer regulierten beziehungsweise verbotenen Substanz ändert, z. B. eine Methylgruppe daran hängt oder ein Halogen einbaut, gilt das Verbot nicht mehr«, sagt Milin. Daher gelten solche Substanzen so lange als ›Legal Highs‹, bis ihre Molekülstruktur ins BtMG aufgenommen wird oder sie vom sogenannten Neue-psychoaktive-Stoffe-Gesetz (NpSG) erfasst werden.

Ganze Stoffgruppen sind verboten

Wer aber verändert überhaupt die Moleküle? Chemiker und Biochemiker mit krimineller Energie. »Da gibt es multinational agierende Gruppen, die sich wissenschaftliche Veröffentlichungen und medizinische Datenbanken anschauen«, sagt Milin: »und dort vielleicht psychoaktive Substanzen finden, die als Medikament getestet wurden, aber aufgrund ihrer Nebenwirkungen nie zugelassen worden sind«. Weil bereits eine kleine Änderung an der Molekülstruktur der chemischen Substanzen genügt, lassen sich auf diese Weise permanent neue NPS auf den Markt bringen.

Hier werden nicht einzelne Substanzen verboten, sondern gleich ganze Stoffgruppen.

Um diesem ständigen Wettrennen zwischen immer neuen chemischen Substanzen und anzupassenden Verbotsregelungen im BtMG zumindest teilweise einen Riegel vorzuschieben, ist Ende November 2016 das Gesetz zur Bekämpfung der Verbreitung neuer psychoaktiver Stoffe (NpSG) in Kraft getreten. Der entscheidende Unterschied zum BtMG: Hier werden nicht einzelne Substanzen verboten, sondern gleich ganze Stoffgruppen. Das macht es nicht unmöglich, aber schwerer, Lücken zu finden.

Weniger hirngängig

Die NPS haben im Prinzip die gleiche Wirkung wie die ›Originale‹: Ein Abkömmling von Amphetamin wirkt aufputschend, ein Abkömmling von LSD wirkt halluzinogen. Der Haken: Dadurch, dass die Moleküle verändert worden sind, sind sie größer und weniger hirngängig als die ursprüngliche Substanz, sie überwinden die Blut-Hirn-Schranke nicht mehr so leicht. Um den gleichen Effekt zu erzielen, muss also mehr konsumiert werden. Das bedeutet in der Folge stärkere und eine höhere Wahrscheinlichkeit für Nebenwirkungen. Dazu gehören je nach Substanz beispielsweise Herzrasen und Kreislauf­probleme, Angstzustände, Muskelkrämpfe, kardiovaskuläre Krisen, Nierenversagen oder Psychosen. Auch Todesfälle hat es Milin zufolge schon gegeben.

Schädlicher als die ursprüngliche Substanz

Ein großes Problem: Wer NPS konsumiert, weiß nie, was er eigentlich bekommt, wenn er sich als Kräutermischungen, sogenannte ›Forschungschemikalien‹, oder als Pflanzendünger getarnte Substanzen bestellt. »Selbst wenn man schon Erfahrungen mit dem Produkt eines bestimmten Händlers hat, kann man sich nie drauf verlassen, dass bei der nächsten Lieferung die exakt gleiche Substanz enthalten ist, das kontrolliert ja niemand«, sagt Milin. Das macht es auch so schwierig, die Effekte eines Langzeitkonsums fundiert zu untersuchen. Fachleute gehen allerdings aus den bisherigen Erfahrungen mit den kurzfristigen Nebenwirkungen davon aus, dass NPS auch auf lange Sicht sogar noch schädlicher sind als die ursprüngliche Substanz.

Frühwarnsystem

Obwohl der Name es suggeriert: Wirklich neu sind NPS nicht. Es gibt sie schon, so lange es einen Markt für illegale Drogen gibt. »Richtig Fahrt aufgenommen hat das Thema allerdings erst ab 2008, als die Kräutermischung Spice mit synthetischen Cannabinoiden auf den Markt gekommen ist«, sagt Bernd Werse. Der Professor für Soziale Arbeit mit Schwerpunkt Sozialwissenschaftliche Sucht- und Drogenforschung an der Frankfurt University of Applied Sciences leitet dort das Institut für Suchtforschung (ISFF). Die Europäische Drogenagentur hat im Rahmen des europäischen Frühwarnsystems zwischen 2005 und dem Jahresende 2024 mehr als 1000 NPS ermittelt, 2024 wurden 47 erstmals gemeldet.

Es hat fast schon Tradition, dass jedes Jahr ein neues LSD-Derivat verboten wird, kurz darauf kommt ein neues auf den Markt.

Ein Großteil davon ist inzwischen verboten. »Das ist ein klassisches Katz-und-Maus-Spiel«, sagt Werse, »wie man am Beispiel LSD gut sehen kann: Es hat fast schon Tradition, dass jedes Jahr ein neues LSD-Derivat verboten wird, kurz darauf kommt ein neues auf den Markt.« Die Händler sind einfallsreich. Gerade vor wenigen Monaten erst, erzählt Werse, wurden in Frankfurt erstmals Vapes mit NPS in Automaten angeboten. »Da wird viel ausprobiert und versuchsweise auf die Konsumenten losgelassen, geschaut, was wie ankommt«, sagt Werse, »das meiste verschwindet aber auch wieder.«

NPS machen schnell abhängig

Die NPS werden geschluckt, geschnupft oder inhaliert. Es gibt auch Substanzen, die intravenös gespritzt werden. Konsumenten sind vor allem junge Menschen, Partygänger oder Insassen von Justizvollzugsanstalten. »Dort hat sich vor einigen Jahren das Phänomen des sogenannten Knastpapiers entwickelt«, sagt Werse, »da werden mit flüssigen NPS bestrichene Briefe oder Fotos ins Gefängnis geschickt und von den Empfängern in kleinen Schnipseln geschluckt oder geraucht.«

Zudem bereitet Fachleuten ein neues Phänomen der NPS zunehmend Sorge: synthetische Opioide. Diese im Labor hergestellten Substanzen sprechen im Gehirn dieselben Rezeptoren an wie natürliche Opiate – Morphin oder Codein beispielsweise. Sie wirken stark schmerzstillend, beruhigend und gleichzeitig euphorisierend, bergen aber ein massives Risiko für schwere Atemdepressionen und Abhängigkeit. »Die ersten Fentanyl- und Nitazenderivate sind bereits in Deutschland aufgetaucht, das ist durchaus besorgniserregend«, sagt Werse. Allerdings gibt es auch Anzeichen dafür, dass bei solchen Stoffen die Wirkung und die Geschwindigkeit, mit der sich die Abhängigkeit von der Substanz aufbaut, in keinem Verhältnis stünden. »Ohnehin wirken viele NPS oft nicht genau so wie das ›Original‹, was ein Grund dafür sein dürfte, dass sie sich nie so richtig durchsetzen konnten«, sagt Werse. Gerade Menschen, die viel Erfahrung im Konsum hätten, seien zurückhaltend beim Ausprobieren von Substanzen, die sie noch nicht kennen, besonders dann, wenn andere Drogen zur Verfügung stehen. »Als es in England eine Ecstasy-Knappheit gab, die bekannte Substanz also nur noch schwer zu bekommen war, wurde die damals legal verkaufte NPS Mephedron groß«, sagt Werse. Ähnlich sei nur in München, einer Großstadt mit besonders repressiver Drogenpolitik, ein nennenswerter NPS-Konsum in der ›harten Drogenszene‹ zu beobachten. 

NPS sind ein Nischenphänomen, das sich Werse zufolge seit vielen Jahren »hartnäckig auf niedrigem Niveau« hält. Doch das macht die Substanzen nicht weniger gefährlich. Vor allem, weil dem Konsumenten durch die Aufmachung vorgetäuscht wird, es handele sich um harmlose Produkte. Stattdessen sind sie in ihrer Wirkung oft unberechenbar.

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