Über Grenzen hinweg: Impulse für die Psyche

Von Stefanie Roloff Lesezeit 4 Minuten
Junge Frau blickt in einen großen Spiegel, in dem eine Gruppe lächelnder Menschen gespiegelt wird.

Weltweit leben laut WHO mehr als eine Milliarde Menschen mit psychischen Erkrankungen – seit der Corona-Pandemie haben Angststörungen und Depressionen global um rund 25 % zugenommen, europaweit berichten 22 % mehr Menschen von Einsamkeit. Geht es um die seelische Gesundheit, liegt Deutschland im internationalen Vergleich im Mittelfeld.

Laut dem Flash Eurobarometer 530, einer Umfrage der Europäischen Kommission, befindet sich Deutschland beim persönlichen Wohlempfinden zwar über dem EU-Durchschnitt, doch beim Zugang zu Gesundheitsdiensten liegt es deutlich darunter. Auch der internationale Krankenversicherer Foyer Global Health stuft die Versorgung psychisch Erkrankter im weltweiten Vergleich nur als Mittelmaß ein. Ursachen sind strukturelle Probleme wie vergleichsweise längere Wartezeiten auf Therapieplätze, teils überdurchschnittlich lange Klinikaufenthalte, Fachkräftemangel und große regionale Unterschiede in der Versorgung.

Zu den Vorreitern im Einsatz für die psychische Gesundheit gehören die nordeuropäischen Länder, während Staaten mit geringem oder mittlerem Einkommen – etwa Pakistan oder Mexiko – häufig zu den Schlusslichtern zählen. Doch der Blick über die Grenzen zeigt: Nicht der Wohlstand eines Landes allein entscheidet über die psychische Gesundheit seiner Bevölkerung, sondern der politische Wille zu Reformen und der Mut, neue Wege zu gehen.

Sri Lanka: Task-Sharing-Modell

»Wertvolle Erkenntnisse lassen sich aus Ländern mit niedrigem und mittlerem Einkommen gewinnen, die aufgrund des Mangels an Fachkräften erfolgreich geschulte Laien und Gemeindemitglieder in die Versorgung einbinden«, betont die European Alliance Against Depression (eaad), die Dachorganisation der Stiftung Deutsche Depressionshilfe und Suizidprävention. Ein Beispiel dafür sei Sri Lanka. Dort reisen nicht-fachliche Mitarbeitende, die an Kliniken angebunden sind, regelmäßig in Dörfer, begleiten Patientinnen und Patienten, erfassen Symptome und greifen bei Rückfallgefahr frühzeitig ein.

Wertvolle Erkenntnisse lassen sich aus Ländern mit niedrigem und mittlerem Einkommen gewinnen, die Laien in die Versorgung einbinden.

Die Regierung Sri Lankas verfolgt diesen Ansatz systematisch: Laut der nationalen Mental Health Policy soll eine umfassende, gemeindenahe Versorgung den bisherigen Schwerpunkt auf institutionelle Versorgung ablösen und Prävention, Wohlbefinden und Rehabilitation in den Mittelpunkt rücken. Dieses sogenannte Task-Sharing-Modell, so die eaad, lasse sich auch auf wohlhabende Länder übertragen – gerade jetzt, wo die Nachfrage nach psychischer Versorgung stark gestiegen ist. Ein Beispiel ist der Aufbau sogenannter ›mental health community support Centres‹, Zentren, die psychosoziale Unterstützung, Tagesangebote, Beratung und gemeindebasierte Hilfe bündeln und koordinieren. Dort arbeiten Fachleute mit freiwilligen Unterstützerinnen und Unterstützern zusammen.

Nordeuropa: flächendeckende Versorgung

Wie der Krankenversicherer Foyer Global Health betont, sind die nordeuropäischen Länder im Bereich psychische Gesundheit »durchweg führend, da sie eine niedrige Prävalenz psychischer Störungen mit robusten Gesundheitssystemen und einer Politik kombinieren, die Glück und Wohlbefinden fördert.«

In Finnland ist psychische Gesundheit fest im Alltag verankert – von einer flächendeckenden schulischen Beratung bis zu kommunalen Kliniken mit erschwinglichen Angeboten. Schweden setzt Fachkräfte für psychische Gesundheit direkt in den Kliniken für die Grundversorgung ein und ergänzt dieses System durch mobile Einsatzteams für ländliche Regionen.

Norwegen gilt mit seinen laut Bericht »bahnbrechenden telepsychiatrischen Diensten« als digitaler Vorreiter: Unter anderem sind dort Online-Beratungen mit zugelassenen Therapeutinnen und Therapeuten rund um die Uhr erreichbar. Die Niederlande verbinden kostenlose Jugendberatung mit einer Stadtplanung, die gezielt auf Grünflächen als Schutzfaktor für die seelische Gesundheit setzt. Das sorgt nachweislich für eine geringere Depressionsrate. Auch Dänemark legt den Fokus auf Prävention, unter anderem mit jährlichen Depressions-Screening-Tagen und informellen ›Psycho-Cafés‹.

Italien: Abschaffung von Großpsychiatrien

In Italien leitete die sogenannte ›Basaglia-Reform‹ bereits 1978 einen tiefgreifenden Wandel der psychiatrischen Versorgung ein: Sie beendete die Ära der abgeschotteten Großanstalten und schuf wohnortnahe Zentren für psychische Gesundheit. Heute erfolgt die stationäre Krisenversorgung überwiegend in Akutabteilungen allgemeiner Krankenhäuser – ein entscheidender Schritt hin zu einer dezentralen, integrierten Versorgung.

Als internationales Vorbild für die gemeindenahe psychiatrische Versorgung gilt die Stadt Triest. Sie schloss ihre psychiatrische Großanstalt vollständig und ersetzte sie durch rund um die Uhr geöffnete, gemeindenahe Zentren für psychische Gesundheit mit wenigen Betten. Ergänzt wird dieses Netzwerk durch eine kleine psychiatrische Einheit im Allgemeinkrankenhaus, soziale Kooperativen sowie eine Vielzahl innovativer Programme zur Genesung und sozialen Teilhabe.

Österreich: Brücken zwischen Klinik und Alltag

In Österreich setzt die Versorgung psychisch erkrankter Menschen auf eine enge Verzahnung von stationären und ambulanten Angeboten. Psychiatrische Abteilungen sind meist in allgemeine Krankenhäuser integriert, während Tageskliniken, Home Treatment und sozialpsychiatrische Dienste stetig ausgebaut werden. Beim Home Treatment findet die Behandlung nicht in der Klinik, sondern im häuslichen Umfeld statt: Multiprofessionelle Teams besuchen Patientinnen und Patienten regelmäßig zu Hause, um Krisen frühzeitig abzufangen, Einweisungen zu vermeiden und die therapeutische Kontinuität zu sichern.

Besonders erfolgreich zeigt sich das in Salzburg erprobte Modell des ›Flexible Assertive Community Treatment‹ (FACT). Dabei betreut ein Team aus Ärztinnen, Pflegekräften und Sozialarbeiterinnen Menschen mit schweren psychischen Erkrankungen flexibel – im Alltag, zu Hause oder in akuten Phasen. Die Intensität der Behandlung passt sich dem jeweiligen Bedarf an. Studien deuten darauf hin, dass dieses Modell die Dauer stationärer Aufenthalte deutlich reduziert und zugleich die Versorgungsqualität verbessert.

Vereinigtes Königreich: stufenweise Hilfe nach Bedarf

Ein besonders gut erprobter Ansatz ist das sogenannte Stepped-Care-Modell, das – wie die eaad erläutert – im britischen National Health Service (NHS) das organisatorische Rückgrat der Depressions- und Angstbehandlung bildet. Dabei werde die Behandlungsintensität individuell an den Bedarf angepasst: »Sie wird hochgestuft, wenn Symptome anhalten oder sich verschlimmern, und heruntergestuft, sobald deutliche Fortschritte erkennbar sind.«

Psychische Gesundheit entsteht dort, wo Prävention, Teilhabe und niedrigschwellige Hilfe konsequent zusammengedacht werden.

Ziel sei ein effizienter Ressourceneinsatz, bei dem Betroffene zunächst die am wenigsten intensive, aber dennoch wirksame Intervention erhalten – von aktivem Monitoring leichter Symptome und Psychoedukation bis hin zu hochintensiver Psychotherapie oder – falls nötig – stationärer Behandlung.

Blick über den Tellerrand nutzen

Die Beispiele aus dem Ausland zeigen: Psychische Gesundheit entsteht dort, wo Prävention, Teilhabe und niedrigschwellige Hilfe konsequent zusammengedacht werden – ob durch geschulte Laien in Sri Lanka, flexible Teams in Österreich oder digitale Dienste in Norwegen. Auch zahlreiche andere Länder haben innovative Modelle entwickelt – etwa Neuseeland mit dem Programm ›Like Minds, Like Mine‹, das Stigmatisierung und Diskriminierung psychisch Erkrankter reduzieren soll.

Von all diesen Ansätzen kann Deutschland lernen – etwa durch den Ausbau gemeindenaher Angebote und durchlässigere Versorgungsstrukturen. Denn wie die WHO in ihrem ›World mental health today‹-Report betont, braucht es weltweit weiterhin entschlossenes politisches Handeln und größere Investitionen, um die mentale Gesundheit der Menschen nachhaltig zu schützen und zu fördern.

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