Gegen jede Chance

Von Tanja Wolf Lesezeit 4 Minuten
Portrait von Elizabeth Blackwell

Eine Frau als Ärztin? In der Mitte des 19. Jahrhunderts undenkbar. Die Frau, die es in den USA als Erste schaffte, setzte Maßstäbe. Die von ihr gegründete Klinik gibt es bis heute. Dabei praktizierte sie gar nicht gern.

Nur wenige kennen heute noch Elizabeth Blackwell. Die gebürtige Britin hat im 19. Jahrhundert etwas damals gesellschaftlich Unvorstellbares geschafft: Sie wurde 1849 die erste studierte Ärztin in den USA. Sie gründete ein Krankenhaus und ein Institut, das zum Vorläufer des britischen National Health Service (NHS) wurde. Sie schrieb Medizingeschichte. Aber leicht machte sie es anderen Frauen nicht.

Elizabeth Blackwell, 1821 geboren, war das dritte von neun Kindern eines britischen Zuckerfabrikanten. Die Familie war wohlhabend, fromm und idealistisch. Alle fünf Schwestern erhielten die gleiche Bildung wie die vier Brüder, und die Familie positionierte sich gegen den Sklavenhandel. Nach einem Brand der Zuckerfabrik zog die Familie um nach New York, dann nach Long Island. Als der Vater 1838 überraschend starb, stand die Familie vor finanziellen Schwierigkeiten. Um Geld zu verdienen, gründeten die belesenen Schwestern eine Schule für junge Ladys. Elizabeth ging nach Kentucky und wurde dort Schulleiterin, sonntags unterrichtete sie die Sklaven, was eigentlich verboten war. Mit 23 Jahren kehrte sie nach Connecticut zurück. Sie interessierte sich für Frauenrechte und somit auch für die Werke der Schriftstellerin und Journalistin Margaret Fuller. Diese schrieb, dass Frauen sich ermächtigen müssten, ihr Leben selbst zu gestalten, und dass sie alle Berufe ausüben können. Den Ausschlag zur Medizin gab vermutlich ein Besuch bei einer guten Freundin, die an Krebs erkrankt war und Elizabeth beschwor, Medizin zu studieren, damit Frauen von Frauen untersucht und behandelt werden könnten. Eigentlich war Elizabeth nicht geboren für den Arztberuf, das Körperliche lag ihr nicht so, sie widmete sich bevorzugt der Philosophie und war lieber allein als in Gesellschaft. Aber sie war ehrgeizig. Und in der Medizin war es die größte Herausforderung, die Erste zu sein.

Auf einem moralischen Kreuzzug

Mehrere Ärzte rieten ihr davon ab: zu teuer, zu anstrengend, chancenlos. Einer aber, Doktor Joseph Warrington, war beeindruckt von Elizabeths Interesse und Ernsthaftigkeit. Er riet ihr, ins fortschrittliche Paris zu gehen – in Männerkleidung. Aber das kam für sie nicht infrage. Sie sah sich auf einem »moralischen Kreuzzug«, so schrieb sie es 1851 rückblickend in einem Brief an die Dichter-Ehefrau Anne Isabella Noel-Byron, genannt Lady Byron, Mutter der späteren Mathematikerin Ada Lovelace. Elizabeth wollte »den Weg der Gerechtigkeit und des gesunden Menschenverstands« gehen, und dieser Weg »musste im Licht des Tages und mit öffentlicher Zustimmung verfolgt werden, um sein Ziel zu erreichen«. Bei Doktor Warrington begann sie also, medizinische Bücher zu lesen. Er nahm sie mit zu ärztlichen Hausbesuchen und Untersuchungen und bot ihr an, ein Empfehlungsschreiben für die Zulassung zum Medizinstudium zu verfassen: »Wenn das Projekt göttlichen Ursprungs und Bestimmung ist, wird es früher oder später verwirklicht werden.«

29 Bewerbungen – und nur Absagen 1846 hatte Elizabeth dann genug Geld beisammen. Sie schrieb 29 Bewerbungen – und wurde überall abgelehnt. Schließlich landete ihr Gesuch am kleinen Geneva Medical College in New York. Dort entschied der Dekan, die Studenten abstimmen zu lassen. Die wiederum glaubten an einen Scherz – und stimmten alle mit Ja. Folglich waren alle Beteiligten überrascht – und Elizabeth war aufgenommen, ein Präzedenzfall. Miss Blackwell wurde Jahrgangsbeste. Das Studium dauerte damals allerdings nur zweimal 16 Wochen und bestand vor allem aus Theorie, meist ohne einen einzigen Patienten zu sehen. Es gab Abtasten, Aderlass, Blutegel, Schwitzkuren und herbeigeführtes Erbrechen. Die Medizin hatte zu Elizabeths Studienzeit nur sehr bescheidene Mittel und sich seit der Antike kaum weiterentwickelt. Niemand wusste etwas von Viren und Bakterien. Wirksame Medikamente gab es noch nicht, ein Bewusstsein für Hygiene auch nicht.

Bei aller Kritik an der patriarchalischen Gesellschaft äußerte sie nur selten Hochachtung für andere Frauen.

Elizabeth war bei ihrer ersten praktischen Station im Blockley Almshouse, einem großen Armenkrankenhaus, später bekannt als Philadelphia General Hospital, direkt mit Frauen mit Syphilis konfrontiert. Sie schrieb Briefe nach Hause über die schlimme Krankheit und spürte durchaus Ekel vor dem menschlichen Körper. Aber im Zuge ihrer Doktorarbeit zum Thema Fleckfieber betonte sie recht weitsichtig bereits die Bedeutung von Hygiene und Händewaschen. Sie selbst verlor durch eine bakterielle Ansteckung auf einer Neugeborenenstation ein Auge und musste von da an mit einem Glasauge leben.

Paris, London, New York

Sie wechselte noch häufig ihre Arbeitsstätten und reiste nicht nur in den USA beeindruckend viel hin und her. Sie ging tatsächlich noch nach Paris, in das berühmte l’Hospice de la Maternité. Dort hatte Marie Anne Victoire Boivin, eine bekannte französische Hebamme, schon fortschrittliche Standards gesetzt. Boivin hatte ebenfalls hart um Anerkennung gerungen und 1827 von der Universität Marburg die Doktorwürde verliehen bekommen. Sie verwendete als eine der Ersten das Stethoskop, um die Herztöne von Föten im Mutterleib zu kontrollieren. Für ein weiteres Praxissemester wechselte Blackwell nach London. Dort lernte sie die Krankenschwester Florence Nightingale kennen. Die beiden Frauen, etwa gleich alt, freundeten sich an und blieben lebenslang in Kontakt – für Blackwell eine Seltenheit. Bei aller Kritik an der patriarchalischen Gesellschaft äußerte sie nur selten Hochachtung für andere Frauen.

Ein Familienunternehmen

1851 zog sie zurück nach New York. Sie hielt Vorträge über Gesundheitsthemen, wollte sich niederlassen, erhielt aber kaum Aufträge. Als Ärztin zu praktizieren, lag ihr auch gar nicht unbedingt. Das konnte ihre jüngere Schwester Emily besser. Auch sie studierte Medizin und wurde 1854 die dritte Frau mit einem Abschluss in Medizin in den USA.

Der rationale und gewissenhafte Arzt wird nicht berühmt.

1857 eröffneten die Schwestern gemeinsam ein Krankenhaus in Manhattan, das New York Infirmary für arme Frauen und Kinder. Diese Klinik hatte mehr als 120 Jahre Bestand. Heute ist es das ›New York-Presbyterian Lower Manhattan Hospital‹. 1869 gründeten die Schwestern zudem ein eigenes College, um Frauen den Weg in den Medizinberuf zu erleichtern. Elizabeth bestand auch hier auf strengen Standards: Die Zulassungsexamen und Abschlussprüfungen waren schwer, damit die angehenden Ärztinnen sich in der männerdominierten Medizin behaupten konnten und der Ruf der Blackwell-Schwestern keinen Schaden nahm. Sie schlossen das College nach 30 Jahren, als das Medizinstudium 1899 allgemein für Frauen geöffnet wurde. Auch hier führte hauptsächlich Emily die Geschäfte. Elizabeth blieb nur kurze Zeit, 1869 kehrte sie nach Großbritannien zurück und setzte sich für Reformen in der Medizin ein, vor allem für mehr Hygiene, Gesundheitsprävention und Gesundheitsaufklärung. Genau das waren die Aufgaben der 1871 gegründeten National Health Society, der Vorläuferin des britischen National Health Service NHS. Auch hier war Elizabeth Blackwell beteiligt.

Wegweisend

Die Frau, die so viele wichtige Grundlagen legte und als erste 1859 in das Ärzteverzeichnis des British General Medical Council aufgenommen wurde, zog sich ab 1875 zurück, schrieb mehrere Bücher. Sie kritisierte nach außen heroische, aber eigentlich leichtsinnige Mediziner: »Der rationale und gewissenhafte Arzt wird nicht berühmt.« Blackwell starb 1910 mit 89 Jahren. Begraben ist sie in Schottland. Zum Zeitpunkt ihres Todes gab es in den USA gut 9000 Ärztinnen, das waren 6% aller Mediziner. Heute sind es 39%, und etwas mehr als 50% der Studierenden sind Frauen.

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