Ein Herz für Kinder

Von Tanja Wolf Lesezeit 4 Minuten
Ein Porträtfoto von Paul Grosser

Der Mediziner Paul Grosser war 1919 der erste Kinderarzt, der in seinem Fach habilitierte. 14 Jahre später floh er mit seiner Familie – Grosser war Jude. Er starb kurz darauf im französischen Exil. Erst 1998 entschuldigte sich die deutsche Kinderheilkunde bei seinem Sohn, dem Publizisten Alfred Grosser.

Die Nazis kamen am 1. April 1933. Sie postierten sich vor dem Kinderhospital in Frankfurt am Main und vor der Privatpraxis in der Mendelssohnstraße 92 im schicken Frankfurter Westend. Ihr Ziel: Paul Grosser. Einer der bedeutendsten Kinderärzte seiner Zeit sollte nicht mehr arbeiten. Sein Vergehen: seine Religion. Im Ersten Weltkrieg hatte er als Stabsarzt für Deutschland gekämpft und war mit dem Eisernen Kreuz Erster Klasse ausgezeichnet worden. All das zählte nun nicht mehr.

Jedes fünfte Kind starb im ersten Lebensjahr

Gut 1.400 Kinderärzte gab es 1933 in Deutschland, fast die Hälfte davon waren jüdischen Glaubens. Die sogenannte Pädiatrie war damals noch ein junges Fach. Paul Grosser, geboren am 4. Februar 1880 als Sohn eines Verlagsbuchhändlers in Berlin, hatte 1898 Abitur gemacht und sich direkt für die Kinderheilkunde entschieden. Er studierte in Freiburg, Berlin und München, lernte bei vielen renommierten Ärzten, etwa bei Rudolf Virchow und bei Otto Heubner an der Charité, dem ersten ordentlichen Professor für Kinderheilkunde. Er promovierte zu ›Lungentuberkulose und Trauma‹ und habilitierte 1919 an der Universität Frankfurt – als erster Kinderarzt in Deutschland. Er wollte viel erreichen für seine kleinen Patientinnen und Patienten.

Gegen viele Krankheiten war man machtlos – die Erreger waren unsichtbar, die Verbreitungswege unbekannt.

Die soziale Pädiatrie war dringend nötig. Jedes fünfte Kind starb damals im ersten Lebensjahr. 1880, in Grossers Geburtsjahr, überlebte sogar jedes vierte Kind die ersten zwölf Monate nicht. Viele Mediziner nahmen das hin. Man kannte es nicht anders. Die Säuglinge starben meist an Infektionen, vor allem an Durchfall, Diphtherie, Pocken oder Scharlach, an Tuberkulose oder Bronchitis. Gegen die meisten dieser Krankheiten war man machtlos – die Erreger waren unsichtbar, die Verbreitungswege unbekannt.

Mehr Schutz für die Kleinsten

Paul Grosser wollte die Kinderheilkunde besser machen. 1908 wurde er Assistenzarzt an der neuen Kinderklinik des Städtischen Krankenhauses Frankfurt-Sachsenhausen, drei Jahre später eröffnete er seine eigene Praxis für Kindermedizin. Einer seiner Schwerpunkte waren Stoffwechselkrankheiten bei Kindern, etwa die Rachitis, hervorgerufen durch einen extremen Vitamin-D-Mangel, begünstigt meist durch zu wenig Sonnenlicht oder Mangelernährung. In den Kliniken, die er leitete, modernisierte er die Stationen entsprechend, ab 1921 in der Kinderklinik mit Säuglingsheim in der Böttgerstraße, Böttgerheim genannt, und ab 1930 im Clementine Kinderhospital. Grosser ließ dort eine Säuglingsabteilung einrichten mit Einzelboxen, um Infektionen zu reduzieren, dazu eine Milchküche, ein Laboratorium, einen Röntgenapparat sowie eine Höhensonne zur Bestrahlung. Auch den Garten bezog er in das Genesungskonzept ein. Er erlaubte sogar den Eltern, bei ihrem Kind zu bleiben. Dank der besseren Hygiene war die Kindersterblichkeit deutlich niedriger als anderswo.

Entrechtet innerhalb weniger Monate

Seit 1923 war Paul Grosser außerordentlicher Professor für Kinderheilkunde an der Universität Frankfurt. Insgesamt hat er über 50 Fachpublikationen veröffentlicht. Doch schon im April 1933 verboten die Nationalsozialisten den jüdischen Ärztinnen und Ärzten Privatabrechnungen. Am 29. April 1933 untersagte der Dekan der Medizinischen Fakultät in Frankfurt den jüdischen Kollegen die Lehre – offiziell begründet mit »der gegenwärtigen Einstellung der Studentenschaft«. Im Mai 1933 erhielt Grosser von der Fakultät die Aufforderung, alle Vorlesungen abzusagen. Sein acht Jahre alter Sohn Alfred wurde von Mitschülern krankenhausreif geschlagen, und militärische Vereinigungen schlossen Grosser als Weltkriegsveteranen aus ihren Reihen aus. Im Sommer 1933 wurde Paul Grosser als Klinikdirektor entlassen.

Neuanfang in Frankreich

Grosser reagierte: Am 25. Oktober 1933 trat er aus der Deutschen Gesellschaft für Kinderheilkunde aus und kündigte an, »als Nichtarier aus Deutschland« auszuwandern. Mitte Dezember 1933 floh die Familie mit dem Zug über die Schweiz nach Frankreich. Grosser sprach Französisch und wollte sich dort eine neue berufliche Existenz aufbauen. Sein Ziel war, in Saint-Germain-en-Laye nahe Paris eine Kinderklinik zu eröffnen. Er fand ein großes Haus mit einem weitläufigen Garten, doch als Arzt arbeiten durfte er nicht. Nach französischem Recht hätte er alle Diplome neu erwerben müssen. So schilderte es Jahrzehnte später sein Sohn Alfred. In den USA wären seine Titel anerkannt worden, aber Paul Grosser beherrschte die englische Sprache nicht. Deshalb plante er, einen jungen französischen Arzt zu finden, der rechtlich das Haus leiten sollte. Offenbar fand er ein Ärzte-Ehepaar, Hubert und Suzanne Canale. Sogar seine deutsche Sprechstundenhilfe und Röntgenassistentin Therese Heck folgte der Familie Grosser ins Exil. Doch am 7. Februar 1934 erlitt Paul Grosser kurz nach seinem 54. Geburtstag einen Herzinfarkt und starb.

Seine Frau Lily führte die Kinderklinik zwar als Kinderheim fort und erhielt 1937 mit ihren Kindern Margarethe und Alfred die französische Staatsbürgerschaft, aber als die Nationalsozialisten 1940 in Frankreich einmarschierten, mussten sie erneut fliehen. Alfred Grosser und seine Schwester Margarethe machten sich auf Fahrrädern auf den Weg in das unbesetzte Südfrankreich. Doch Margarethe starb 1941, mit 19 Jahren, auf der Flucht an einer Blutvergiftung. Lily Grosser und ihr Sohn Alfred überlebten in getrennten Verstecken. Aber Paul Grossers Schwester Ida Landsberger und ihr Mann, ebenfalls Arzt, wurden 1944 von Theresienstadt nach Auschwitz deportiert und dort ermordet. Grossers Assistentin Therese Heck wurde von der Vichy-Regierung interniert.

Späte Reaktion der Fachgesellschaft

Die Deutsche Gesellschaft der Kinder- und Jugendmedizin (DGKJ) hat sich zu ihrer Schuld viele Jahrzehnte nicht bekannt. Erst 1995, 50 Jahre nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs, ging die sogenannte Historische Kommission den Schicksalen der entrechteten Kinderärztinnen und Kinderärzte nach. Drei Jahre später lud die Fachgesellschaft Überlebende und Angehörige zu einer Gedenkstunde ein und veröffentlichte die sogenannte Dresdener Erklärung. Darin erinnerte die DGKJ an »jene kinderärztlichen Kolleginnen und Kollegen, deren Existenzen in der Zeit des Nationalsozialismus aus politischen Gründen zerbrochen oder vernichtet wurden – nach langen Jahren des Schweigens«. Auch der Sohn von Paul Grosser kam zur Veranstaltung. Alfred Grosser, längst ein bekannter Politologe, Publizist und Wegbereiter der deutsch-französischen Freundschaft, seit 1975 Träger des Friedenspreises des Deutschen Buchhandels, hatte zuvor bereits kritisiert, dass die deutsche Kinderheilkunde von der Vertreibung und vom baldigen Tod seines Vaters keine Notiz genommen hatte, reichte nun aber die Hand. Der Vorstand der Deutschen Gesellschaft für Kinderheilkunde und Jugendmedizin bekannte sich dazu, in der Zeit des Nationalsozialismus Schuld auf sich geladen und »die Zerstörung der Existenz von über 700 jüdischen oder politisch missliebigen Kolleginnen und Kollegen widerstandslos geduldet« zu haben. Im Clementine Kinderhospital erinnert seit dem 5. März 1998 eine Gedenktafel an Paul Grosser und andere Verfolgte und Ermordete des Nationalsozialismus. An Lily Grosser erinnert ein Stolperstein in der Mendelssohnstraße 92. Sie erhielt 1962 das Bundesverdienstkreuz. 

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