Wer gesünder lebt, bleibt länger gesund. Gelingende Prävention nutzt den Menschen und entlastet das Gesundheitssystem. Damit sie den gebührenden Stellenwert erhält, mehren sich die Rufe nach einem grundlegenden Kurswechsel in der Gesundheitspolitik.
Prof. Dr. Wolfgang Wick, Vorsitzender des Wissenschaftsrates, fand deutliche Worte: »Deutschlands Gesundheitssystem braucht einen Kulturwandel. Wir müssen Gesundheit und nicht Krankheit in den Mittelpunkt und damit Prävention über Reparatur stellen.« In einem Anfang Februar veröffentlichten Positionspapier fordert der Rat, der Bund und Länder in Wissenschaftsfragen berät, nachdrücklich einen deutlichen Kurswechsel in Richtung Prävention und Gesundheitsförderung. Ein solches Umdenken sei »systemrelevant – für die Sicherung unserer Gesundheits- und Sozialsysteme, aber auch für unsere Wettbewerbsfähigkeit und nicht zuletzt für den gesellschaftlichen Zusammenhalt«, so Wick.
Hohe Ausgaben, mäßiger Erfolg
Das Gesundheitssystem in Deutschland steht zunehmend unter Druck. Trotz hoher Gesundheitsausgaben bleiben die Ergebnisse deutlich hinter den Erwartungen zurück. Gemessen an der Wirtschaftsleistung gibt Deutschland mehr Geld für Gesundheit aus als jedes andere Land in der EU. Trotzdem lag die durchschnittliche Lebenserwartung in Deutschland 2024 unter dem EU-Durchschnitt. Auch die Menschen selbst sind mit ihrem Befinden zunehmend unzufrieden: 2024 schätzten nur etwa 64% der Erwachsenen ihren Gesundheitszustand als sehr gut oder gut ein, ergab die Untersuchung ›Gesundheit in Deutschland‹ des Robert Koch-Instituts.
Das kommt nicht von ungefähr. Eine Studie an der Medizinischen Hochschule Hannover hat gezeigt: Die verbesserten Lebensbedingungen und der medizinische Fortschritt nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs haben dazu geführt, dass Menschen, die bis in die 1950er- und 1960er-Jahren geboren wurden, länger leben und gesünder alt werden als ihre Eltern und Großeltern. Doch diese positive Entwicklung setzt sich bei den später Geborenen nicht fort. Im Gegenteil: Menschen, die nach 1975 geboren wurden, weisen mehr gesundheitliche Beeinträchtigungen auf als die Jahrgänge vor ihnen. Sie werden häufiger und auch früher ernsthaft krank, oft schon im frühen Erwachsenenalter.
Eine explosive Mischung
In Kombination mit der demografischen Entwicklung ist das eine explosive Mischung: In den nächsten 15 Jahren geht mit den geburtenstärksten Jahrgängen fast ein Drittel der heutigen Erwerbspersonen in Rente. Die nachfolgenden Jahrgänge sind zahlenmäßig kleiner und dazu noch weniger gesund. Beides zusammen stellt das Gesundheitssystem, die sozialen Sicherungssysteme und die Wirtschaft vor zunehmende Herausforderungen. So wird sich durch den demografischen Wandel die Zahl der Ärztinnen, Ärzte und Pflegefachkräfte reduzieren, während die Zahl der Patientinnen und Patienten deutlich ansteigt. »Vor dem Hintergrund knapper personeller und finanzieller Ressourcen sollten die Ansätze untersucht und gefördert werden, die evidenzbasiert geeignet sind, um Pflegebedürftigkeit zu verhindern oder die Verschlechterung abzumildern«, mahnt Dr. Stefan Gronemeyer, Vorstandsvorsitzender des Medizinischen Dienstes Bund.
Die Zahl der Ärztinnen, Ärzte und Pflegefachkräfte wird abnehmen, die der Patientinnen, Patienten und Pflegebedürftigen deutlich ansteigen.
Einer dieser Ansätze besteht in mehr und besserer Prävention, denn: Verantwortlich für die hohe Krankheitslast in Deutschland sind vor allem nichtübertragbare Krankheiten wie Herz-Kreislauf-Erkrankungen, Krebs, chronische Atemwegserkrankungen und Diabetes – Erkrankungen also, die zu einem erheblichen Teil durch einen gesünderen Lebensstil vermieden werden könnten. Allein im Jahr 2021 waren hierzulande etwa 259.000 Todesfälle auf Rauchen, Alkoholkonsum, zu viel und zu ungesundes Essen und zu wenig Bewegung zurückzuführen. Das geht aus dem ›Länderprofil Gesundheit‹ für Deutschland hervor, das die EU-Kommission Ende 2025 veröffentlicht hat.
Gesunde Lebenswelten für alle
Die Erkenntnis, dass Vorbeugen besser ist als Heilen, ist nicht neu. Das im Juli 2015 in Kraft getretene Präventionsgesetz etablierte neben neuen Leistungen, Impfungen und Zuschüssen auch die Einrichtung einer Nationalen Präventionskonferenz. Ihr Auftrag: eine nationale Präventionsstrategie zu entwickeln und fortzuschreiben, die allen Menschen in allen Lebenswelten ein gesundes Aufwachsen, Leben, Arbeiten und Altwerden ermögliche. Wo stehen wir heute? Die Präventionsausgaben der gesetzlichen Kranken- und Pflegekassen haben 2024 einen neuen Höchststand erreicht. Für präventive und gesundheitsfördernde Maßnahmen in Lebenswelten, Betrieben sowie für individuelle Präventionsangebote wendeten sie insgesamt rund 686 Mio. Euro auf und erreichten in vielen Bereichen deutlich mehr Menschen als im Vorjahr. Auch die Ausgaben für die betriebliche Gesundheitsförderung sind gestiegen. In Präventionsleistungen in der stationären Pflege flossen 2024 insgesamt 25 Mio. Euro – ein Plus von 25%. Das geht aus dem aktuellen Präventionsbericht von GKV-Spitzenverband und Medizinischem Dienst Bund hervor. »Die Zahlen zeigen das große Engagement der Kranken- und Pflegekassen in allen Bereichen der Gesundheitsförderung und Prävention«, unterstreicht Oliver Blatt, Vorstandsvorsitzender des GKV-Spitzenverbandes.
Schlusslicht in der Präventionspolitik Erheblichen Nachholbedarf attestiert der Public Health Index (PHI), den die AOK und das Deutsche Krebsforschungszentrum Ende 2025 gemeinsam vorlegten, der Bundesrepublik auf dem Gebiet der Präventionspolitik. In den Handlungsfeldern Rauchen, Alkohol und Ernährung rangiert Deutschland im europäischen Vergleich auf den hinteren Rängen, beim Thema Bewegung im unteren Mittelfeld. Nachdrücklich kritisieren die Autorinnen und Autoren den mangelnden politischen Willen, erwiesenermaßen wirksame Maßnahmen zur Schaffung gesundheitsförderlicher Rahmenbedingungen, umzusetzen, obwohl es für viele dieser Ansätze breite gesellschaftliche Mehrheiten gebe.
Das Präventionsgesetz war ein nötiger erster Schritt. Weitere müssen folgen.
Das Präventionsgesetz war vor diesem Hintergrund ein nötiger erster Schritt, dem aber weitere folgen müssen: »Prävention kann nur gelingen, wenn (Finanz-)Verantwortung viel stärker als bisher auch von Bund, Ländern und Kommunen als Gestalter von Lebens- und Gesundheitsbedingungen übernommen wird«, zieht Oliver Blatt Bilanz. »Hier sollten angekündigte Reformvorhaben wie die Weiterentwicklung des Präventionsgesetzes ansetzen, um bessere Rahmenbedingungen für den Ausbau bedarfsgerechter und nachhaltiger Gesundheitsförderung und Prävention zu schaffen.«
Wie das aussehen könnte, fasst Bundesärztekammerpräsident Dr. Klaus Reinhardt zusammen: »Dazu gehört erstens, die Steuern auf Nikotin, Alkohol und Zucker zu erhöhen, um Konsum zu reduzieren und Präventionsprogramme zu finanzieren. Zweitens muss die Bundesregierung Prävention und Gesundheitsförderung ressortübergreifend verankern und alle Gesetzesvorhaben auf ihre gesundheitlichen Auswirkungen prüfen. Drittens brauchen wir konkrete Präventionsziele, die gemeinsam mit allen relevanten Akteuren entwickelt und umgesetzt werden.«
Breites Bündnis für Prävention
Dem Ruf nach einem Politikwechsel hin zu mehr Prävention verleiht ein breites Bündnis von Gesundheitsorganisationen mit einem Forderungspapier Nachdruck, das im Februar dieses Jahres vorgestellt wurde. Zu den Unterstützern gehören unter anderem die Bundesärztekammer, die Deutsche Gesellschaft für Innere Medizin, die Deutsche Allianz Nichtübertragbare Krankheiten (DANK) und der AOK-Bundesverband. In dem Paper heißt es: »Prävention ist keine freiwillige Aufgabe – sie ist staatliche Pflicht.« Für Barbara Bitzer, Sprecherin der DANK und Geschäftsführerin der Deutschen Diabetes Gesellschaft (DDG), steht darum außer Frage: »2026 muss das Jahr der Prävention werden. Abwarten und untätig bleiben kostet Lebensjahre und Wirtschaftskraft.«