Blut ist nicht gleich Blut

Von Tanja Wolf Lesezeit 4 Minuten
Karl Landsteiner

Karl Landsteiner machte 1900 eine der segensreichsten Entdeckungen der Medizin: das System der Blutgruppen. Es ermöglichte sichere Transfusionen, die zuvor meist tödlich endeten.

Zur Ader gelassen zu werden, hat medizinisch keine Vorteile. Die Jahrtausende alte medizinische Praxis beruhte auf der Annahme, es sei hilfreich, eine größere Menge Blut abzuzapfen, etwa, weil dem Körper dadurch krankmachende Säfte entzogen würden oder das richtige Verhältnis der sogenannten Körpersäfte wiederhergestellt werde. Seit der Antike, seit Hippokrates (etwa 460 bis 370 v. Chr.) ging man von vier Säften aus, die für die Gesundheit im Gleichgewicht sein müssen: Blut, Schleim, gelbe und schwarze Galle. Es gab sogar Aderlass-Kalender, die festhielten, welche Ader bei welchem Leiden zu ›schlagen‹ sei. Fatalerweise wurde die Menge Blut, die im menschlichen Körper zirkuliert, drastisch überschätzt. Das reduzierte die Überlebenschancen deutlich. Vor allem ahnte man nicht, was Blut im Innersten zu bieten hat – bis zum Jahr 1900.

Eine Fußnote löste ein großes Rätsel der Medizin

Am 10.Februar jenes Jahres erwähnte der Wiener Mediziner und Chemiker Karl Landsteiner im ›Centralblatt für Bacteriologie‹ in einer Fußnote auf Seite 361, das Blutserum von normalen Menschen könne die roten Blutkörperchen anderer gesunder Individuen verklumpen lassen. Landsteiner, am 14. Juni 1868 in Baden bei Wien als Sohn des Wirtschaftsjournalisten und Zeitungsherausgebers Leopold Landsteiner geboren, war damit auf einer wichtigen Spur. Seit dem 16. Jahrhundert war zwar der Blutkreislauf bekannt, aber die erste Bluttransfusion 1667 glückte nur durch Zufall, zumal der Spender ein Schaf war. Dass Blut aber nicht gleich Blut ist, dass es vielmehr verschiedene Blutgruppen mit verschiedenen Eigenschaften gibt, ahnte man nicht. Die Folge: Blutübertragungen endeten häufig tödlich und wurden in einigen Ländern verboten. Ein letzter Erfolg gelang dem britischen Gynäkologen James Blundell 1825: Er rettete eine Frau, die bei der Geburt ihres Kindes viel Blut verloren hatte, mit einem Viertelliter Blut aus dem Oberarm seines Assistenten. Karl Landsteiner hatte also gute Gründe, seiner Erkenntnis zum Verklumpen der roten Blutkörperchen weiter auf den Grund zu gehen. Er war damals 32 Jahre alt und noch nicht habilitiert. Ein Jahr später, 1901, veröffentlichte er in der Wiener Klinischen Wochenschrift den Fachaufsatz ›Über Agglutinationserscheinungen normalen menschlichen Blutes‹. Darin beschrieb er seine These, dass es sich bei den beobachteten Verklumpungen im Blut nicht um eine krankhafte, sondern um eine natürliche Reaktion handeln müsse.

Gefährliche Agglutinate

Landsteiner hatte in Wien Medizin und anschließend Chemie in Würzburg, München und Zürich studiert. Er hatte 1891 promoviert und arbeitete am serologisch-pathologischen Institut der Universität Wien. Dort analysierte er systematisch Blutproben – seine eigenen und die seiner Mitarbeiter. Das Blut wurde zentrifugiert, dadurch trennte Landsteiner die Blutkörperchen von der Blutflüssigkeit. Dann mischte er die Blutkörperchen jeder Versuchsperson mit dem Serum der anderen Versuchspersonen. Bei einem Teil der Kombinationen blieben Serum und Blutkörperchen harmonisch gemischt. Bei einem anderen Teil aber bildeten sich Klümpchen – jene Agglutinate, die Landsteiner 1900 in seiner Veröffentlichung erwähnt hatte. Das Serum verschiedener Menschen konnte also unterschiedliche Eigenschaften haben. Seine Schlussfolgerung: Es müsse drei verschiedene Blutgruppen geben. Er nannte sie A, B und C. Die Blutgruppe C wurde später in Null umbenannt. 1902 entdeckten seine Mitarbeiter eine vierte Gruppe: AB. Seit 1928 sind diese Bezeichnungen weltweit genormt.

Ursache der Unverträglichkeit: Bestimmte Eiweißmoleküle an der Oberfläche der roten Blutkörperchen vertragen sich nicht mit Antikörpern im fremden Blutserum. Gegen Merkmale, die sich nicht auf den eigenen Blutkörperchen finden, bildet der Körper also Abwehrmoleküle. Ein Mensch mit der Blutgruppe A bildet Antikörper gegen B. Bei der Blutgruppe B ist es andersherum.

Menschen mit der Blutgruppe 0 bilden Antikörper gegen A und gegen B. Die Blutgruppe AB bildet dagegen keine Antikörper. Wird nicht das passende Blut transfundiert, werden die fremden Blutkörperchen attackiert und sie verklumpen. Karl Landsteiner hatte damit die theoretische Basis für unschädliche Bluttransfusionen geschaffen. Dafür erhielt er 1930 den Nobelpreis für Medizin. Er hatte ein jahrtausendealtes Rätsel der Medizin gelöst.

Rettung bei OPs im Ersten Weltkrieg

Die Sicherheit im Umgang mit Bluttransfusionen zahlte sich schon im Ersten Weltkrieg aus. Die fürchterlichen Verletzungen der Soldaten konnten nun dank Bluttransfusionen operiert werden, der Blutverlust war kein Todesurteil mehr. Blutkonserven wurden durch die Zugabe von gerinnungshemmenden Mitteln und Traubenzucker länger haltbar. Die Wirtschaftskrise nach dem Ersten Weltkrieg aber bewog Karl Landsteiner 1919, zusammen mit seiner Frau und seinem Sohn Österreich zu verlassen. Zunächst ging die Familie in die Niederlande. 1922 erhielt er, seit 1911 Professor für Pathologie, einen Ruf ans Rockefeller Institute in New York, wo er sich hauptsächlich der Immunologie, Serologie und Genetik widmete. Die USA wollten eine Blutbank aufbauen, brauchten also die Technik, um Blut zu lagern.

Landsteiners zweite große Entdeckung

1940 entdeckte Landsteiner zudem mit seinem Kollegen Alexander Wiener eine weitere Ursache der Unverträglichkeit von Blutübertragungen. Sie wurde nach Versuchen mit Rhesusaffen ›Rhesusfaktor‹ genannt: Entscheidend, um Transfusionen noch sicherer zu machen – aber auch Geburten. Denn die Antikörper im Rhesus-System waren ein Grund für die damals hohe Kindersterblichkeit. Ist jemand Rhesus-positiv, ist das Rhesus-Antigen auf den roten Blutkörperchen vorhanden (Rh+). Bei Rhesusnegativen Menschen fehlt das Antigen (Rh-). Damit ist das Rhesus-System der Blutgruppen das zweitwichtigste Blutgruppensystem.

Ein Ausnahme-Immunologe

Aus Sicht von Giulio Superti-Furga, Gründungsdirektor des CeMM Forschungszentrums für Molekulare Medizin der Österreichischen Akademie der Wissenschaften, war Karl Landsteiner ein »Ausnahme-Immunologe, der Medizingeschichte geschrieben und unzählige Leben gerettet hat«. Heute steht die Blutgruppe im Blutspende-Pass, manche Menschen wissen sie auswendig.

Landsteiner forschte aber auch auf anderen Gebieten. 1908 lieferte er gemeinsam mit dem österreichischen Mediziner Erwin Popper den Beweis, dass es sich bei der Kinderlähmung um eine infektiöse Erkrankung handelt. Am Wiener HygieneInstitut verfeinerte Landsteiner zudem die SyphilisDiagnostik und legte damit die Grundlage für die Entwicklung eines Impfstoffes in den 1980er-Jahren. Insgesamt verfasste er etwa 350 wissenschaftliche Arbeiten, prüfte stets alles ganz genau und führte alle wichtigen Experimente selbst durch. Ein machtbewusster Forscher war er allerdings nicht. Im Gegenteil: Er galt als bescheidener und scheuer Mensch.

Sein Geburtstag ist seit 2004 Weltblutspendetag

Aus persönlichen Gründen konzentrierte er sich in den letzten Jahren seines Lebens auf die Onkologie, da seine Frau Helene an Schilddrüsenkrebs erkrankt war. Doch er konnte ihr nicht mehr helfen: Kurz nach seinem 75. Geburtstag erlitt er im Labor einen Schlaganfall, an dem er zwei Tage später verstarb. Seine Frau starb etwa sechs Monate später. Der 14. Juni, der Geburtstag Landsteiners, ist seit 2004 Weltblutspendetag.

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