Vorkämpferin für die professionelle Pflege

Von Tanja Wolf Lesezeit 4 Minuten
Sitzung der Vorstandsmitglieder des Deutschen Krankenpflegeverbandes, Schwester Agnes Karll ganz rechts.

Die deutsche Krankenschwester Agnes Karll hat viel für eine bessere Absicherung ihrer Profession erreicht. Sie gründete u. a. die Vorgängerorganisation des Deutschen Berufsverbandes für Pflegeberufe (DBfK).

»Frau Ehrenpräsidentin, Ihr Einsatz für eine geschulte Krankenpflege steht dem Wirken der Florence Nightingale in nichts nach. Ihre Erkenntnis, die Missstände in dem Krankenpflegeberuf öffentlich darzustellen und alle Verbände zu gemeinsamen Änderungsvorschlägen aufzurufen, ist der einzig gangbare Weg zur Abhilfe. Ich lobe Ihren totalen Einsatz.«

Mit diesen Worten würdigte Hermann Hecker, Regierungs- und Medizinalrat, in der Festhalle des Kölner Gürzenich im August 1912 Agnes Karll – eine Frau, die nur wenigen bekannt ist, die aber Entscheidendes für die Pflegeprofession in Deutschland erreicht hat. Mit viel Energie setzte sie sich für bessere Arbeitsbedingungen in der Pflege ein. Der Kongress war ein großer Erfolg, es kamen fast tausend Krankenpflegerinnen aus aller Welt, die Medien berichteten umfangreich. Agnes Karll, die ehemalige Rotkreuzschwester, Privatpflegerin und Versicherungsangestellte, war damals 44 Jahre alt. Die von ihr gegründete ›Berufsorganisation der Krankenpflegerinnen Deutschlands‹ zählte rund 2.500 Mitglieder, war national wie international gut vernetzt und nahm zunehmend auch politisch Einfluss. Agnes Karll war ein Vorbild für viele Frauen. Aber ihr Wirken wird heute neu bewertet. »Sie hat Wichtiges geleistet, aber sie war nicht die Reformerin der Pflege«, sagt Elke Vogel, Pflegewissenschaftlerin an der Uni Koblenz. Und an die Strahlkraft einer Florence Nightingale reichte sie nicht heran.

Mit 19 Jahren Rotkreuzschwester

Agnes Karll wurde am 25. März 1868 in der Lüneburger Heide geboren und wuchs auf einem Gutshof auf. Sie kam aus einer gebildeten, einst wohlhabenden Familie und wäre gerne Ärztin geworden, damals ein unerfüllbarer Wunsch. So entschied sie sich, Krankenschwester zu werden. Ihre erste Arbeitsstätte war das Clementinenstift des Roten Kreuzes in Hannover. Die Krankenpflege war einer der wenigen Berufe, den Frauen um die Jahrhundertwende überhaupt ergreifen konnten. Mit 19 Jahren begann sie, als Pflegerin zu arbeiten.

Die Belastung in Pflegeberufen ist heute immer noch hoch, aber damals war es noch deutlich härter: Überanstrengung, Arbeitstage bis zu 20 Stunden, Nachtwachen, bescheidene Gehälter, keine einheitlich geregelte Ausbildung, fehlende soziale Absicherung. Gerade die kirchlichen Häuser verlangten Pflichterfüllung und Selbstlosigkeit. Die ständige Überlastung führe oft, so Hecker, in »erschütternder Weise« zu vorzeitiger Arbeitsunfähigkeit, in besonders schweren Fällen zum frühen Tod. Während in anderen Berufen längst eine gesetzlich festgelegte Maximalarbeitszeit galt, blieben Krankenpflegerinnen die ›Stiefkinder der Sozialpolitik‹ und meist sich selbst überlassen.

»Mein schöner Beruf«

Immerhin war das Clementinenstift fortschrittlich. Es galt als eines der modernsten Krankenhäuser Europas, bot fließendes Wasser – kalt und warm – und orientierte sich an aktuellen medizinischen Standards. Die Schwesterntracht war exakt vorgeschrieben: Haube, Kleid, Rock, Schürze und Kragen. Die Haube fand sie anfangs »etwas lästig«. Doch, so schrieb sie an ihre Mutter: »Ich fühle mich sehr befriedigt durch meinen schönen Beruf. Ich hoffe, ihm geistig und körperlich gewachsen zu sein.« Die »grenzenlose Heftigkeit, Strenge und Hochmut« der Oberin machten ihr jedoch mehr und mehr zu schaffen. Schließlich entschied sie sich mit 22 Jahren, das Clementinenstift zu verlassen und als freie Schwester zu arbeiten. Ende 1891 dann ging sie nach Berlin und wurde Privatpflegerin, etwa für ältere Damen. Das war weniger anstrengend, bedeutete allerdings eine große Nähe und wenig Privatsphäre.

Schon da überlegte sie, einen Verein zu gründen, um die beruflichen Verhältnisse zu verbessern und die Krankenschwestern bei Krankheit und im Alter abzusichern. Das scheiterte zunächst an den hohen Kosten. 1894 aber begleitete Agnes Karll eine kranke Amerikanerin in die USA. Was sie dort sah, war eine andere Pflegestruktur. Sie lag nicht in der Hand christlicher Orden, und berufstätige Frauen waren generell nicht ungewöhnlich. Die Pflege wurde somit nicht als selbstlose Berufung, sondern als Beruf verstanden. Das war für sie eine prägende Erfahrung.

Agnes Karll verschrieb sich dem Ziel, bessere Arbeitsbedingungen in der Krankenpflege zu erreichen. »Aber sie wollte weiterhin absolute Hingabe für diesen Beruf«, sagt Elke Vogel, die derzeit den Nachlass von Agnes Karll auswertet. »Einen Acht- Stunden-Tag, der damals schon gefordert wurde, konnte sie sich nicht vorstellen.« Und sie bestand stets auf der traditionellen Berufsbezeichnung ›Schwester‹. Aber sie wusste die Gunst der Stunde zu nutzen. Der Deutsche Reichstag debattierte über die Lage der Krankenschwestern. Die Ordenshäuser steckten an der Schwelle zum 20. Jahrhundert in einer Krise, denn die selbstlose, aufopfernde Pflege entsprach nicht mehr den Bedürfnissen der jungen Frauengeneration, und die Ärzteschaft wollte qualifizierte weibliche Hilfskräfte.

Kluge Netzwerkerin

In dieser Phase wandte Agnes Karll sich an die aufkommende Frauenbewegung. Auf der Generalversammlung des Bundes Deutscher Frauenvereine 1902 in Wiesbaden brachte sie Vorschläge zur Ordnung der Krankenpflege ein – mit Erfolg: Die Versammlung verabschiedete eine Petition, in der die Regierung aufgefordert wurde, unter anderem eine dreijährige Krankenpflege-Ausbildung zu beschließen und die Berufsangehörigen vor Überlastung zu schützen.

Im Januar 1903 gründete sie dann in ihrer neuen Heimat Berlin mit gut 30 Schwestern die ›Berufsorganisation der Krankenpflegerinnen Deutschlands‹ (B.O.K.D.), die Vorgängerorganisation des heutigen Deutschen Berufsverbandes für Pflegeberufe (DBfK). Die erste Vorsitzende: Agnes Karll. Zweck des Vereins: »Die Förderung aller Interessen der Krankenpflegerinnen Deutschlands« und die »Erziehung der Schwestern zur Selbstständigkeit«. Karlls Ziel war eine Professionalisierung des Pflegeberufs, mehr Selbstständigkeit und Selbstverantwortung, eine Anerkennung der Fachkompetenz und die Absicherung der Berufsrisiken. Sie forderte eine dreijährige einheitliche Ausbildung, eine staatliche Prüfung und ein staatliches Zeugnis. Auch eine akademische Bildung in der Pflege hielt sie für wichtig, zumindest für die Führungskräfte. Für all das vernetzte sie sich auch über Ländergrenzen hinweg, etwa mit dem International Council of Nurses (ICN), dem Weltbund für Pflegende, zu dessen Ehrenpräsidentin sie 1912 im Kölner Gürzenich ernannt wurde.

Von der Pflege zur Versicherung

Mittlerweile arbeitete sie selbst kaum noch als Pflegerin. 1901 hatte sie den Beruf gewechselt und verdiente ihr Geld bei einer Berliner Versicherungsgesellschaft. Was skurril klingen mag, war dem Zufall zu verdanken und ein Glücksfall für ihren Verein. Agnes Karll hatte die Tochter des Chefs der Anker-Versicherung bei einer Kur betreut. Der Chef sah in der wachsenden Berufsgruppe der Krankenpflegerinnen eine vielversprechende Kundschaft – und brauchte Fachleute aus anderen Berufen, um verschiedene Zielgruppen sachverständig ansprechen zu können. Karll konnte nun die Frauen in ihrem Verein fachlich beraten.

Die Saat wird doch einmal aufgehen, vielleicht lange hinter uns.

Dann kam der Erste Weltkrieg. Von September 1914 bis Juli 1916 organisierte und leitete die B.O.K.D. zahlreiche Quarantäneeinrichtungen und Lazarette. Agnes Karll besuchte die Einrichtungen regelmäßig.

Bis zu ihrem Tod blieb Agnes Karll Vorsitzende des B.O.K.D. Sie starb am 12. Februar 1927 im Alter von 58 Jahren in Berlin an Brustkrebs. Beerdigt ist sie in Gadebusch in Mecklenburg-Vorpommern. Im Februar 2026 soll es eine Sonderbriefmarke für sie geben, im Rahmen der Serie ›Helferinnen und Helfer der Menschheit 2.0‹.

Kurz vor ihrem Tod schrieb sie: »Wir alle müssen jetzt weit zurückbleiben hinter dem, was wir einst gehofft, und dankbar sein für das, was wir schaffen durften. Ich glaube nicht, dass Arbeit, die in dem Sinn geleistet wird, wie wir es tun, im Sand verrinnen kann, wenn es im Augenblick auch so scheinen mag. Die Saat wird doch einmal aufgehen, vielleicht lange hinter uns.«

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