Wie können unsere Städte gesünder werden?

Von Dr. Silke Heller-Jung Lesezeit 5 Minuten
Vogelperspektive auf das Straßennetz einer Großstadt mit Grün dazwischen

Gut drei Viertel aller Menschen in Deutschland leben in Städten, und von Jahr zu Jahr werden es mehr. Umso wichtiger wird es, dort gesunde Lebensbedingungen zu schaffen und – auch in Zeiten des Klimawandels – zu erhalten. Wie das gelingen kann, haben wir Prof. Dr. Susanne Moebus gefragt. Sie ist Direktorin des Instituts für Urban Public Health an der Universitätsmedizin Essen.

Was hat die Stadtplanung mit der Gesundheit zu tun?

Ärzte wie Rudolf Virchow, Max Pettenkofer oder Salomon von Neumann haben schon im 19. Jahrhundert erkannt, dass soziale, politische und städtebauliche Faktoren ganz entscheidend für die Gesundheit sind und dass Krankheiten nicht ausschließlich biologische Ursachen haben, sondern auch in den Lebensbedingungen der Menschen wurzeln. Diese frühen Sozialmediziner haben Bevölkerungsgruppen und deren Lebensbedingungen in den Blick genommen, strukturelle Präventionsmaßnahmen auf den Weg gebracht und dabei auch mit Ingenieuren, Stadtplanern und Kommunalpolitikern zusammengearbeitet.

Wie sieht es heute aus?

Nach dem Zweiten Weltkrieg haben die enormen Fortschritte in den Naturwissenschaften und in der Medizin – mit vielen neuen Diagnose- und Therapieverfahren – dazu geführt, dass wir Gesundheit weitgehend auf die Abwesenheit von Krankheit reduziert haben. Wir haben heute eine biomedizinisch orientierte, stark kurative Medizin, die sich auf den einzelnen Patienten konzentriert. Das ist nicht falsch, und der medizinische Fortschritt kommt vielen zugute. Aber komplexe Zusammenhänge, z. B. der zwischen den Lebensbedingungen der Menschen und ihrer Gesundheit, sind darüber aus dem Blick geraten.

Komplexe Zusammenhänge, z. B. der zwischen den Lebensbedingungen der Menschen und ihrer Gesundheit, sind aus dem Blick geraten.

Wie gesund oder ungesund ist denn das Leben in der Stadt?

Städte gelten als krankmachend, weil wir dort vor allem die Risikofaktoren wie Lärm, Enge, fehlendes Sicherheitsgefühl, Stress und Hektik vor Augen haben. Die sind auch vorhanden. Aber Statistiken zeigen deutlich, dass die Menschen in den Städten eine höhere Lebenserwartung haben als auf dem Land. Städte haben enorme gesundheitsförderliche Ressourcen. Neben einer engmaschigeren medizinischen Versorgung bieten sie sehr gute Chancen für eine aktive Mobilität: Es gibt kürzere Wege zur Schule oder zum Einkaufen, die gut zu Fuß oder mit dem Rad zu bewältigen sind. Wenn der städtische Raum gut gestaltet ist, haben Sie dort auch Grünräume und Erholungsräume, die man auf dem Land nicht immer so findet. Da ist es ja auch nicht immer idyllisch, etwa inmitten großer Agrarflächen. In der Stadt stehen zudem vielfältige Angebote für Bildung, Kultur, Sportstätten, soziale Kontakte zur Verfügung – alles Ressourcen, die Menschen dabei unterstützen, gesund zu bleiben.

Welchen Stellenwert hat die Gesundheit für die Stadtplanung?

Noch immer einen vergleichsweise geringen. Zwar wird inzwischen häufiger über ›gesunde Städte‹ gesprochen. Auch in der Forschung wächst das Interesse. Aber in der tatsächlichen Planungspraxis spielt Gesundheit bislang nur eine Nebenrolle. Städte müssen die Menschen nicht unbedingt gesünder machen. Viele Menschen sind ja gesund. Die Frage ist oft eher, wie man diese Gesundheit erhält. Bei der Stadtplanung geht es um die Lebensverhältnisse, um städtebauliche Funktionen und Strukturen. Hier wäre es sinnvoll, die Perspektive und das Wissen von Public Health in die politischen und in die Planungsprozesse einzubringen. Stadtplanerinnen und Stadtplaner erachten Gesundheit zwar als sehr wichtig, unterschätzen aber häufig den Einfluss, den ihre Profession darauf hat. Umgekehrt wissen viele Akteure aus dem Public- Health-Bereich nur sehr wenig über Planungslogiken und rechtliche Rahmenbedingungen. Es fehlt eine Verknüpfung zwischen diesen Bereichen. Das Bewusstsein dafür, dass alles, was geplant und gebaut wird, Einfluss auf die Gesundheit hat, ist meines Erachtens immer noch viel zu wenig präsent.

Das Bewusstsein dafür, dass alles, was geplant und gebaut wird, Einfluss auf die Gesundheit hat, ist viel zu wenig präsent.

Viele Kommunen setzen heute auf Nachverdichtung, also eine effizientere Nutzung von bereits bebauten Flächen. Wie wirkt sich das auf die Lebensqualität aus?

Wenn man nicht klug plant, kann die Nachverdichtung der Städte ein Risiko darstellen. Wir brauchen die Nachverdichtung, um Flächen zu sparen und das Klima zu schützen. Es ist aber wichtig, dabei die vorhandenen Freiräume zu sichern. Und da, wo sie fehlen, müssen sie neu geschaffen werden. Bei jeder Nachverdichtung muss die Frage lauten: Wo können sich die Menschen aufhalten, bewegen, begegnen – und zwar ohne Konsumzwang? Das können Parks sein, aber auch Innenhöfe, begrünte Wege oder Dachgärten. Ein wichtiger Punkt ist auch die akustische Qualität. Dabei geht es nicht nur darum, Lärm zu reduzieren. Vogelstimmen, Blätterrauschen, spielende Kinder oder das Gemurmel auf belebten Plätzen – das sind alles Dinge, die durchaus angenehm klingen können. Aber wir wissen noch sehr wenig darüber, wie die Vielfalt der städtischen Geräusche auf uns wirkt.

Prof. Dr. Susanne Moebus
© Universitätsmedizin Essen

Wie können Städte denn gesundheitsförderlicher werden?

Ganz einfach: Wir brauchen sichere, menschenfreundliche Wege und Verkehrsstraßen, natürlich saubere Luft, attraktiv und nachhaltig gestaltete öffentliche Räume für alle, bezahlbaren Wohnraum, gemeinschaftlich nutzbare Freiflächen, eine gute Erreichbarkeit von Bildungseinrichtungen, Kultur und den Bedarfen des täglichen Lebens – und dies vor allem in benachteiligten Quartieren. Wir brauchen vor allen Dingen Mut zum Perspektivwechsel. Wir müssen weg von einer rein baulichen Nachverdichtung hin zu einer qualitativen Verdichtung, zu einer kompakten, aber lebenswerten Stadt. Da gibt es schon viele interessante Ideen von Architekten und Stadtplanern. Die müssen aber auch politisch gewollt werden. Auch musste ich als Public-Health-Wissenschaftlerin erstmal lernen: Wenn Sie in einer Stadt etwas ändern wollen, ist das nicht mal eben schnell gemacht. Das sind bauliche Strukturen, die Jahrzehnte Bestand haben. Dass Planungsverfahren beschleunigt werden sollen, finde ich richtig. Sonst setzen wir dreißig Jahre alte Baupläne um, die viele neue Erkenntnisse gar nicht berücksichtigen. Die müssen aber mitgedacht werden, nicht nur wegen der Gesundheit, sondern auch im Hinblick auf den Klimawandel und den CO2-Ausstoß.

Welche Prioritäten muss die Stadtplanung setzen, wenn sie gesundheitsförderliche Umgebungen schaffen will?

Auf Quartiersebene gedacht sind Nähe und Erreichbarkeit zwei wesentliche Aspekte: Sind Wohnen, Arbeiten, Bildung, Einkaufen und Freizeitangebote für alle Bevölkerungsgruppen, Jung und Alt, mit und ohne Handicap, gut zu Fuß oder mit dem Rad erreichbar, sodass automatisch mehr Bewegung im Alltag entsteht? Wenn es um Eingriffe in den öffentlichen Raum geht: Sind das Orte, wo die Menschen sich auch aufhalten können, ins Gespräch kommen können, sich sicher bewegen können? Das betrifft zum Beispiel Straßenräume, Plätze und Parks. Zentral ist natürlich eine blau-grüne Infrastruktur, die Wasser- und Grünflächen verbindet. Das spielt angesichts des Klimawandels eine extrem wichtige Rolle, um die Entstehung von Hitzeinseln zu vermeiden und gleichzeitig Erholungsräume zu schaffen. Wovon wir wegkommen müssen, ist das autozentrierte Bauen. Wir müssen nicht gegen das Auto, aber für die Menschen planen. Wenn wir das nicht schaffen, wird es extrem schwierig, die Städte gesundheitsförderlich umzugestalten. Eine autogerechte Gestaltung beansprucht extrem viel Platz, den wir aber für andere Dinge, andere Menschengruppen benötigen.

Was können die Menschen selbst dazu beitragen, ihren Lebensraum gesünder zu gestalten?

Die Bürgerinnen und Bürger haben ja ein Mitspracherecht bei der Planung. Das müssen sie einfordern und wahrnehmen. Jedwede Gestaltung in den Quartieren oder den Orten, wo die Menschen leben, sollte partizipativ erfolgen. Das ist das A und O einer erfolgreichen Gesundheitsförderung und Prävention. Das ist zwar anfangs sehr zeitaufwendig und nicht einfach, aber am Ende geht’s schneller und mit größerer Zufriedenheit der Bevölkerung. Nur ein Beispiel ist, dass man Schulwege gemeinsam mit den Eltern und Kindern gestaltet. Gesundheit wird letztlich von den Menschen selbst gestaltet. Ich möchte noch einmal betonen, was Stadtplanung und Politik leisten können: die Verhältnisse so zu gestalten, dass die gesunde Wahl die einfachste Wahl ist. Der Rest ist dann aber die Entscheidung der Menschen.

Titelbilder vergangener Ausgaben

forum-Archiv

Hier finden Sie ältere Magazin-Ausgaben als PDF zum Download.