Bis zu 400.000 Menschen leben in Deutschland mit Parkinson – der nach der Alzheimer-Krankheit zweithäufigsten neurodegenerativen Erkrankung. Zunehmend mehr Betroffene entdecken die positiven Auswirkungen des Tischtennisspielens.
Geschätzt 6,1 Mio. Menschen waren 2016 weltweit von Parkinson betroffen, 2021 bereits 11,9 Mio. und bis 2050 soll sich die Zahl sogar auf 25,2 Mio. erhöhen, so die Deutsche Gesellschaft für Neurologie (DGN). Hauptgrund für die steigenden Zahlen ist der demografische Wandel. Doch werden daneben auch immunologische, metabolische oder umweltbedingte Einflüsse vermutet. Meist wird Morbus Parkinson zwischen dem 55. und dem 60.Lebensjahr diagnostiziert, bei jeder/jedem Zehnten noch vor dem 40.Lebensjahr.
Mitten aus dem Leben
Petra Kühnert ist gerade 40, Krankenschwester, verheiratet, Mutter von drei Kindern und in der Vorbereitung auf den Köln-Marathon als ihr Trainer bemerkt: »Du lässt Deinen linken Arm beim Laufen nicht pendeln. Lass das mal prüfen.« Den Marathon läuft sie noch – dann geht sie zum Neurologen – die niederschmetternde Diagnose: Parkinson. Die Erkrankung gilt als nicht heilbar, hat unterschiedliche Ausprägungen und ist z. B. durch motorische Symptome wie Zittern, Muskelsteifheit, Bewegungsverlangsamung oder Gleichgewichtsstörungen gekennzeichnet. Ebenso können nichtmotorische Probleme entstehen, wenn z. B. die Stimme versagt, Wortfindungsstörungen, Depressionen oder demenzielle Veränderungen auftreten. Die Krankheit selbst führt in der Regel nicht zum Tod, vielmehr sind häufig Begleitkomplikationen wie Lungenentzündungen, Sepsis oder Stürze ursächlich. Medikamente und Therapien können den Krankheitsverlauf von Parkinson verlangsamen und Beschwerden über Jahre lindern.
Von New York nach Nordhorn
»Dass es mir heute – 18 Jahre nach der Diagnose – relativ gut geht, hat viel damit zu tun, dass ich regelmäßig Tischtennis spiele«, sagt Petra. Die heute 58-Jährige ist eine von rund 4.000 Mitgliedern im Verein ›PingPongParkinson Deutschland‹. Die Idee stammt aus den USA, wo der Musiker Nenad Bach an Parkinson erkrankte und sich infolgedessen von der Bühne verabschiedete. Nach regelmäßigem Tischtennistraining verbesserte sich die Symptomatik so sehr, dass er nur sechs Monate später wieder öffentlich auftreten konnte – ein Erfolg, der ihn dazu motivierte, 2017 PingPongParkinson (PPP) als gemeinnützigen Verein zu gründen. Heute gibt es PPP-Vereine in mehr als 23 Ländern.
Heute zählen wir zu den größten Tischtennis-Vereinen in Europa.
In Deutschland nahm die Bewegung 2020 Fahrt auf, nachdem Thorsten Boomhuis und Harry Wißler im Niedersächsischen Nordhorn PingPongParkinson Deutschland e.V. ins Leben riefen. »Heute zählen wir mit 4.000 Mitgliedern und 350 Stützpunkten zu den größten Tischtennis-Vereinen in Europa«, erklärt Jürgen Zender, Pressesprecher von PingPongParkinson Deutschland. Das Konzept beruht darauf, Tischtennis für alle Menschen mit Parkinson wohnortnah und unabhängig vom sportlichen Niveau anzubieten. »Täglich kommt ein neuer Stützpunkt und Standort hinzu«, so Zender. Dabei sind die Stützpunkte meist an bestehende (Tischtennis-)Vereine angebunden, nutzen deren Halle und Platten, manchmal auch deren Trainer. Menschen mit Parkinson trainieren dort unter sich oder gemeinsam mit nicht betroffenen Sportlerninnen und Sportlern.
Weltmeisterschaft in Hannover
Zender hat vor vier Jahren den ersten PPP-Stützpunkt in München gegründet. Inzwischen gibt es in dort sieben. Auch wenn der Leistungsgedanke bei PPP nicht entscheidend ist, bietet der Verein seinen Mitgliedern jedes Jahr kleinere und größere Turniere an: z. B. den Stada-Cup, die German-Open; und Ende September hat PPP Deutschland die siebte PingPongParkinson-Weltmeisterschaft in Hannover ausgerichtet. 850 Spielerinnen und Spieler mit Parkinson aus 35 Nationen haben fünf Tage lang an 90 Tischen rund 4500 Spiele absolviert.
»Dahinter steckt ein riesiger organisatorischer Aufwand, der in erster Linie durch das ehrenamtliche Engagement unserer Mitglieder und deren Angehöriger getragen wird«, sagt Zender. »Und bei dem niedrigen Mitgliedsbeitrag von einem Euro im Monat braucht es natürlich auch Sponsoren. Wir sind sehr froh, dass wir Unternehmen und Privatpersonen haben, die uns und unsere Arbeit unterstützen.«
Petra konnte die Goldmedaille, die sie 2025 bei der WM im Italienischen Lignano im Mixed Doppel gewann, diesmal nicht verteidigen – sie war im Urlaub, hat aber trotzdem mitgefiebert. Denn viele Spielerinnen und Spieler kennt sie aus anderen internationalen Turnieren.
Handicap, das verbindet
2023 spielt Petra ihr erstes Turnier in Schottland, organisiert und finanziert Flug, Transfer und Unterkunft selbst: »Ich hab das gemacht, um mir zu beweisen, dass ich das trotz Krankheit schaffen kann.« Sie erinnert sich an ihre Sorgen am Flughafen: »Wenn ich aufgeregt bin, fang ich an zu zittern und kann schlecht laufen – das ist eine große Herausforderung«. Am Gate trifft sie Leute mit PPP-T-Shirts, schnell ergeben sich erste Kontakte. Gemeinsam fliegen sie nach Glasgow und teilen das gleiche Handicap. »Wir haben Parkinson und gehen damit spielen – die Offenheit und Herzlichkeit untereinander haben mich sehr beeindruckt.«
Beim Tischtennis zählt die Erkrankung nicht.
Du denkst nur ans Spiel, bewegst Dich einfach – wenn ich fünf oder zehn Minuten gespielt habe, ist alles locker«. Viermal in der Woche trainiert Petra inzwischen beim PPP-Stützpunkt der Spielgemeinschaft Borussia Düsseldorf und beim TUS Breitscheid: »Krankengymnastik müsste ich genauso oft machen – da geh ich lieber zu PPP, treffe dort nette Leute und kann mich bewegen. Daraus ziehe ich meine Kraft.«
Außerdem hat sie eine Selbsthilfegruppe gegründet, in der auch Erfahrungen ausgetauscht werden: Wie war es beim Neurologen? Welche neuen Medikamente gibt es? Wie schlägt die Physiotherapie an? Und wie läuft es mit Job, Partner und Kindern? »Parkinson betrifft nicht nur den Erkrankten, sondern die ganze Familie«, sagt Petra. Ihr Mann und ihre Kinder unterstützen sie und ihr Tischtennis-Engagement nach Kräften.
Wissenschaftlich erprobt?
Dass Tischtennis körperliche und mentale Fähigkeiten bei Menschen mit Parkinson verbessern kann, weiß auch Dr. Timo Klein-Soetebier. Der Sportwissenschaftler forscht an der Deutschen Sporthochschule Köln am Institut für Trainingswissenschaft und Sportinformatik und hat die Erfahrung gemacht: »Menschen, die in die Halle kommen, sich kaum bewegen können und steif sind, werden mit jedem Ball, den sie über die Platte schlagen, lockerer.«
Studien sind rar.
Wissenschaftliche Studien dazu gebe es noch wenige. Zwei Studien aus Japan und Schweden bestätigten positive Effekte auf Motorik und psychisches Wohlbefinden, andere Studien z. B. in Slowenien seien aktuell noch in Arbeit.
Klein-Soetebier und sein Team haben u. a. bei PPP-Turnieren die Perspektive von rund 300 Betroffenen angeschaut und gefragt: Warum denkst Du, dass Dir Tischtennisspielen guttut? Demnach sind viele Betroffene überzeugt, dass Tischtennis die typischen Parkinson-Symptome verbessert und Bewegungsabläufe flüssiger werden. Und es gehe eben nicht primär um die Krankheit, sondern um Sport, Spiel und den Zusammenhalt in der Gruppe. Zudem helfe das Training offenbar vielen, ihren Alltag zu strukturieren. Beispielsweise müssten Trainings-, Therapiezeiten und Medikamenteneinnahme aufeinander abgestimmt werden. »Dieses Argument hatten wir vorher so nicht auf dem Schirm«, sagt Klein-Soetebier. Ab Herbst ist eine zweijährige größere klinische Studie mit Unterstützung des Rehabilitationsforschungsnetzwerks der Deutschen Rentenversicherung NRW und Rheinland geplant, die motorische Aspekte abfragt, aber auch psychologische Auswirkungen und die Sicht der Angehörigen berücksichtigt.
PPP brauche mehr Öffentlichkeit, mehr Ärztinnen, Ärzte und Therapeuten, die den Sport empfehlen und Krankenkassen, die die Kosten tragen, meint Petra: »Mit Tischtennis könnte man so viele Betroffene auffangen – gerade in Zeiten, in denen Therapieplätze rar sind. Jürgen Zender stimmt zu: »Bei PPP geht es um Bewegung und um das soziale Miteinander. Dass wir das gleiche Schicksal teilen, ist so viel wert – es ist die schiere Selbsthilfe und wird leider doch nicht anerkannt.«
Infos auch unter www.pingpongparkinson.de