Rettungsdienst stärken: Gemeindenotfallsanitäter

Von Christine Probst Lesezeit 4 Minuten
Krankenpfleger misst bei einem älteren Mann Blutdruck.

Seit Jahren steigt die Inanspruchnahme der Notfallversorgung. Strategien zur Bewältigung werden dringend benötigt. Das aus Amerika stammende Konzept der Gemeindenotfallsanitäter soll entlasten und wird derzeit in Modellregionen, u. a. in Sachsen-Anhalt und Niedersachsen, erprobt.

Den Notruf wählen und Minuten später ist der Rettungsdienst da – darauf vertrauen die Menschen. Die zeitlichen Hilfsfristen werden jedoch angesichts steigender Einsatzzahlen, zunehmender Bagatelleinsätze und knapper Ressourcen vielerorts überschritten. Neue Ansätze wollen dem entgegenwirken.

»Ich wusste mir nicht anders zu helfen«, erinnert sich Brigitte K.* An einem Sonntagabend wird der 72-Jährigen beim Aufstehen aus dem Sessel schwindelig. »Ich konnte mich zwar abfangen, bin aber ganz blöd mit dem rechten Fuß umgeknickt.« Schmerzen und Schwellung machen der Rentnerin Angst. Weil sie niemanden hat, der sie in die Klinik fahren könnte, wählt sie verzweifelt den Notruf. »Ich dachte, da ist was gebrochen.«

Echter Notfall oder nicht?

8.019.661 Rettungsdienst- und Notarzteinsätze verzeichnet die Statistik für das Jahr 2024. In den vergangenen zehn Jahren sind diese um etwa 18 % gestiegen. Lediglich 10 bis 15 % der Notarzt-Einsätze seien wirklich gerechtfertigt, sagt der Deutsche Berufsverband Rettungsdienst (DBRD).

Die zunehmende Zahl von Einsätzen, in denen kein echter Notfall vorliegt, ist vor allem gesellschaftlich bedingt.

Die zunehmende Zahl von Einsätzen, in denen kein echter Notfall vorliegt, sei vor allem gesellschaftlich bedingt, schlussfolgern das Wiener Institut für Zukunftspsychologie und Zukunftsmanagement und die opta-data-Zukunfts-Stiftung nach der Befragung zur Zukunft des Rettungswesens von mehr als 4000 Notfall- und Rettungssanitätern, Notärztinnen und -ärzten, Leitstellendisponenten, Auszubildenden und vielen weiteren Akteuren für die RettungsStudie 2023. Die Menschen werden immer älter, die Zahl (chronisch) Kranker und Alleinlebender steigt. Hinzu kommen psychische und soziale Probleme, Alkoholismus und Drogenmissbrauch. Aber auch strukturelle Probleme, weit entfernte, überlastete Praxen und lange Wartezeiten auf Termine führen dazu, dass der Rettungsdienst vermehrt in Anspruch genommen wird, obwohl kein echter Notfall vorliegt.

Einsatz für den GNotSan

Brigitte K.s Anruf erreicht die Leitstellendisponentin, die anhand eines Fragenkatalogs schnell und präzise herausarbeitet, dass eine Abklärung des Fußes zwar notwendig ist, jedoch nicht zwingend ein Transport in die Klinik. Also informiert sie den Gemeindenotfallsanitäter (GNotSan). Dieser macht sich sofort mit einem Notarzteinsatzfahrzeug, bestückt mit medizinischen Geräten, Medikamenten und Teststreifen, auf den Weg und ist binnen zehn Minuten bei der Patientin.

Schritt für Schritt erklärt er, was er nun tut: Er kontrolliert Puls und Blutdruck, fragt nach den Schmerzen und prüft, welche Bewegungen funktionieren. Bei Bedarf könnte er eine Ärztin digital zuschalten oder doch noch einen Rettungswagen anfordern. Aber die Beweglichkeit des Fußes ist trotz der Schwellung und der Schmerzen recht gut, eine Fraktur somit unwahrscheinlich. Die Seniorin ist erleichtert, der GNotSan verbindet den Fuß, rät zum Kühlen und empfiehlt, das Bein am besten hochzulegen. Sie sprechen über die Einnahme eines Schmerzmittels, das Brigitte K. noch zu Hause hat, und vereinbaren eine Vorstellung beim Hausarzt am nächsten Tag.

Entlastung für die Rettungsdienste

»Durch den Einsatz von Gemeindenotfallsanitätern kann die Anzahl von Fehleinsätzen verringert werden«, erklärt die Kassenärztliche Vereinigung Sachsen-Anhalt. Einsätze, bei denen ein Rettungswagen alarmiert wurde, die Patientin oder der Patient jedoch aus unterschiedlichen Gründen nicht ins Krankenhaus gefahren wurde – z. B. weil vor Ort behandelt wurde oder der Betroffene partout nicht in die Klinik wollte. »Solche Einsätze ohne Transport können aufgrund gesetzlicher Regelungen nicht direkt mit den Kostenträgern des Rettungsdienstes abgerechnet werden.« Das Konzept Gemeindenotfallsanitäter setzt hier an und steht »für jene Fälle zur Verfügung, bei denen im Ergebnis der Notrufabfrage eine Erkrankung oder Verletzung vorliegt, die kein ärztliches Eingreifen und voraussichtlich auch keinen Transport in ein Krankenhaus erfordert.« Das entlaste auch die Notaufnahmen und spare Geld. »Die Jahreskosten für einen Gemeindenotfallsanitäter betragen nach unserem Kenntnisstand etwa 50 % der Kosten für einen Rettungstransportwagen«, rechnet die KV vor.

Zudem sind Rettungswagen dadurch für akute Notfälle frei und können insbesondere in ländlichen Gebieten die vorgegebene Zeit bis zum Eintreffen (Hilfsfrist) wieder häufiger einhalten.

Das aus Amerika entlehnte Konzept des GNotSan findet zunehmend mehr Zuspruch und wird derzeit in Sachsen-Anhalt, ebenso in Modellregionen erprobt wie in Niedersachsen und Bayern. In anderen Bundesländern werden alternative Konzepte getestet oder es wird über neue Konzepte im Rettungsdienst nachgedacht.

Ersteinschätzung und -versorgung

Die speziell weitergebildeten Notfallsanitäter helfen, zu filtern. »Mit dem GNotSan muss nicht sofort auf einen Rettungswagen zurückgegriffen werden«, sagt die Pressereferentin des Landesverbandes Sachsen-Anhalt des Deutschen Roten Kreuzes (DRK), Antje Wimmler. Das DRK engagiert sich in den zwei Modellprojekten im Bundeland. In weniger akuten oder unklaren Situationen kann der GNotSan die Ersteinschätzung vornehmen und »entscheiden, ob weitere notfallmedizinische Hilfe benötigt wird, ob die Patientin oder der Patient ins Krankenhaus gebracht werden muss oder zu Hause bleiben kann.« Zudem kann er einspringen, wenn gerade kein Rettungswagen in der Nähe verfügbar ist, und die Erstmaßnahmen einleiten. »Das kann sowohl die Rettungsdienste als auch die Notaufnahmen entlasten«, erklärt Wimmler.

Frank Flake, erster Vorsitzender des Deutschen Berufsverbandes Rettungsdienst e. V. (DBRD), sieht noch weitere Vorteile: »Ältere, erfahrene Mitarbeiter haben hier die Möglichkeit, ihre Kompetenzen einzusetzen, und müssen nicht mehr ausschließlich in der Notfallrettung fahren. Es handelt sich somit um eine alternative Einsatzmöglichkeit, die durchaus geeignet ist, den Beruf attraktiver zu gestalten.«

Voraussetzung und Weiterbildung

Die Weiterbildung zum Gemeindenotfallsanitäter richtet sich in Niedersachsen an Notfallsanitäter über 25 Jahre mit mindestens fünf Jahren Berufspraxis. Der Vollzeitlehrgang dauert drei Monate und umfasst 480 Unterrichtsstunden, die sowohl theoretische Inhalte – zum Gesundheitssystem, zu chronischen Erkrankungen, Arzneimitteln und Wundmanagement – als auch Hospitationen in der hausärztlichen Praxis, der Geriatrie und Urologie beinhalten.

In Sachsen-Anhalt ist die Fortbildung für Notfallsanitäter bereits nach zwei Jahren Berufserfahrung möglich. Mit 160 Stunden, 80 Stunden Theorie und Praxis, ist diese deutlich kürzer. Die Inhalte sind ähnlich: Therapieansätze, Arzneimittelkunde, Deeskalation, Suchthilfe sowie Hospitationen in der Pflege, Palliativmedizin und der hausärztlichen Praxis. Im Unterschied zu Niedersachsen sind bestimmte medizinische Maßnahmen, etwa der Katheterwechsel, damit jedoch nicht erlaubt.

Potenzial für Verbesserungen

Das über den Innovationsfonds des Gemeinsamen Bundesausschusses (G-BA) geförderte Projekt ›Inanspruchnahme, Leistungen und Effekte des Gemeindenotfallsanitäters (ILEG)‹ sieht in der Auswertung seiner Evaluation noch Verbesserungspotenziale, vor allem bei der Organisation und Schnittstellenkommunikation. Insgesamt wird der Einsatz von GNotSan aber als absolut sinnvoll für die Regelversorgung eingestuft und die Empfehlung ausgesprochen, diese regulär einzuführen. Das Bundesministerium für Gesundheit berücksichtigt das im Entwurf zur Reform der Notfallversorgung ebenso wie Neuregelungen zur Finanzierung. Sachsen-Anhalt und Niedersachsen haben nach der positiven Gesamtbilanz ihrer Modellprojekte die gesetzlichen Grundlagen für einen landesweiten Einsatz bereits angestoßen.

*Name von der Redaktion geändert

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